Uzwiler Kita richtet sich neu aus: Wegen schulergänzenden Tagesstrukturen werden nur noch Kinder bis sieben Jahre betreut

Die Kita Chinderhus Rägeboge konzentriert sich nur noch auf Kinder im Vorschul- und Kindergartenalter.

Gianni Amstutz
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Die Kita Chinderhus Rägeboge an der Bahnhofstrasse 101 in Uzwil mit grosszügiger Parkanlage.

Die Kita Chinderhus Rägeboge an der Bahnhofstrasse 101 in Uzwil mit grosszügiger Parkanlage.

Bild: PD

Als die Kita Chinderhus Rägeboge in Uzwil vor 25 Jahren eröffnet wurde, waren familienergänzende Tagesstrukturen noch in weiter Ferne. Die Gemeinden boten nebst dem regulären Schulunterricht keine Betreuungsangebote an.

Nun, ein Vierteljahrhundert später, hat sich das geändert. Die beiden Partnergemeinden Uzwil und Oberuzwil haben beschlossen, schulergänzende Tagesstrukturen einzuführen. Die Oberuzwiler Stimmbürgerinnen und Stimmbürger trafen diesen Entscheid am Sonntag an der Urne.

Koexistenz zu Angeboten der Gemeinde nicht sinnvoll

Die neuen Angebote der Gemeinden bedeuten eine veränderte Situation für die Uzwiler Kita. Schulpflichtige Kinder werden nun von den Gemeinden betreut. Der Strategie-Entscheid des Vorstands der Kita, ihren Standort Schüelerhus zu schliessen, wird von den Schulen und den Gemeinden mitgetragen.

Damit fällt das private Angebot für die Betreuung von Kindern im Primarschulalter weg. Diese überlässt die Kita vollumfänglich den Gemeinden.

Eine Koexistenz der Kita Chinderhus Rägeboge als privater und der schulergänzenden Tagesbetreuung als staatlicher Anbieter wäre zwar theoretisch möglich gewesen, laut Vereinspräsidentin Anita Haag-Singenberger aber nicht sinnvoll – weder aus finanzieller noch aus inhaltlicher oder organisatorischer Sicht.

Gemeinden tragen dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung

Der Entscheid zur Schliessung des Schüelerhus sei dem Vorstand zwar nicht leicht gefallen, trotzdem unterstützt Anita Haag den Weg, den die Gemeinden mit der Einführung von eigenen Betreuungsangeboten beschreiten. Damit trügen die Gemeinden dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung.

Hinzu komme, dass es den Gemeinden– anders als der Kita – möglich sei, verschiedene Standorte zu bedienen. «Auch inhaltlich erachte ich es als richtig, dass sich die Schulen nebst dem Unterricht auch in der Freizeit um die Schülerinnen und Schüler kümmert», sagt die ausgebildete Pädagogin, die als Schulinspektorin beim Amt für Volksschule des Kantons Thurgau arbeitet.

Die Neuausrichtung auf Kinder im Vorschul- und Kindergartenalter sei kein von den Umständen aufgezwungener Entschluss, sondern wurde im Austausch mit den beiden Gemeindebehörden gefällt. Ohnehin sei die Betreuung von Schülern im Primarschulalter aufgrund organisatorischer Faktoren «finanziell schwierig» gewesen, sagt Haag.

Ausbau des Angebots für Kinder im Vorschulalter

Die Schliessung des Standorts Schüelerhus ist nicht nur eine Reduktion der Leistungen. Gleichzeitig wird die Kapazität im Chinderhus um zwölf Plätze ausgebaut. Voraussetzung war, dass die grosszügigen Räumlichkeiten an der Bahnhofstrasse 101 mit dem riesigen Park dies zulassen. Für die Kita war das ein wichtiger Schritt, um die Rentabilität in Zukunft zu gewährleisten.

Zudem sei man oft an die Grenzen der vom Kanton fürs Chinderhus bewilligten Plätze gestossen. Der Ausbau des Angebots erlaube es nun, dieser Nachfrage gerecht zu werden. Das Chinderhus ist offen für Kinder bis sieben Jahre aus Uzwil und Oberuzwil. Mit beiden Gemeinden bestehen Leistungsvereinbarungen.

Zudem will der Verein künftig seine Partnerschaften mit Unternehmen verstärken. Mit der Firma Bühler arbeite man bereits heute gut zusammen. Konkret erhalten Mitarbeitende von Bühler einen Rabatt von zehn Prozent für einen Betreuungsplatz in der Kita Chinder­hus Rägeboge. Dafür entrichtet Bühler eine Pauschale an die Kita.

Der Verein sei offen für weitere solche Kooperationen. Anita Haag sieht hier eine wichtige Rolle von Kitas.

«Solche Institutionen ermöglichen es, das Potenzial gut ausgebildeter Frauen für die Wirtschaft und Gesellschaft auszuschöpfen.»

Entlassungen waren unvermeidbar

Trotz des Ausbaus des Angebots für Kinder im Vorschulalter kam der Verein nicht umhin, personelle Anpassungen vorzunehmen. Der Abbau habe nur zum Teil mit der natürlichen Fluktuation aufgefangen werden können. Dass der Verein Auflösungen von Arbeitsverhältnissen nicht verhindern konnte, habe am Rande auch mit der Coronapandemie zu tun, sagt Haag.

Umso wichtiger sei es, dass der Verein finanziell solide dastehe. Das sei ein Hauptaugenmerk des Vorstands in den vergangenen Jahren gewesen. Dieses Engagement zahle sich nun aus.

Auch pädagogisch hat sich die Kita entwickelt und bietet ein eigenes Konzept, das in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule St.Gallen entwickelt wurde.

«Die Eigenständigkeit der Kinder wird bei uns besonders gefördert», erklärt die Vereinspräsidentin. Das beginne beim Schuhebinden und setze sich fort, indem die Kinder zu einem Teil selbstständig entscheiden, mit was sie sich beschäftigen. Von dieser Selbstständigkeit würden die Kinder in ihrem späteren Leben enorm profitieren, ist Anita Haag überzeugt.

Schwierige Zeiten für Kitas

Für die Kita Chinderhus Rägeboge ist die jetzige Situation in ihrer 25-jährigen Geschichte einzigartig. Das Coronavirus macht ihr und der gesamten Branche zu schaffen. Der Bundesrat verfügte, dass Kitas als systemrelevante Betriebe trotz Coronapandemie geöffnet bleiben müssen. Gleichzeitig empfahl er den Eltern, ihre Kinder wenn möglich zu Hause zu betreuen.
Das hat dazu geführt, dass die Uzwiler Kita zwar weiterhin geöffnet ist, allerdings viel weniger Kinder sie besuchen. Da die Kinder aufgrund der Vorschriften aber nur noch in Vierergruppen betreut werden dürfen, wird trotzdem das ganze Personal benötigt. Einzige Ausnahme bilden jene Mitarbeitenden, welche selbst zur Risikogruppe gehören. Kurzarbeit zur Minderung des finanziellen Risikos war in der Folge also keine Option.  
Die Finanzierung dieses reduzierten Betriebs ist teilweise noch in Abklärung. Die Eltern seien aber dazu angehalten, ihre Beiträge weiterhin zu bezahlen, selbst wenn sie ihr Kind während des Lockdowns zu Hause betreuen.
Vereinspräsidentin Anita Haag hat sich in einem Brief bereits an die Eltern gewandt und ihnen diese Situation erklärt. «Bei Eltern, die wegen der Coronakrise selbst in finanzielle Not geraten sind, haben wir signalisiert, eine andere Lösung zu suchen.» Generell hätten aber viele Eltern viel Verständnis gezeigt und es sei eine grosse Solidarität spürbar. Für Anita Haag ist dies auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit der Kita in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Dafür sei sie sehr dankbar.
«Es ist aber auch viel Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft spürbar.» So blieben einige Neuanmeldungen, die in den vergangenen Jahren jeweils gemacht wurden, heuer aus. Anita Haag hofft, dass sich die Situation mit der Öffnung der Schulen am 11. Mai, aber vor allem auch mittelfristig normalisiert. Eine gewisse Sorge um die langfristige Entwicklung und die Folgen der Coronakrise will sie aber nicht verhehlen.