Turnerinnen wagen Alleingang: Mehrere Frauenturnvereine der Region haben dem Frauensportverband SVKT den Rücken gekehrt

Der Hauptgrund: Für die Vereine lohnt sich der Mitgliederbeitrag nicht mehr. Beim SVKT gibt man sich diplomatisch: Man bedaure die Austritte, kann sie aber nachvollziehen. Nur die Geldfrage lässt der Verband nicht gelten.

Tobias Söldi
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Im Verband oder für sich alleine? Vier Frauenturnvereine der Region sind aus dem Frauensportverband SVKT ausgetreten. (Bild: Carolie Wenger)

Im Verband oder für sich alleine? Vier Frauenturnvereine der Region sind aus dem Frauensportverband SVKT ausgetreten. (Bild: Carolie Wenger)

«Bei uns läuft alles rund. Wir haben sogar neue Mitglieder gewonnen», sagt Irene Grunauer, ehemalige Co-Präsidentin des Frauenturnvereins Flawil. Der Verein ist auf 1. Januar 2018 aus dem Frauensportverband SVKT (siehe Kasten) ausgetreten und steht seither auf eigenen Beinen. Bereut haben die Turnerinnen den Entscheid nicht. Im Gegenteil, man geniesst die neue Unabhängigkeit: «Wir sind selbstständig, uns wird nichts vorgeschrieben, und wir haben mehr Zeit, auf uns selbst zu schauen.»

Der Frauenturnverein Flawil ist damit nicht allein: Auch der Frauensport Uzwil und der Frauensportverein Niederbüren haben den Verband vor etwas mehr als einem Jahr verlassen, der Frauenturnverein Oberbüren-Sonnental ist ihrem Beispiel vor einigen Wochen gefolgt.

Geldfrage ausschlaggebend für den Austritt

Die Begründungen der Turnerinnen ähneln sich: Erwähnt werden allem voran die steigenden Mitgliederbeiträge an den Verband. Aber auch Nachwuchsprobleme und das schwindende Bedürfnis, an den vom SVKT organisierten Turnfesten teilzunehmen, werden zur Erklärung angeführt. Zudem sei der Zeitaufwand für die Versammlungen des SVKT, an denen jeweils eine Delegation des Turnvereins teilnehmen muss, gross.

Auch für den Frauensport Uzwil waren die Finanzen ausschlaggebend für den Austritt. «Wir haben sogar ein Budget gemacht, um zu sehen, wie lange wir noch überleben könnten», sagt Präsidentin Karin Heeb. Der Entscheid fiel nicht leicht, es sei viel diskutiert worden. Aber: «Jetzt, wo wir keine Mitgliederbeiträge an den Verband mehr zahlen müssen, können wir den Turnbetrieb viel länger aufrechterhalten. Das freut mich.» Auf den Turnalltag selbst, fügt sie an, habe der Austritt kaum Auswirkungen, dieser hätte vor allem auf dem Bürotisch stattgefunden.
Mit einem Austritt aus dem SVKT gehen aber auch Nachteile einher. Will einer der Frauenturnvereine einen Aus- oder Weiterbildungskurs des SVKT besuchen, müssen sie hinter den Vereinen, die Mitglied im Verband sind, anstehen. Auch erhalten die ehemaligen Mitglieder keine entsprechenden Newsletter mehr. Für den Frauenturnverein Flawil stellt das kein Problem dar: «Wir haben viele Leiterinnen mit einer guten Ausbildung», sagt Co-Präsidentin Grunauer. Auch die höheren Kurskosten schmerzen nicht: «Weil wir keine Mitgliederbeiträge mehr zahlen müssen, liegt es drin, für eine Aus- oder Weiterbildung etwas mehr zu bezahlen.»

Geld zählt nicht als Argument

Evelyne Jung, Präsidentin SVKT

Evelyne Jung, Präsidentin SVKT

Evelyne Jung, Präsidentin des SVKT, bedauert die Austritte. «Wir hätten natürlich gerne gesehen, wenn die Vereine geblieben wären und wir sie weiterhin hätten betreuen können», sagt sie. Sie bestätigt zwar, dass die Mitgliederbeiträge wegen der vor kurzem eingegangenen Partnerschaft zwischen SVKT und STV ansteigen. Für Jung ist aber klar, dass die Beiträge gut investiertes Geld seien, stehe den Vereinen doch das Angebot beider Verbände offen. Das Argument der Mitgliederbeiträge lässt sie darum nicht gelten:

«Wegen einer Geldfrage, die keine ist, den SVKT zu verlassen, ist für mich kein Argument.»

Dennoch hat Jung Verständnis für die Austritte und begründet diese mit Entwicklungen, die zahlreichen Vereinen Kopfschmerzen bereiten. Sie erwähnt etwa das zunehmende Alter der Vereinsmitglieder und die Schwierigkeit, den Nachwuchs begeistern zu können. Auch der Wille zum freiwilligen Engagement sei nicht mehr so stark wie früher: «Viele Leute haben wenig Zeit für Vorstandstätigkeiten.» Die Zeiten ändern sich, und daran müsse sich auch der SVKT anpassen. Was auch einer der Gründe für den Zusammenschluss mit dem STV war: «So können wir allen ein auf jedes Bedürfnis zugeschnittenes Angebot an Kursen, Turnfesten und weiteren Ausbildungen ermöglichen.»

Das letzte Wort haben aber die Mitglieder der Vereine. «Und wenn die Mehrheit austreten will, dann können wir nicht viel dagegen machen», sagt Jung. Nachtragend ist man beim SVKT aber nicht: «Wir hatten eine gute Zeit miteinander. Die Vereine sind jederzeit willkommen, wenn sie dem Verband wieder beitreten möchten.»

Gegen zahlreiche Widerstände gegründet

Anlass für die Gründung des Schweizerischen Verbandes Katholischer Turnerinnen (SVKT) im Jahr 1931 war das Bedürfnis von Frauen, sich sportlich zu betätigen – was damals den Männern vorbehalten war. Gegen kirchliche und sozialpolitische Widerstände entstand so der SVKT. Im Gründungsjahr hatte der Verband 230 Mitglieder, heute sind es 10930, aufgeteilt in 109 Vereine (Stand: 1. Januar 2018).
Eine Mitgliedschaft beim SVKT ermöglicht den Turnvereinen unter anderem die Teilnahme an Aus- und Weiterbildungskursen zu vergünstigten Konditionen, oder an Wettkämpfen und Anlässen des Schweizerischen Turnverbandes (STV) und des SVKT. Die Mitgliedschaft kostet allerdings: Turnvereine bezahlen pro Mitglied und pro Jahr einen Beitrag von zurzeit 51 Franken.
Wegen der auf Bundesebene angeordneten und auf Beginn des Jahres 2018 eingegangenen Partnerschaft zwischen dem STV und dem SVKT steigt dieser Beitrag in den nächsten Jahren sukzessive an, die Verbandsmitglieder können neu aber auch vom Angebot des STV profitieren. 2022 wird der Mitgliederbeitrag bei 63 Franken liegen. «Die grössere Administration kostet mehr», sagt SVKT-Präsidentin Evelyne Jung. (pd/tos)