Turnmatte statt Trottoir als Hindernis

Rollstuhl-Leichtathletin Sandra Graf unterrichtete im BWZ Toggenburg 30 Schüler bei ihren ersten Fahrversuchen. Vor 20 Jahren verletzte sie sich bei einem Sturz von den Schaukelringen.

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BEHINDERTENSPORT. Die Lernenden erwiesen sich als lernfähige Lehrlinge. In der Sonderwoche mit Road Cross (Strassenopferhilfe) hatte ein Teil erfahren, dass Verunfallte manchmal ein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen sind. «Sich im Rollstuhl bewegen» war eine ins Thema eingebettete Folgeveranstaltung. «Die Lehrlinge sollen einen Eindruck erhalten, was es heisst, im Rollstuhl zu sitzen», erklärten Prorektor Peter Egli und die temporäre Lehrerin Sandra Graf.

Plausch-Basketball-Match

Bei der achtfachen Vizeweltmeisterin, die als Paralympics-Dritte erst kürzlich den Marathon in Oita (Japan) gewonnen hatte, sah alles einfach aus. Die Turnmatten sollten nach dem Einfahren ein (nicht besonders hohes) Trottoir symbolisieren und die jugendlichen Fussgänger mussten teilweise um die weiche Unterlage froh sein.

Crashs und Stürze gehörten zu dieser Premiere auf vier Rädern, ebenso wie beim technisch noch nicht ganz ausgereiften Spass-Basketball-Match. Der Ball rollte davon und die Spieler hetzten mit brennenden Oberarmen hinterher. Ihre Freude, unter Anleitung der weltbekannten Athletin durch die Halle kurven zu dürfen, war bei den Stromern und Hölzigen sichtbar. In der Hitze des Gefechts vergassen nicht behinderte «Behinderte» unter Beobachtung von Verwalter Paul Forster oder Volleyball-Guru Marcel Erni wiederholt, dass sie in kritischen Situationen nicht einfach aufstehen könnten…

Bewunderung und Respekt

Die mit 21 Jahren verunglückte zweifache Mutter Sandra Graf brachte ihren 7000 Franken teuren Rennrollstuhl mit Karbonrädern mit, nannte einen WM-/Paralympics-Sieg als sportlichen Traum, erklärte den angehenden Berufsleuten, sie trainiere als Profisportlerin und Hausfrau täglich zwei Einheiten und erhalte im Gegensatz zu den «Fussgängern» an den Marathons in New York, Japan, Boston, London, Paris oder Berlin kein Startgeld, sondern nur eine minimale Prämie.

Bei den rollenden Turnern war die Bewunderung spürbar. Sie hatten den Rollstuhl spielerisch als Sportgerät benützt. Ein Leben im Rollstuhl – daran mochten sie nicht denken. Vielleicht trage die Lektion bei, dass aus Respekt vor den Folgen kein Risiko eingegangen werde und den Rollstuhlfahrern noch mehr Verständnis entgegengebracht werde, hoffte Sandra Graf. Angst sei allerdings der falsche Berater. Ihre Töchter wurden Geräteturnerinnen. Trotz des Unfalls der Mutter. (uhu.)