Räumung bringt Trouvaillen aus der Degersheimer Kurhaus-Ära zutage

Am Tag der offenen Tür im Ökodorf Sennrüti zeigen die Degersheimer Chronisten eine Ausstellung über die Vergangenheit der Kuranstalt.

Andrea Häusler
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In diesem einfachen, kleinen Haus an der Wilketstrasse (heute Sennrütistrasse) legte Isidor Grauer 1904 die Basis für den späteren Kurhausbetrieb.

In diesem einfachen, kleinen Haus an der Wilketstrasse (heute Sennrütistrasse) legte Isidor Grauer 1904 die Basis für den späteren Kurhausbetrieb.

Die Bluse des Dirndlkleidchens in Mieke Duveens Händen ist gilb, der Baumwollstoff zerknittert. Die guten Zeiten des folkloristischen Outfits sind fotografisch belegt, liegen jedoch Jahrzehnte zurück. Das geblümte Kleid ist nicht die einzige Trouvaille, welche Duveen von der Genossenschaft Ökodorf Sennrüti und ihre Helferinnen und Helfer bei der Räumung ehemaliger Kurhausräume zu Tage befördert haben. «Wir durften zwei grosse Kisten Material aus der Vergangenheit der Kuranstalt entgegennehmen», sagt Silvan Locher, einer der Degersheimer Dorfchronisten.

«Da waren Dias, viele sehr alte Fotos, Broschüren, Plakate etc. – allerdings viele davon nicht beschriftet, beziehungsweise datiert.»

Das Sortieren und Aufbereiten erwies sich als ausgesprochen aufwendige Arbeit, welche die Chronisten nun während des Lockdowns bewältigt haben.

Das Resultat der Arbeit präsentiert sich am nächsten Samstag im Sennrüti-Foyer, dem ehemaligen Receptionsbereich des Kurhauses. Auf flexiblen Stellwänden wird die wechselvolle Geschichte der einst international bekannten Institution, die zwei Weltkriege, den Brand des Therapie- und Bädertrakts, mehrere wirtschaftliche Krisen und Eigentümer überdauert hatte, in Worten und Bildern nacherzählt. Aber nicht nur das. Originaldokumente aus der Zeit belegen, wie aktiv die Kuraufenthalte einst beworben wurden und wie zahlreich Persönlichkeiten aus Europa und gar aus Übersee angereist waren, um hier Sonne und Licht zu tanken, sich zu bewegen, im Wasser verwöhnen zu lassen und nur spärlich, aber gesund zu essen.

Die Sache mit der strengen Diät

Wobei es, dem Vernehmen nach, mancher Gast mit der Disziplin doch nicht so genau nahm. Zwar beugte man sich droben im Kurhaus artig der vegetarischen Diät – man wollte ja nicht nach Hause geschickt werden –, doch liess man es sich später beim Metzger, Bäcker oder in die Beiz im Dorf umso besser gehen. Ein Gebaren, das später auch zu Problemen mit der Krankenkasse führen konnte. Denn wer um welche Zeit nach Hause kam, wurde registriert. Dafür gab es Lochkarten. Bei mehr als dreimaligem «Überhocken» wurde der Kasse Meldung erstattet, der Kuraufenthalt nicht übernommen. Es liegt auf der Hand: Zumindest die Stammgäste waren stets nüchtern genug, um das System zu überlisten.

Solche und ähnliche Episoden lockern die geschichtlichen Abläufe auf amüsante Weise ab.

Von der Badehütte zum Kurhaus

Selbstverständlich ermöglicht die Ausstellung, die mit einer Powerpoint-Präsentation sowie einer Filmpräsentation von 1928 ergänzt wird, auch Begegnungen mit den verschiedenen Eigentümern des Kurhauses. Allen voran mit Isidor Grauer, dem Gründer der Sennrüti. 1902 krank zur Kur in Arnold Riklis Anstalt im österreichischen Velden (heute Bled/Slowenien) gereist und genesen zurückgekehrt, baute der damals 43-jährige Stickereiunternehmen in Degersheim ein vergleichbares Angebot auf. Zunächst in einer einfachen Badehütte. Beflügelt vom Erfolg wurden auf dem Wolfensberg und auf Tannen Grundstücke gekauft und Freiluftbäder eingerichtet, die Wirtschaft Zum Bädli zum Kurhaus und die Badehütte zur Badeanstalt ausgebaut.

Während der Kurbetrieb den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise fast unbeschadet überstand, brachten der Zweite Weltkrieg, das Ausbleiben ausländischer Gäste und das Entstehen neuer Therapieformen herbe Verluste.

Der Aufschwung nach dem Bäderbrand

1961 ging die Institution in den Besitz eines Konsortiums um den Herisauer Textilunternehmer Paul Bänziger über. In dieser Zeit wurde der Gästetrakt mit Speisesaal neu gebaut.

Ab 1973 gehörten die Aktien der Zürcher Journalistin Helen König und ihrer Tochter Barbara. Noch im Kaufjahr zerstörte ein Brand das hölzerne Bäder-/Therapiegebäude. Der Turnaround gelang gleichwohl: 1992 verzeichnet das Kurhaus 24000 Übernachtungen und beschäftigte 50 Mitarbeitende. Das Ende zeichnete sich ab, als das Kurhaus 1999 nicht auf die Spitalliste gesetzt wurde und die allgemein versicherten Patienten ausblieben.

Schwieriger Verkauf

Der Verkauf der Liegenschaft gestaltete sich schwierig. Dreimal lehnte die Bevölkerung den Verkauf an die Gemeinde zwecks Ausbaus des Alters- und Pflegeheims Steinegg ab. Und 2004 zog die Clovis Defago Holding platziertes Kaufangebot wieder zurück.

Heute gehört die Liegenschaft der Genossenschaft Herzfeld Sennrüti, die sich am Samstag ebenfalls präsentiert. Unter anderem mit einem Flohmarkt. Vielleicht findet sich ja auch dort das eine oder andere Stück aus der Kurhausära. Mieke Duveen sagt jedenfalls: «Als wir hierher kamen, war vieles noch eingerichtet. Leintücher beispielsweise haben wir zuhauf.»

Tag der offenen Tür und Ausstellungseröffnung

Das Kurhaus wurde 2009, nach langjährigem Leerstand, von der Genossenschaft Ökodorf Sennrüti (heute Herzfeld Sennrüti) erworben. Die Liegenschaft wurde zum Wohnhaus umgebaut und renoviert. Heute leben hier rund 70 Personen in einer Gemeinschaft, deren Fokus auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit liegt. Nach rund zehn Jahren lädt das Ökodorf nun erstmals wieder zum Tag der offenen Tür. Geplant sind verschiedene Aktivitäten, zu denen auch die von den Degersheimer Chronisten inszenierte Ausstellung über die Geschichte des Kurhauses zählt. Diese ist am nächsten Samstag, 11 bis 18 Uhr, sowie von Montag bis Freitag, 31. August bis 4. September, jeweils von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Als Besonderheit wird auch ein Film aus dem Jahr 1928 gezeigt, mit dem für das Haus und die therapeutischen Anwendungen geworben worden war. (ahi)