Trauzimmer war einst Trinkstube

Wo sich heute Paare das Jawort geben, frönten einst die «besseren Herren» dem Wein, Räte trafen politische Entscheidungen und Richter sprachen Urteile. Das Gerichtshaus in der Wiler Altstadt verfügt über eine reiche Geschichte.

Ursula Ammann
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Das Gerichtshaus an der Marktgasse 86 in der Wiler Altstadt.

Das Gerichtshaus an der Marktgasse 86 in der Wiler Altstadt.

WIL. Zwischen den kunstvoll geschnitzten Ornamenten fallen sie fast nicht auf – die hölzernen Kleiderhaken am Frühbarocktäfer. «Hier haben die Ratsherren jeweils ihre Mäntel aufgehängt», erklärt Stadtführer Benno Ruckstuhl. Mit einem Degen bewaffnet seien die Männer zu ihren Sitzungen erschienen – gemäss ihrer Pflicht. Die Ratsherren zogen aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts ins historische Haus an der Marktgasse 86. Rund 250 Jahre nach dessen Bau.

3,7 Liter Wein pro Person

Das Trauzimmer im ersten Obergeschoss des Gerichtshauses. (Bild: unknown)

Das Trauzimmer im ersten Obergeschoss des Gerichtshauses. (Bild: unknown)

Entstanden ist das Gerichtshaus in der Altstadt bereits vor über 400 Jahren. Hinter den dicken Steinmauern widmete man sich anfänglich den schönen Seiten des Lebens: dem gesellschaftlichen Zusammensein und dem Trinken. Wo später der Ratsaal war, befand sich zu Beginn eine Herrenstube. Dort verkehrten die sogenannt «besseren Herren». Zutritt hatte nur, wer das Stubenrecht besass. Das war in erster Linie bei den «Herren am Regiment», dem «Herr Schultheiss» und den «hochlöblichen Herren Räten» der Fall. Doch auch die Beamten der fürstäbtischen Verwaltung waren im Raum zugelassen.

Anlässlich der Huldigung an den neuen Abt Bernhard Müller wurde ein grosses Festessen ausgerichtet, zu dem auch die Bürger eingeladen waren. Vonstatten gingen die Feierlichkeiten im Hartz, in der Gesellenstube und in der Herrenstube. Insgesamt tranken die Gäste zu jenem Anlass 296 Kannen Wein. 112 davon entfielen auf die 180 Personen in der Herrenstube. Der Pro-Kopf-Konsum lag dort etwa bei 3,7 Litern Wein. «Die Wiler hatten einst ein Fassungsvermögen, das wir heute kaum mehr zu fassen vermögen», pflegt Benno Ruckstuhl dazu zu sagen.

An diese Haken am Holztäfer hängten die Ratsherren ihre Mäntel. (Bilder: Ursula Ammann)

An diese Haken am Holztäfer hängten die Ratsherren ihre Mäntel. (Bilder: Ursula Ammann)

Erste Trauung im April 2015

Wie es der Name verrät, hat das Gerichtshaus auch eine juristische Vergangenheit. 1881 übersiedelte die Politische Gemeinde ins geräumigere Morel-Haus an der Marktgasse 58, wo sich auch heute noch ein Verwaltungsstandort der Stadt Wil befindet. Aus dem ehemaligen Ratssaal wurde ein Gerichtssaal, das Rathaus entsprechend zum Gerichtshaus umbenannt. Heute trifft man dort aber nicht mehr auf Richter, Anwälte, Angeklagte, oder zerstrittene Eheleute. Denn der Sitz des Kreisgerichts Wil wurde vor sieben Jahren durch einen Volksentscheid nach Flawil verlegt. Der Gerichtssaal stand fortan leer – bis die Stadt beschloss, das Trauzimmer vom Baronenhaus in den Gerichtssaal zu verlegen. Am 1. April 2015 fand dort die erste Trauung statt.

Benno Ruckstuhl Stadtführer (Bild: unknown)

Benno Ruckstuhl Stadtführer (Bild: unknown)

Erinnerung an Scheidungen

Der Gerichtssaal heisst nun wieder Ratssaal. Noch immer zeugen Richterpulte von dem, was einmal war. Dass man dieses Mobiliar an Ort und Stelle beliess, findet Benno Ruckstuhl befremdend. «Es erinnert daran, dass hier auch Ehen geschieden wurden», sagt er. Von Besuchern seiner Führungen höre er oft den Satz: «Das bleibt aber nicht so oder?» Er wisse auch von Heiratswilligen, die dem neuen Trauzimmer nicht trauten und deshalb den Salon im Baronenhaus mieteten, um sich dort das Jawort zu geben. Wenn Benno Ruckstuhl den Saal betritt, ist er aber nach wie vor überwältigt von dessen Schönheit und fasziniert vom Gebäude überhaupt. «Es ist so eine sensationelle Geschichte, die dieses Haus hinter sich hat.»