VerENDErung

Bettinas B(l)ickwinkel

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Bettina Scheiflinger verlässt ihr temporäres Zuhause oberhalb des Lago Maggiore. (Bild: PD)

Bettina Scheiflinger verlässt ihr temporäres Zuhause oberhalb des Lago Maggiore. (Bild: PD)

Früher beweinte ich jedes Ende. Ich heulte auf allen Rückflügen in die Schweiz (ganz gleich, wie sehr ich am Anfang der Reise vom Heimweh geplagt worden war), schluchzte, als mein Freund mit mir Schluss machte, flennte, als meine beste Freundin nach Zürich zog. Die Tränen waren jedoch wichtig und reinigend, ein Teil des Loslöseprozesses.

Ines’ Geschichte ist gewachsen, aber noch nicht zu Ende geschrieben. Auch die Protagonistin hat eine Trennung hinter sich. Obwohl es schmerzt, hat sie Frieden damit geschlossen:

Und so ist alles einmal vorbei. Das was einmal war und sogar das, was nur hätte einmal sein sollen. Der Mann liegt schnarchend neben mir, ich finde keinen Schlaf. Aber ich finde Wut, oder sie findet mich. Es trifft mich endlich auch die Ruhe über meine Scham, nach aussen gekehrte Einsicht. Ich will gar nicht mehr hier sein, oder wenn ich da bin, dort sein. Ich weiss zwar nicht, wo ich sonst sein würde wollen, aber hier ist dieses Dort nicht mehr. Der Nachhauseweg ist trostlos und einsam. Die Vögel zwitschern, vollgepumpt mit Zuversicht, dem Tag entgegen. Die Strassen warten auf den Moment, der Ende und Anfang zusammenhält wie eine feine Naht. Ich habe nicht bis zum Morgen verharrt, bis wieder sinnleere Worte hätten gesagt werden müssen. Ich streune irgendwohin, wo man mich auffängt und wo ich bleiben darf, so lange ich will.

Es gibt verschiedene Enden: herbeigesehnte, die erlösen, und unerwartete, deren Plötzlichkeit den Getroffenen ungläubig blinzeln lassen. Es gibt längst überfällige Enden und tragisch zu frühe. Jedes Ende ist anders, aber alle lassen sie Raum für Neues entstehen. Und das ist das Wertvolle daran: Die Vorfreude auf das nächste Abenteuer, das Versprechen, das uns jede Veränderung ins Ohr flüstert. Neugier ist eine meiner ausgeprägtesten Eigenschaften. Und weil ich das Neue mag, akzeptiere ich auch, wenn etwas zu Ende geht, mittlerweile meist ohne Tränen. Ich habe mit dem Schreiben einen anderen Weg gefunden, damit umzugehen. ENDE ist nur ein Teil von VerENDErung, steht ja schon fast im Wort, wenn man nicht so auf Rechtschreibung oder Wortherkunft achtet.

Wenn das Ende kommt, erlebt man alles noch einmal rückwärts. Der Monat im Atelier war so vieles, Rausch und Euphorie, aber auch Zweifel und Frust, Durchbeissen und Loslassen. Jetzt freue ich mich auf einen neuen Blickwinkel. Im Dorf tanke ich noch einmal bei meinem Lieblingstankwart. «Grazie, Bella, Buon Viaggio!», ruft er, und ich wische mir verstohlen mit dem Handrücken über die Augen.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Im Mai schrieb sie in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin. Während dieses Aufenthalts veröffentlichte die Autorin Kolumnen in der «Wiler Zeitung». Mit diesem Beitrag ist die Serie abgeschlossen.