VERGESSENE ORTE II: Als das Südquartier eine Darmfabrik hatte

Das Südquartier in Wil hat sich im vergangenen Jahrhundert stark verändert. Viele kleine Gewerbebetriebe sind verschwunden, die ruhigen Wohngebiete und die Stickereihäuser sind geblieben. Das Bergholz bleibt der Mittelpunkt.

Natalie Milsom
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Marie-Louise und Ernst Walser vor der Säntisstrasse von heute. (Bild: Natalie Milsom)

Marie-Louise und Ernst Walser vor der Säntisstrasse von heute. (Bild: Natalie Milsom)

Natalie Milsom

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Marie-Louise und Ernst Walser stehen vor der Metzgerei Keller an der Wilenstrasse. Während sie Richtung Bahnhof laufen, wird schnell klar, dass sich an der Strasse in den letzten Jahrzehnten viel verändert hat. Bei jedem Haus erinnern sie sich an das Geschäft, das in ihrer Kindheit dort untergebracht war: Metzger, Bäcker, Lebensmittelladen, Koloniallädeli und Milchlädeli. Mitten im Dreieck Wilen-, Bergholz- und Feldstrasse, wo heute das grosse Mehrfamilienhaus steht, stand die Schilffabrik, in der aus Schilf Matten geflochten wurden, die zu Rollen gebunden und dann an die Gipser verkauft wurden, die damit Häuser isolierten. Marie-Louise Walser-Keller ist im Wiler Südquartier aufgewachsen, ihr Ehemann Ernst in Wilen.

Sie kommen auf die beiden Darmfabriken im Südquartier zu sprechen. Eine wurde von der Familie Hüppi geführt, welche die Därme in Südamerika und Aleppo, Syrien, einkaufte. «Der junge Hüppi wurde dann nach Aleppo entsandt, um sicherzustellen, dass sie gute Därme bekämen», erinnert sich Walser und fragt sich, wie der damals 19-jährige Wiler das wohl gemeistert hat. «Aber da er gesund und mit guten Därmen zurückkam, kann von einer erfolgreichen Mission gesprochen werden.»

Die Walsers gehen weiter in Richtung Bahnhof. Beim Hochhaus an der Wilenstrasse 10 kommen weitere Erinnerungen auf: «Dort stand die Schreinerei Aklin. Auf der anderen Strassenseite stand das Holzlager. Als Kinder spielten wir zwischen den Holzbeigen.» Um die Schreinerei mit dem Holzlager zu verbinden, habe es eine kleine Bahn gegeben, die Schienen führten über die Wilenstrasse. «Da sind wir jeweils reingesessen und haben die Wagen gestossen», erinnert sich Marie-Louise Walser. Heute deutet nur noch der Name des Fussgängerwegs auf die Vergangenheit hin, er heisst Sägereiweg.

Das erste Hochhaus in Wil war eine Sensation

Das Hochhaus an der Wilenstrasse war nicht das erste hohe Gebäude in Wil. Dieses steht auch im Südquartier, an der Föhrenstrasse, und fällt mit seiner sternartigen Form noch heute auf. «Das war damals ein Kuriosum», erinnert sich Ernst Walser. «Der Baufortschritt wurde von allen Seiten ausgiebig beobachtet. Es hatte viele Gerüste, und die waren so hoch. Das war für uns eine Sensation.» Ein paar Strassen weiter steht das Dörfliquartier, in dem die Doppelfamilienhäuser so angesiedelt sind, dass es sich wie ein kleines Dorf anfühlt. Und an der Säntis- und an der Bergholzstrasse stehen Stickereihäuser, kleinere Einfamilienhäuser, in denen die Sticker lebten und die Maschinen im Untergeschoss standen. Diese Familienbetriebe waren sehr erfolgreich, bis nach Ausbruch des ersten Weltkriegs der Bedarf an Luxusgütern massiv einbrach. Ernst Walser weiss von Erzählungen von Beamten aus Bern, die in Wil Stickereimaschinen zerstörten, weil sie Überproduktionen verhindern wollten.

Natürlich gab es im ganzen Quartier unzählige Restaurants. Allein im goldenen Dreieck, wie die Kreuzung zwischen Wilen-, Linden- und Feldstrasse früher hiess, gab es deren vier. «Mein liebstes war der ‹Rosengarten›. Das war das erste Restaurant mit italienischen Spezialitäten. Zu Hause gab es immer nur Kartoffeln, aber hier konnte man Spaghetti essen. Das gab es sonst nirgends», weiss Marie-Louise noch. Daneben steht das ehemalige «Wallhalla». Es ist das markanteste Gebäude am goldenen Dreieck. Heute heisst es «Typisch Thai», ansonsten hat es sich seit der Erbauung 1908 äusserlich kaum verändert. Mit den Türmchen und Erkern ist es ein Blickfang, «in dem es sehr gutes Essen gibt», wie Ernst Walser anfügt. Das sei schon immer so gewesen. «Einmal kam sogar die Fernsehsprecherin Heidi Abel aus Zürich, weil sie von den feinen Poulets im ‹Wallhalla› gehört hatte», erinnert sich Marie-Louise Walser. «Und es war das erste Restaurant, das Soft Ice verkaufte.» Die Wirtin, die Mutter von Marie-Louise Walser, war bei den Feierabendgästen und Fussballern als Mutter Keller bekannt.

Ein Freibad für das Südquartier

Die beiden gehen weiter ins Bergholz, dem markanten Kern des Südquartiers. Das Land, auf dem es steht, gehörte damals dem Asyl, wie die psychiatrische Klinik genannt wurde. Walser erinnert sich, wie sie in den 1960er-Jahren die «Insassen» sah, die Kartoffeln ernteten. Und daran, wie sich ihr Vater auf Geldsuche für ein neues Sportzentrum begeben hatte. «Eine Gruppe engagierter und einflussreicher Männer aus Wil gründete eine Genossenschaft. Diese kümmerte sich um die Initiative, das Geld und die «Meinungsmache» in den Wiler Zeitungen. Die Freude war gross, als die Sportanlage dann 1964 eröffnet wurde.»

Die Walsers wissen viel über ihr Quartier und beim Erzählen kommen immer weitere Erinnerungen. Von Niedelzältli, Magenbrot und Mineralwasser, die im Südquartier hergestellt wurden, und den Mohrenköpfen, die die Fürers an der Ilgenstrasse herstellten. Zurück am goldenen Dreieck schauen sie sich um. Das Südquartier hat einen grossen Wandel hinter sich. Früher seien viele «etablierte Wiler» gar nie ins Südquartier gekommen. Aber heute ist das nicht mehr so, «auch wenn der Ruf vielleicht noch nicht so gut ist, wie er sein sollte. Mit der Hauptpost, dem Bergholz, der Nähe zum Bahnhof und der guten Anbindung an den ÖV ist es ein toller Ort zum Wohnen», ist sich das Ehepaar einig.

Hinweis

In loser Folge stellt die Redaktion Orte in Wil vor, die nicht allgemein bekannt sind. Bereits erschienen sind:

• «Als der Ölberg noch ein Restaurant hatte» (Wiler Zeitung vom 10. März)