Tummelfeld für Schwätzer

Wil war in den vergangenen Tagen und Wochen den überregionalen Medien etliche Schlagzeilen wert.

Philipp Haag
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St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

St. Gallen - Philipp Haag Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Philipp Haag)

Wil war in den vergangenen Tagen und Wochen den überregionalen Medien etliche Schlagzeilen wert. Die Zeitungen verfolgten die «Causa Bösch» – die Wiler SVP-Stadtparlamentarierin Sarah Bösch fuhr alkoholisiert Auto und beschimpfte die sie kontrollierende Polizei auf Facebook – akribisch im Tagestakt. Es war ein Thema mit Ingredienzen wie geschaffen für den Boulevard: eine hübsche junge Frau, ein wenig Alkohol, ein bisschen Sex, ein Social-Media-Fettnäpfchen und zu allem Überfluss eine Kommunalpolitikerin.

Wenn ein solches Thema auf den Websites schweizweit verbreitet wird, sind die Besserwisser nicht weit. Die Kommentarspalten füllen sich im Nu. Was dort allerdings zu lesen ist, lässt einen ratlos und mit einem Kopfschütteln zurück. Viele Einträge strotzen nur so von sexistischen, politisch aggressiven und anfeindenden Untertönen. Die Orthographie und die Grammatik verabschieden sich komplett. Viele stehen nicht mit ihrem Namen hin, verwenden kryptisch-komische Pseudonyme. Die Anonymität des Netzes lässt sie den verbalen Zweihänder hervorholen, den sie genussvoll auf ein ihnen unbekanntes Opfer niedersausen lassen. Es ist ein Tummelfeld für sich feige versteckende Dummschwätzer und Ignoranten. Die Goldene Regel der Ethik, die wahrscheinlich die meisten für sich in Anspruch nehmen: «Behandle andere so, wie Du von ihnen behandelt werden willst», wird wortreich und ausschweifend mit Füssen getreten.

Das Internet, es ist wahrlich Fluch und Segen. Der Fluch: Der Anstand verflüchtigt sich, die Sitten verrohen. Schwarz-Weiss-Denken herrscht vor, die differenzierenden Grautöne verschwinden zusehends.

Wer in einen solch hämisch-schadenfreudig-bösen Kommentar-Wirbel gerät, der muss ein dickes Fell haben. Öffentlich angeprangert und seziert zu werden, ist unvorteilhaft und schmerzhaft. Doch wer sich selber der Öffentlichkeit bedient, sich über Social-Media-Plattformen angriffig verhält und die Goldene Regel verletzt, der muss sich nicht wundern, Opfer von Verbalattacken zu werden. Denn eine weitere Grundregel besagt: «Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.» Der Schall kann in seiner Vielstimmigkeit eine zerstörerische Wirkung haben.

philipp.haag@wilerzeitung.ch

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