Über den Dächern der Schweiz

Im Sommer 2014 radelte Ruedi Egli 1800 Kilometer der Grenze Österreichs entlang. Sein Ziel im Sommer 2015 war nicht minder ehrgeizig. 23 Schweizer Pässe in sieben Tagen. Die 1247 Kilometer lange Strecke wies 22 668 Höhenmeter auf.

Beat Lanzendorfer
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Wieder zu Hause im Weiler Wittwil bei Kirchberg, erklärt Ruedi Egli die Strecke, die er an sieben Tagen zurückgelegt hat. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Wieder zu Hause im Weiler Wittwil bei Kirchberg, erklärt Ruedi Egli die Strecke, die er an sieben Tagen zurückgelegt hat. (Bild: Beat Lanzendorfer)

KIRCHBERG. Die Strapazen vor einem Jahr waren für den 51jährigen Ruedi Egli kein Grund, das Rennrad in die Ecke zu stellen. Im Gegenteil, kaum wieder zu Hause im Weiler Wittwil, setzte er sich ein neues Ziel – die Schweizer Alpenpässe. Die Reise des Velofreaks begann am 6. August. Von Kirchberg ging es Richtung Wattwil. Ein kleiner Vorgeschmack, was noch kommen sollte, war die Fahrt über den Ricken. Über den Kerenzerberg und nach weiteren Höhenmetern über den Wolfgangpass war er um 10.30 Uhr in Davos und hatte nach achtstündiger Fahrt die Passhöhe des Flüelapasses erreicht. Kurze Pause und weiter talwärts Richtung Susch. Von La Punt zum fünften Aufstieg des Tages zum Albulapass! Einige Meter weiter kam es zur Panne.

Erstes und einziges Problem

«Nach einer Pause freute ich mich auf die rasante Abfahrt Richtung Tiefencastel. Kaum losgefahren, knallte es. Es entpuppte sich als Speichenbruch. Die Weiterfahrt mit dem Rennvelo war nicht möglich», erklärt Ruedi Egli. Was tun in der verzwickten Lage? Der Pechvogel entschied sich für die Variante «Daumen hoch» und hatte Glück. Ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Landwirtschaft, der die Vegetation der Alpen überwacht, nahm ihn mit und setzte ihn beim Bahnhof in Preda ab. Von dort ging die Reise weiter nach Tiefencastel. Im geographischen Mittelpunkt des Kantons Graubünden nahmen ihn die Kirchberger Bruno und Lisbeth Schellenbaum in Empfang, die dort in ihrer Ferienwohnung ihren Urlaub verbrachten. Gemeinsam begaben sich die «St. Galler im Bündnerland» auf die Suche nach einem Ersatzrad. Im dritten Zweiradgeschäft in Thusis wurden sie fündig. Trotz allem glücklich, ging die Fahrt per Auto nach Tinizong, wo Lisbeth Schellenbaum einen feinen Velofahrerznacht servierte und für den Gast auch ein Bett bereit war. Hinter ihm lagen 210 Kilometer Fahrt, fünf Pässe und 3823 Höhenmeter.

Abstecher nach Italien

Der erste Pass, der sich dem Velofahrer am zweiten Tag in den Weg stellte, war der Julier. Nach der Abfahrt nach Silvaplana ging es dem Silsersee entlang und dann hinauf zum Malojapass. Nun stand eine wunderbare Abfahrt bevor, die Fahrt durchs Val Bregaglia zum italienischen Städtchen Chiavenna (325 m ü.M.) Anschliessend wartete ein warmer und langer Aufstieg zum Splügenpass (2115 m ü.M). Um das Tagesziel zu erreichen, musste noch der San Bernardinopass bezwungen werden. Für Ruedi Egli war dies der schönste Pass. Aufstieg und Passhöhe einfach traumhaft! Im harten Gegenwind ging's nun Bellinzona entgegen. Das Thermometer im Tessin zeigte heisse 38 Grad. Am dritten Tag hatte sich Ruedi Egli vorgenommen, auf Walliser Boden zu stehen. Er startete um 7 Uhr in Biasca und erreichte das Obergoms neun Stunden später. Hinter ihm thronten die Pässe Lukmanier, Oberalp, Gotthard und Nufenen. Das Wetter im Wallis lud zu einem längeren Aufenthalt ein, Ruedi Egli aber musste anderntags weiter. Die ersten fünf Kilometer von Ulrichen nach Gletsch am Morgen des vierten Tages waren ein Einfahren. Danach stellten sich Grimsel- und Furkapass in den Weg und plötzlich machte sich die Sonne rar. Es war nur ein kurzes Intermezzo; in Realp kehrten die wärmenden Sonnenstrahlen zurück. Der Pässebezwinger belohnte sich in Wassen mit einem Kaffeehalt, bevor ein warmer Regen hinauf zum Sustenpass willkommene Abkühlung brachte. Die Abfahrt Richtung Meiringen war bei regennasser Fahrbahn eine Herausforderung. Dem rechten Ufer des Brienzer- und Thunersees entlang erreichte er sein Tagesziel Thun. Dort nächtigte er im Hotel am Schloss. Am fünften Tag durchquerte der Kirchberger die Sprachgrenze zum zweiten Mal. Via Col du Pillon VD und über den Col des Mosses ging es in die Fribourger Alpen. Anschliessend musste noch der Jaunpass überquert werden, bevor es durchs Simmental zurück nach Thun ging.

Wieder in der Heimat

Nach einer zweiten Nacht im Hotel am Schloss in Thun nahm Ruedi Egli am sechsten Tag die Innerschweiz ins Visier. Nach fünfeinhalbstündiger Fahrt liess er es sich im Hotel Swiss Chalet in Merlischachen so richtig gut gehen. Hinter sich lassend das Emmental und das Entlebuch. Seine zweitletzte Etappe führte ihn unter anderem über den Schallenberg, eine wunderschöne Hügel- und Berglandschaft nach Escholzmatt, Wolhusen, Malters, Schwarzenberg durchs Eigental und Kriens. Am siebten Tag standen weitere 172 Kilometer auf der Marschtabelle. Ruedi Egli schwang sich um 7 Uhr am Vierwaldstättersee in den Sattel und bezwang auf der Fahrt zurück ins Toggenburg den Klausen- und Rickenpass. Am 12. August stieg er nach insgesamt 59 Stunden im Sattel vom Rad. «Es war eine schöne Alpentour, die ohne grössere Zwischenfälle verlaufen ist. Ich bin dankbar, dass alles glattging.» Nebst den 23 Pässen, die Ruedi Egli befahren hat, durchquerte er 15 der 26 Schweizer Kantone.