Schwermetall im Sandkasten: Boden unter Uzwiler Spielplatz ist mit Schadstoffen belastet

Seit Anfang Woche ist das Areal bei der Birkenstrasse in Uzwil aus Sicherheitsgründen abgesperrt. Die Schadstoffe im Boden stellen eine Gefahr für Kinder dar.

Tobias Söldi
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Das Areal an der Birkenstrasse bleibt voraussichtlich bis zur Erneuerung des Spielplatzes 2021 gesperrt.

Das Areal an der Birkenstrasse bleibt voraussichtlich bis zur Erneuerung des Spielplatzes 2021 gesperrt.

Bild: PD

Auf dem Spielplatz an der Birkenstrasse spielt niemand mehr. Nicht bloss, weil das Wetter nicht mehr dazu einlädt, sondern weil die Gemeinde verschiedene Schadstoffe im Boden entdeckt hat: Chrom und Antimon – zwei Schwermetalle – sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die bei der Verbrennung organischen Materials entstehen. Einige dieser PAK können sogar krebserregend sein. Die unschöne Überraschung ans Licht gebracht hat eine standardmässige Untersuchung des Bodens im Zusammenhang mit der Erneuerung des Spielplatzes. Seit Anfang der Woche ist das Areal abgesperrt. «Wir wollen keine Risiken eingehen», sagt Thomas Stricker, Verwaltungsleiter der Gemeinde.

Thomas Stricker, Verwaltungsleiter Uzwil

Thomas Stricker, Verwaltungsleiter Uzwil

PD

Wegen dieser Schadstoffe in tieferen Lagen nimmt der Kanton das Gebiet Ende Dezember in den Kataster der belasteten Standorte auf. Dort wird es in der Kategorie a der Massnahmenklasse C geführt. Das bedeutet: Es geht keine direkte Gefahr von den vorhandenen Schadstoffen aus und es sind auch keine schädlichen oder lästigen Einwirkungen zu erwarten. Die Stoffe liegen genug tief in der Erde. Weitere Massnahmen sind erst bei einem Bauvorhaben oder einer Nutzungsänderung nötig.

Von der Belastung geht eine Gefährdung aus

Doch das wahre Problem liegt gleich unter der Oberfläche. Angesichts der hohen Belastungen im Untergrund liess die Gemeinde zusätzlich die oberen Bodenschichten untersuchen. Das Ergebnis, das seit dem 29.November vorliegt, zeigt: Auch in den obersten 15 Zentimetern ist das gesamte Areal mit Schadstoffen belastet – so stark, dass davon sogar eine Gefahr für Kinder ausgehen kann, nehmen diese doch beim Spielen gelegentlich Erde und damit auch Schadstoffe in den Mund.

Doch wie hoch ist das Risiko tatsächlich? Stricker erklärt:

«Eine grosse Gefährdung für ein Kind wäre gemäss Fachleuten möglich, wenn es hundertmal im Jahr beim Spielen auf dem Areal vom Boden gegessen hätte.»

Auf der Fläche dürfte aber sogar noch Gemüse angebaut werden und Nutztiere gehalten werden. «Da es sich um eine Spielfläche für Kinder handelt, sind die Normen extrem streng», sagt Stricker.

Der Kanton wird im Verlauf des Dezembers deshalb eine Nutzungsbeschränkung erlassen, die Gemeinde hat das Areal aber bereits umzäunt. «Dass Kinder 40, 50 Jahre auf einem belasteten Areal gespielt haben, hinterlässt ein mulmiges Gefühl», sagt Stricker.

Ein ehemaliger Weiher zur Stromgewinnung

Fragen nach dem «Woher» und dem «Wann» kann der Verwaltungsleiter zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Die Gemeinde geht davon aus, dass die Schadstoffe schon vor mehreren Jahrzehnten in den Boden gelangt sind. Einst befand sich auf dem Areal ein Weiher, welcher der Stromgewinnung diente. Er wurde in den 1930er-/1940er-Jahren zugeschüttet. In den Kriegszeiten bauten die damaligen Dorfbewohner darauf Kartoffeln an.

Erst 1974 gelangte die Gemeinde in den Besitz des Areals. In jener Zeit wurden die Dorfkorporationen aufgelöst und deren Grundeigentum und Aufgaben der Gemeinde übertragen. «Wir haben keinerlei Hinweise dafür gefunden, dass es Altlasten im Boden haben könnte», sagt Stricker. Zudem sei das Gebiet bis jetzt gar nicht als verdächtige Fläche im Kataster der belasteten Standorte aufgeführt gewesen.

Den obersten halben Meter des Bodens abtragen

Völlig unerwartet war der Fund allerdings nicht. «Ein Industriestandort, wie Uzwil es einer ist, muss damit rechnen, auf belastete Böden zu stossen», erklärt Stricker. Deshalb untersucht die Gemeinde bei eigenen Bauvorhaben standardmässig und prophylaktisch den Untergrund, wie sie es kürzlich auch im Falle des Spielplatzes getan hat. Es ist nicht das erste Mal, dass man dabei auf frühindustrielle Spuren gestossen ist. Stricker:

«Früher waren Bodenschutz und Entsorgung nach heutigen Massnahmen noch kein Thema, das Wissen um den Umweltschutz noch nicht so weit.»

Wie geht es nun weiter? Eine brachliegende Fläche mitten im Zentrumsgebiet kommt für die Gemeinde nicht in Frage. «Wir werden wohl im Rahmen der geplanten Erneuerung des Spielplatzes 2021 den obersten halben Meter des Bodens abtragen und durch sauberen Boden ersetzen», sagt Stricker. Bis dahin bleibt das Areal gesperrt. Die zusätzlichen Kosten abzuschätzen, dafür sei es noch ein bisschen zu früh. Stricker rechnet aber mit einer sechsstelligen Summe. «Wir haben auch selber noch viele Fragen – und noch viel Arbeit vor uns.»

Am Montag, 13. Januar, von 15.30 bis 17.30 Uhr, beantworten Fachleute im Gemeindehaus Fragen rund um die Schadstoffbelastung des Spielplatzes.

1800 belastete Standorte im Kanton St. Gallen

In der Vergangenheit musste die Entsorgung und Behandlung der Abfälle möglichst billig erfolgen. So landeten beispielsweise brennbare Sonderabfälle in ausgebeuteten Kiesgruben oder giftige Produktionsrückstände lagerten auf unbefestigten Firmengeländen. Im Kanton St. Gallen sind 1800 Altlasten und belastete Standorte bekannt. Sie sind alle über den Kataster der belasteten Standorte (KbS) öffentlich zugänglich.

Dort werden drei Typen von belasteten Standorten unterschieden: (1) Altablagerungen, also stillgelegte Deponien oder Geländeauffüllungen, bei welchen Abfälle wie Kehricht, Bauschutt oder verschmutztes, mit Fremdstoffen vermischtes Aushubmaterial abgelagert wurde. (2) Betriebsstandorte, also Areale von Gewerbe- oder Industriebetrieben, bei welchen umweltgefährdende Stoffe zum Einsatz kamen. (3) Unfallstandorte, die durch ein Unfallereignis verunreinigt worden sind.

Aufgrund seiner Vergangenheit als Industriestandort gibt es in Uzwil gleich mehrere mit Schadstoffen belastete Standorte. Sie konzentrieren sich auf das Areal zwischen der Bahnhofsstrasse und der Gupfenstrasse. (pd/tos)