VERGESSENE ORTE III: Als die Reichsten im Westquartier wohnten

Das Westquartier ist ein kleinerer Stadtteil von Wil mit imposanten Gebäuden und spannenden Geschichten. Familiendramen, ein einflussreicher Architekt und eine Siedlung, die zur Minderung der Wirtschaftskrise gebaut wurde.

Natalie Milsom
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Haus India auf einer Postkarte aus 1907, die die Familie Mahler drucken liess. (Bild: Max Tröndle)

Haus India auf einer Postkarte aus 1907, die die Familie Mahler drucken liess. (Bild: Max Tröndle)

Natalie Milsom

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«Das Alleeschulhaus ist ein markanter Bau. Es steht als Eingang zum Westquartier. Aber eigentlich hätte es gar nicht hier gebaut werden sollen.» Guido Bünzli steht vor dem imposanten Bauwerk und erzählt. Es gibt wohl kaum etwas, das er über das Westquartier nicht weiss. Obwohl er erst 1981 nach Wil und 1999 ins Westquartier gezogen war, ist er doch in Bezug zu dessen Vergangenheit ein Experte. Bei vielen Häusern kennt er die Geschichte, die Familie und eine Anekdote. So auch beim Alleeschulhaus: «Als Standort waren verschiedene Orte im Gespräch. Zum Beispiel überlegte man, den Stadtweier aufzufüllen und das Schulhaus dort zu bauen. Im Westquartier wollte man lieber vermögende Wiler ansiedeln. Ein Schulhaus hatte nur wenig Priorität.» Schliesslich wurde es 1905 dann doch beim Bahnhof gebaut und kostete 200000 Franken. Der Architekt war Paul Truniger, der vom Aufschwung Wils profitierte und sehr aktiv war. Er baute unter anderem das Gaswerk, das Schulhaus St. Katharina, die Villa India und das Haus Jupiter, die Stickereifachschule. Er war auch am Bau des Soldatendenkmals in der Allee und der Badi Weierwiese beteiligt.

Die Krisenhäuser brachten Arbeit

Der Präsident des Quartiervereins Wil West spaziert durch die Weststrasse, die den Gleisen entlangführt. Er weist auf die baugleichen Häuser hin. «Auch hier hat Truniger seinen Stempel hinterlassen. In der Weltwirtschaftskrise beschlossen Gewerbler, die ‹Wohnkolonie Westquartier Wil› zu bauen. Als Architekten engagierten sie Truniger und Sohn. Sie bauten acht gleiche Doppelhäuser. Im März 1933 wurde mit dem Bau begonnen, im Dezember waren die Häuser fertiggestellt und wurden von den Bauherren und ihren Familien gleich selber bezogen. Es war nicht nur ein stattliches Zuhause für sie, sondern hatte auch ihre Arbeiter vor Arbeitslosigkeit bewahrt. Heute stehen diese Häuser unter Denkmalschutz», ­erklärt Bünzli. Auch im West­quartier ist die Zeit der Stickereiepoche noch überall sichtbar. Da ist zum Beispiel das Dierig-Gebäude an der Gallusstrasse, der Parallelstrasse zur Weststrasse. Der Komplex war ab 1908 in verschiedenen Etappen gebaut worden. «1973 kam es dann zu einem Unglück», erzählt Bünzli. Der Chef stand mit einem Arbeiter im oberen Stockwerk. Plötzlich hörten sie ein lautes Knarren und Krachen. «Das Haus fällt zusammen», habe der Chef gerufen. Beide rannten aus dem Haus. Ein Teil der Hausseite sei als Folge ungenügender Bauabsicherung auf die Gallusstrasse gestürzt. Zum Glück habe es keine Verletzten gegeben, der Sachschaden wegen Wassereinbruchs sei aber enorm gewesen.

Der Herrgott hilft an der Zürcherstrasse

Bünzli geht die Zürcherstrasse entlang, wo Anfang Jahrhundert in der Nummer 23 die Familie Steiert mit ihren 14 Kindern wohnte. Auch dazu weiss er eine Geschichte: «Die Steierts litten unter der Stickereikrise. Als gottesfürchtige Familie waren sie überzeugt, dass der Herrgott immer hilft. Anscheinend war die Familie eines Tages hungernd am Tisch gesessen, ohne zu wissen, woher ihre nächste Mahlzeit kommen sollte. Sie hätten gebetet, und da habe es an der Tür geklingelt, und eine Dame hätte einen Korb voller Lebensmittel gebracht.» Die Steierts besassen hinter ihrem Wohnhaus ein Stickereigebäude an der Pestalozzistrasse. In den 1980er-Jahren wechselte der Besitzer, 1995 wurden die Stickereimaschinen verkauft, und aus dem Fabrikgebäude wurde eine Loft. «Das waren Saurer-Maschinen, die laufen heute noch irgendwo in der Türkei», sagt Bünzli.

Gleich daneben steht das Haus India, das mit seinem Schriftzug und dem Turm auffällt. «Es hat viel von seiner Herrschaftlichkeit verloren, seit der Vorgarten an die Verbreiterung der Zürcherstrasse abgegeben werden musste», sagt Bünzli wehmütig und erklärt: «Das Haus gehörte August Mahler.» Dieser war als Elektriker nach Indien gereist und hatte mit der Installation von Gasbeleuchtungen in Maharadscha-Palästen viel Geld verdient. An einem Konzert in Kalkutta fiel ihm die böhmische Musikerin Brigitte Schmidl auf. Kurz entschlossen liess er ihr ein Brieflein zukommen: «Wollen Sie mich heiraten?» Die Antwort kam prompt: «Ich brauche etwas Zeit. Ich werde Ihnen die Antwort nach dem Konzert geben.» Diese war positiv. So wurde kurz darauf in Bombay geheiratet.

Vor der Jahrhundertwende kam August Mahler mit seiner Frau und drei Kindern nach Wil, wo er das Haus an der Zürcherstrasse kaufte und drei weitere Kinder auf die Welt kamen. Das Haus liess er von Architekt Truniger im Jugendstil umbauen. Er errichtete den an im­periale Architektur erinnernden Turm und den Anbau mit Terrasse. Die üppigen Schmiedeisengitter stammen auch aus dieser Zeit. Die Mahlers seien damals die reichste Familie in Wil gewesen. Das sollte man auch sehen. ­«Leider endete die Geschichte tragisch: Die Familie verlor im Ersten Weltkrieg ihr Geld, und August Mahler starb 1924 in Münsterlingen. Einer seiner Söhne wurde vergiftet, und ein weiterer kam betrunken im Bärengraben in Bern ums Leben.»

Bünzli läuft zurück zur Allee: «Das Quartier hat sich über all die Jahre vergrössert. Lange Zeit endete es an der Schillerstrasse, bald wird es im Westen bis zur Stadtgrenze überbaut sein.» Ein Betriebs- und Gestaltungskonzept mit neuer Verkehrsführung und Begegnungszonen soll das Quartier aufwerten. «Das wird spannend.»

Hinweis

In loser Folge stellt die Redaktion Orte in Wil vor, die nicht allgemein bekannt sind. Bereits erschienen sind:

• «Als der Ölberg noch ein Restaurant hatte» (Wiler Zeitung vom 10. März)

• «Als das Südquartier eine Darmfabrik hatte» (Wiler Zeitung vom 18. März)