Ungarn hat kein Interesse mehr

Die Mitgliederversammlung des Vereins Partnerschaft Mindszentgodisa-Niederhelfenschwil beschloss, die langjährige Beziehung zur südungarischen Gemeinde aufzulösen. Seit dort ein neuer Gemeinderat eingesetzt wurde, herrscht Eiszeit.

Ernst Inauen
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Der Vereinsvorstand (von rechts): Markus Lehmann, Trixi Müller-Bimbo, Marlis Hugentobler, Marcel Zwick und Johann Jung. (Bild: Ernst Inauen)

Der Vereinsvorstand (von rechts): Markus Lehmann, Trixi Müller-Bimbo, Marlis Hugentobler, Marcel Zwick und Johann Jung. (Bild: Ernst Inauen)

NIEDERHELFENSCHWIL. Die 1993 aufgenommene Zusammenarbeit mit der südungarischen Partnergemeinde Mindszentgodisa geht nach 22 Jahren endgültig zu Ende. Mit der Wahl des neuen Gemeinderates änderten sich die politischen Verhältnisse. Zwar versuchte der Niederhelfenschwiler Gemeinderat mehrmals, die Beziehung mit den Ungarn im bisherigen Rahmen weiterzuführen. Auch die Initiativen vor Ort durch alt Bürgermeister Pisti Bimbo verliefen ohne Wirkung. Sämtliche Mails aus der Ostschweiz blieben seit 2013 unbeantwortet. Seither herrscht Eiszeit. So beschloss der Gemeinderat am 23. April 2015, die Partnerschaft auf politischer Ebene zu beenden, und teilte dies Mindszentgodisa mit. Eine Reaktion von ungarischer Seite blieb aus.

Grenzen überwunden

Dennoch bewegte sich im zwischenmenschlichen Bereich etwas. Auf privater Basis begegneten sich in der Zwischenzeit mehrere Familien. Im Sommer 2013 konnten eine Studentin und ein Student während den Semesterferien in der Schweizer Gemeinde vier Wochen ein Praktikum absolvieren. Dabei bekamen sie einen Einblick in die Gesellschaft und die Arbeitswelt. Bereits in den Jahren zuvor konnten mehrere junge Leute einige Wochen in der Ostschweiz verbringen und ein Praktikum absolvieren. Ebenso lernten in den letzten 20 Jahren gegenseitig einige Reisegruppen Land und Leute kennen. Wie an der Versammlung zu erfahren war, werden einige Personen die freundschaftlichen Beziehungen weiterhin pflegen.

Rat liess Beziehungen einfrieren

Der Partnerschaftsverein wurde 2004 gegründet, um die 1993 aufgenommene Zusammenarbeit mit der ungarischen Partnergemeinde zu fördern. In den Aktivitäten unterstützten sich Gemeinderat und Verein gegenseitig. Der Verein setzte sich vornehmlich für den persönlichen Kontakt unter den Einwohnern beider Gemeinden ein. Ziele der Partnerschaft waren ausserdem der Austausch von Jugendlichen, die Förderung kultureller Aktivitäten, die Organisation von gegenseitigen Reisen sowie materielle und finanzielle Hilfe bei ausgewählten Projekten. Mehrmals profitierten Schulen, Kirchen und Heime von finanzieller und materieller Unterstützung. Während der Amtszeit des Bürgermeisters Pisti Bimbo entwickelten sich die Beziehungen erfreulich bis zu seinem Rücktritt. Der neue Rat liess die Beziehungen völlig einfrieren.

Schöne Erinnerungen

An der bedeutungsvollen Hauptversammlung des Vereins im Restaurant Kreuz Niederhelfenschwil riefen der Initiant der Partnerschaft, Markus Lehmann, Gemeinderat Marcel Zwick und Präsidentin Marlis Hugentobler einige Erlebnisse in Erinnerung. Auch Trixi Müller-Bimbo, die mit einem Ostschweizer verheiratete Tochter des ehemaligen Bürgermeisters, schilderte aus ihrer Sicht die prekären Verhältnisse in ihrer Heimat. Man sei wieder in einem desolaten Zustand wie vor 20 Jahren, mit Armut und grosser Arbeitslosigkeit. In den Dörfern herrsche grosse Sorge und die Zivilgesellschaft sei praktisch nicht mehr organisiert. Die politische Situation werde sich kaum ändern, weil Viktor Orban von den Flüchtlingsproblemen profitiere und an Popularität gewinne.

Partnerschaft ist Geschichte

In Anbetracht des Abbruchs der Beziehung auf der politischen Ebene konnte auch der Partnerschaftsverein seinen Zweck nicht mehr erfüllen. So beschlossen die 22 anwesenden Mitglieder einstimmig die Auflösung des Vereins. «Bei mir löst das schon eine gewisse Wehmut aus. Die letzten zwei Jahrzehnte waren einfach schön», drückte Vereinspräsidentin Marlis Hugentobler ihre Gefühle aus. Ein Kapitel in der Geschichte der Gemeinde Niederhelfenschwil sei damit abgeschlossen. Weil der aufgelöste Verein noch ein Kapital von knapp 2700 Franken besitzt, musste über dessen Verwendung beschlossen werden. Das Bankkonto bleibt bestehen und wird bei Bedarf für allfällige Beiträge an junge Praktikanten oder für Reisen von bedürftigen Personen in die Schweiz eingesetzt.