«Unglaublicher Sinn für Farben»

Die Degersheimer Künstlerin Veronika Kisling malt mit Behinderten. Ab 19. März sind die Werke dieser aussergewöhnlichen Malpartnerschaft in der Mogelsberger Galerie Dorfplatz zu sehen.

Michael Hug
Merken
Drucken
Teilen

DEGERSHEIM. Drei Kunstschaffende mit geistiger Behinderung und ihre Malbegleiterin stellen ab dem 19. März in Mogelsberg aus. «Ich bin total gespannt», sagt Galerist Ernesto Müller, «diese Art von Kunst haben wir noch nie ausgestellt». Die Künstlerin Veronika Kisling, vor zwei Jahren in Degersheim zugezogen, arbeitete mit ihrer Tochter Helena und zwei Erwachsenen aus der Region intensiv auf diese Ausstellung hin. Das Malen in einer Malpartnerschaft mit kognitiv beeinträchtigten Menschen bedeutet nebst dem Aspekt der Freizeitgestaltung und des künstlerischen Ausdrucks auch eine intensive Begegnung auf der sozialen wie emotionalen Ebene, sagt die Künstlerin. Zudem ist es auch ein Beitrag zur Gesellschaftsintegration der Behinderten.

Verbindung Kunst und Soziales

«Es ist nonverbale Verständigung und keine Therapie», meint Kisling. Sie sieht sich als Malpartnerin und nicht als Maltherapeutin. Ihre Affinität zu geistig behinderten und künstlerisch begabten Menschen hat Kisling als junge Erwachsene entdeckt. Begegnungen über den künstlerischen Ausdruck haben sie damals fasziniert, mehr und mehr kamen berührende Begegnungen auf der emotionalen Ebene dazu. Sie liess sich in Zürich kunsttherapeutisch ausbilden, arbeitete mit psychisch Kranken und Drogenabhängigen. Und machte eine prägende Erfahrung: «Ich wusste plötzlich wonach ich gesucht hatte: Die Verbindung von Kunst und Sozialem». Noch vor ihrer Ausbildung am anthroposophischen Lehrerseminar Dornach begann sich auch ihre eigene künstlerische Arbeit herauszukristallisieren. Dann kam ihre Tochter Helena zur Welt. Fünf Monate später bekam Helena epileptische Anfälle, dann die Diagnose «Tuberöse Sklerose». Veronika Kislings Alltag veränderte sich grundlegend: «Helena war wie fünf Kinder.» Vor sieben Jahren, Helena war acht, entdeckten sie das gemeinsame Malen. Seither erforschen Mutter und Tochter malerisch die geistige Welt Helenas.

Eine andere Welt eröffnen

«Viele Menschen mit Behinderung besitzen einen unglaublichen Sinn für Farben», streicht Kisling heraus. Und: «Hinter jeder Behinderung, egal wie schwer sie ist, versteckt sich ein lebendiges, empfindendes Wesen. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man dieses Wesen auch aufspüren». Veronika Kisling musste ihre eigene künstlerische Arbeit stark einschränken, eröffnet sich jedoch in der Auseinandersetzung mit Helena und zwei weiteren Malpartnern eine ganz neue Welt. «Beim künstlerischen Dialog mit dem Gegenüber muss man in die Bilder hineinhorchen. Das Erhorchte verbindet sich mit dem, was in einem selber lebt. Es kommt zu einem teilweisen Verstehen, denn der Dialog ist nie abgeschlossen.» Zum Dialog gehöre der Wille zur wirklichen Begegnung. Einem anderen Menschen begegnen heisst schliesslich sich selbst begegnen. Das sei ja bei Menschen ohne Behinderung auch nicht anders. Kisling: «Ich kann Behinderten nur in dem Masse begegnen, indem ich mich von Vorurteilen freimache. Gelingt mir dies, entpuppen sich diese Begegnungen als wahre Schatzkiste.»

Ausstellung «Katzen, Pferde, Hühner und ein Staubsauger» mit Esther Wettach, Michael Piatti, Helena Kisling und Veronika Kisling, 19. März bis 15. Mai in der Galerie Dorfplatz Mogelsberg, Vernissage am 19. März um 18 Uhr. www.veronikakisling.ch www.atelierernst.ch