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UZWIL: Die Hürden sind hoch: Nach Aufenthalt im Platanenhof fällt der Berufseinstieg schwer

Das Jugendheim Platanenhof bereitet zivil- und strafrechtlich eingewiesene Jugendliche auf die Berufswelt vor. Dabei müssen sie viele Hürden überwinden. Doch nicht nur die Ausbildung ist entscheidend.
Tim Frei
Zwei Jugendliche arbeiten in der Mechanischen Werkstätte des Platanenhofs. (Bild: Tim Frei)

Zwei Jugendliche arbeiten in der Mechanischen Werkstätte des Platanenhofs. (Bild: Tim Frei)

Dagmar Müller schreitet übers Gelände des Jugendheims Platanenhof in Oberuzwil. Plötzlich dreht sich die Heimleiterin blitzartig um – aus dem Hintergrund ertönt eine Stimme: «Frau Müller, wann erhalte ich meinen Lohn?» Sie reagiert mit einem freundlichen Lächeln auf die Frage des Jugendlichen, wünscht ihm einen schönen Tag und nähert sich der Mechanischen Werkstätte, in der einige Heimbewohner eine Berufsausbildung machen. Diese Szene verdeutlicht: Obwohl noch von der Berufswelt abgeschnitten, identifizieren sich viele Jugendliche des Platanenhofs bereits stark über die Arbeit. Vom Berufseinstieg sind die meisten aber noch weit entfernt; es gilt, mehrere Hürden zu überwinden.

Da wäre zuerst einmal ihre Vorgeschichte. «Die Schulkarrieren sind meistens nicht reibungslos verlaufen, sondern von schwierigen Phasen gekennzeichnet», sagt Dagmar Müller und ergänzt: «Deshalb haben sie oft Mühe, eine Lehre durchzustehen.» Eine weitere Herausforderung ist die Reife, welche mit der Vorgeschichte zusammenhängt. Deswegen sind Jugendliche aus Heimen wie dem Platanenhof in ihrer Entwicklung nicht gleich weit wie andere. «Es kommt vor, dass sie erst mit 17 mit der Berufsausbildung beginnen können.»

Zudem stellt die Heimleiterin fest, dass für einige Jugendliche eine Ausbildung mit zu hohen Anforderungen verbunden ist. So würden diese als Alternative Schul- und Arbeitstrainings besuchen, was keine eigentliche Berufsausbildung sei. Einen möglichen Grund dafür sieht Dagmar Müller in einer veränderten Herangehensweise der Jugendheimerziehung: «Früher plante man längerfristig und legte Massnahmen über eine Frist von bis zu drei Jahren fest. Es wurde also genau bestimmt, wie lange ein Jugendlicher im Heim ist, beziehungsweise wann er mit der Berufsausbildung beginnt.»

Heute dagegen gehe man kurzfristig vor, überprüfe den Verlauf und die Entwicklung des Jugendlichen kontinuierlich. «Auf dieser Grundlage wird dann entschieden, ob es zu einer Veränderung kommt – ob beispielsweise eine Berufsausbildung geeignet wäre», sagt Dagmar Müller. Dieser Wandel hänge mit mehreren Dingen zusammen. «Einerseits sind ethische Gründe dafür verantwortlich; aus der Vergangenheit der Heimerziehung, die von dunklen Kapiteln geprägt war, wurden Lehren gezogen.» Anderseits habe es mit Sparmassnahmen zu tun – man frage sich stets, ob die Kosten der Betreuungsangebote angemessen seien. «Das klassische Bild, jedes Heimkind mache eine Berufsausbildung, löst sich jedenfalls immer mehr auf.»

Gratwanderung zwischen Interesse und Risiko

Die dritte Hürde ist das eingeschränkte Berufsbildungsangebot am Platanenhof für die offene Wohngruppe. Wie dies bei Schweizer Jugendheimen oft Tradition ist, können Jugendliche in der stationären Einrichtung in Oberuzwil zwischen den Berufsgruppen Schreinerei, Mechanik, Betriebsunterhalt und Küche auswählen. «Viele, die sich für einen anderen Beruf interessieren, stehen dann vor einer schwierigen Entscheidung: Will man eine heimexterne einer heiminternen Ausbildung vorziehen und damit das Risiko eingehen, dass man an den höheren Anforderungen scheitern könnte?»

Auch hier hat laut Dagmar Müller ein Wandel stattgefunden: «Heute ist man der Meinung, dass die Jugendlichen ihre eigenen Erfahrungen machen beziehungsweise ihr Scheitern erleben sollen.» Denn sonst könnten sie anschliessend zur Ausrede greifen, die anderen seien schuld, dass sie nicht motiviert seien, schliesslich hätten sie eine Ausbildung ausserhalb und nicht innerhalb des Jugendheims machen wollen.

Persönlichkeitsentwicklung ebenso wichtig

Auch wenn es eine wichtige Aufgabe ist, die Heimbewohner auf einen Berufseinstieg vorzubereiten: für Dagmar Müller und ihr Team ist dies nur ein Teil ihrer Arbeit, genauso zentral sei die Entwicklung von sozialen Grundkompetenzen. «Die Jugendlichen müssen lernen, wie sie mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen umgehen müssen, eine Autoritätsperson zu respektieren oder pünktlich zu sein», sagt die Heimleiterin.

Dieser Fokus auf die sozialen und persönlichen Grundkompetenzen ist Dagmar Müller am vergangenen Freitag einmal mehr bewusst geworden, als im Uzwiler Gemeindesaal die Fachtagung des Platanenhofs zur Arbeit in stationären Einrichtungen stattfand. Welche Rolle benachteiligte Jugendliche in der Arbeitswelt der Zukunft spielen werden, diese Frage beschäftigt die Heimleiterin schon lange. Weil diesbezüglich eine grosse Unsicherheit herrsche, sei die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen umso wichtiger: «Wir im Platanenhof müssen sie in ihrem Selbstwertgefühl so stärken, dass sie in Sachen Sozialkompetenzen ein ideales Rüstzeug erwerben, um später bestehen zu können.»

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