«Traumatisiert ist nicht krank»

Seit fünf Jahren verfügt die Privatklinik Clienia Littenheid als einzige Psychiatrische Klinik in der Schweiz über eine Traumastation. Nun erweiterte sie das Angebot und beherbergt neu eine Trauma-Akutstation und eine Trauma-Ambulanz.

Nicole Schaffner
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Littenheid. Seit der Eröffnung der Traumastation in der Privatklinik Clienia Littenheid im Mai 2006 ist die Warteliste der Patienten stetig gewachsen. «Heuer müssen die Betroffenen rund ein Jahr warten», erklärt Raymond Scheer, Bereichsleiter Pflege. Um die Warteliste zu minimieren, hat die Clienia Littenheid vor drei Wochen ihr Therapieangebot um die Trauma-Ambulanz sowie die Trauma-Akutstation erweitert.

«Abnormale Erlebnisse»

Von der Notwendigkeit der Erweiterung sind sowohl Raymond Scheer als auch Bernd Frank, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachpsychotherapeut für Traumatherapie und Oberarzt in der Clienia Littenheid, überzeugt. Letzterer hat vor fünf Jahren die Traumastation konzeptionell aufgebaut.

Seit der Eröffnung habe man einen grossen Zulauf erfahren und die Rückmeldungen der Patienten seien stets positiv ausgefallen. «Wir behandeln die Ursachen des Traumas», macht Frank deutlich.

Letztlich seien die Erkrankungen normale Symptome von abnormalen Erlebnissen, unterstreicht er. «Wir sehen unsere Patienten nicht als Kranke, sondern als psychisch traumatisierte Menschen», so der Oberarzt. Bei den behandelnden Fällen werde auch die politische Stabilität der Schweiz deutlich, ergänzt Scheer. «Die Disposition unserer Patienten sähe anders aus, wären wir in einem Land, das Kriege geführt hat», erklärt er. So seien 80 Prozent der Patienten beziehungstraumatisierte Menschen.

Nur gerade 20 Prozent weisen Kriegstraumata auf. «Wir zählen auch Iraner und Iraker sowie Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien zu unseren Patienten», so Frank.

Patienten ambulant behandeln

«Die Trauma-Ambulanz dient einer möglichst frühzeitigen diagnostischen Abklärung, Beratung und Behandlung von psychisch traumatisierten Menschen», erklärt Bernd Frank.

Stellt sich bei dem Vorgespräch heraus, dass der Patient ambulant betreut werden kann, so geschieht dies einmal in der Woche.

Dank dieser Einrichtung habe man zukünftig auch die Möglichkeit, jene Patienten, die frisch aus der stationären Traumatherapie austreten, während der nachfolgenden Zeit ambulant zu behandeln und zu unterstützen, macht Scheer deutlich. Die Ambulanz befindet sich noch im Aufbau. «Ziel ist es, insgesamt 60 Patienten so zu betreuen», erklärt Bernd Frank.

Zugang zu Emotionen

Die Trauma-Akutstation bietet Therapieplätze für Patienten mit akuten und komplexen Traumafolgestörungen. «Diese Station wird grundsätzlich offen geführt, ist aber fakultativ schliessbar», erläutert Frank.

Auf der Trauma-Akutstation gibt es drei unterschiedliche Behandlungssettings: die akute Krisenintervention («bed on recipy»), das stabilisierende sowie das motivationsorientierte Setting.

Die ersten beiden Behandlungen haben zum Ziel, die Symptome zu entlasten oder zu minimieren, während Letzteres den Zugang zu den inneren Emotionen verbessern soll.

Personal ausbilden

Bei der Therapierung der Patienten arbeiten die Ärzte und das Pflegepersonal interdisziplinär und wenden ein integratives schulenübergreifendes Konzept an.

Dazu gehören unter anderem Psychotherapie sowie Therapieansätze wie Mal- und Gestaltungstherapie, Musik-, Ergo-, Bewegungs- und Physiotherapie. «Dieses Angebot zu gewährleisten, ist anspruchsvoll und verlangt von den Betreuenden traumaspezifische Fach- und Methodenkompetenz», erklärt Raymond Scheer. Die Clienia Littenheid ist nun daran, das Pflegepersonal sukzessive zu Traumafachberatern ausbilden zu lassen.