UMZUG: Einige beten noch den Rosenkranz

Am nächsten Montag findet in Wil die Pfingstprozession statt. Eingeführt 1445 aus Dankbarkeit, im «Alten Zürichkrieg» verschont worden zu sein, hat sich die Bedeutung nicht geändert: ein friedliches Zusammenleben.

Philipp Haag
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Die Prozession führt die Tonhallestrasse entlang zur heutigen Bäckerei Bisegger, wo der dritte Halt eingelegt wird. (Bild: PD)

Die Prozession führt die Tonhallestrasse entlang zur heutigen Bäckerei Bisegger, wo der dritte Halt eingelegt wird. (Bild: PD)

Philipp Haag

philipp.haag@wilerzeitung.ch

Die Dankbarkeit ist eine andere. War es im Jahr 1445 eine kollektive, nämlich diejenige, von einem äusseren Feind, den Zürcher Truppen, verschont worden zu sein, sind es heute individuelle und «innere» Werte, die einen dankbar sein lassen: Eine gute Gesundheit oder eine Arbeitsstelle zu haben. Der Dankbarkeit Ausdruck verliehen wird aber auch nach mehr als 570 Jahren in der gleichen Form: Mit einer Prozession an Pfingsten. So auch wieder am nächsten Montag: Ab 11 Uhr ziehen Wiler Katholiken vom Kirchplatz zur St. Galler Kantonalbank (1. Halt), von dort weiter zum Restaurant Stammbaum (2. Halt), die Tonhallestrasse entlang zur Bäckerei Bisegger (3. Halt) und schliesslich zum Schnetztor (4. Halt).

Bei jedem Standort, bei dem ein Halt eingelegt wird, stand Mitte des 15. Jahrhunderts ein Stadttor. Bei jedem Innehalten spricht Pfarrer Roman Giger oder ein Mitarbeiter der Kirchgemeinde ein paar Worte zu einem aktuellen Thema und die Teilnehmenden singen gemeinsam ein Lied. Angeführt von Ministranten mit einem Kreuz beteiligen sich Jahr für Jahr um die 120 Personen am Umzug.

Mit Feuerpfeilen und Feuerkugeln

Die Pfingstprozession ist eine Wiler Tradition, die in adaptierter Form in der Moderne gepflegt wird. Ihren Ursprung hat sie im «Alten Zürichkrieg». Die Kontrahenten waren die Eidgenossen, besonders Schwyz, einerseits und Zürich sowie Österreich andererseits. Wil als Verbündete hielt treu zu Schwyz. Die Zürcher griffen am 12. Mai 1445 mit Feuerpfeilen und Feuerkugeln Wil von Süden her an und setzten die Obere Vorstadt in Brand. Acht Tage später, am Mittwoch nach Pfingsten, rückten die Feinde gegen Mitternacht wieder vor. Sie beschossen vom Scheibenberg und von St. Peter her die Stadt bis gegen Tagesanbruch. Die Wiler bereiteten sich auf den entscheidenden Angriff vor – die Frauen in der Kirche, die Männer an der Stadtmauer – da zogen die Zürcher überraschend ab. Die Gründe sind nicht restlos geklärt. Einer scheint die heftige Gegenwehr der Wiler gewesen zu sein. Der Abzug der Zürcher hatte für die Wiler nicht nur irdische Grüne. Sie waren der Meinung, auch dank göttlichem Beistand verschont worden zu sein. Die Wiler zeigten ihre Dankbarkeit, indem die Bevölkerung, die Behörden und die Geistlichkeit eine Prozession zu Pfingsten stifteten.

Albanische und italienische Katholiken mit dabei

Obwohl sich vieles geändert hat – die Busse, die bei Nichtteilnahme ausgesprochen wurde, besteht zum Beispiel nicht mehr, und die Brot- und Weinspende an die Bevölkerung findet nicht mehr statt –, hat sich auch einiges erhalten: Wenige Teilnehmende beten während des Rundgangs nach wie vor den Rosenkranz, Frauen und Männer alternierend. Da auch albanische und italienische Katholiken bei der Prozession mitlaufen, hat sich die Bedeutung im Grund nicht verändert: Ein friedliches und harmonisches Zusammenleben in der Gesellschaft.