Tradition in die Zukunft tragen

Mit dem Jahreswechsel löst Norbert Hodel als Präsident der Ortsbürger seinen Vorgänger Niklaus Sutter ab. Die Wiler Zeitung sprach mit den beiden über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Ortsbürger.

Drucken
Teilen
Norbert Hodel übernimmt am 1. Januar von Niklaus Sutter (rechts) das Amt als Präsident der Wiler Ortsbürger. (Bilder: Silvan Meile)

Norbert Hodel übernimmt am 1. Januar von Niklaus Sutter (rechts) das Amt als Präsident der Wiler Ortsbürger. (Bilder: Silvan Meile)

Herr Sutter. Acht Jahre Ortsbürgerpräsident. Ist das zu lange, zu kurz oder gerade richtig?

Niklaus Sutter: Ich hätte gern noch ein paar Jahre angehängt. Eine Amtsdauer von acht bis zwölf Jahren erachte ich als ideal. Mein Rücktritt ist zum einen ein Vernunftsentscheid aus Altersgründen, zum anderen bringt ein Wechsel neue Ideen und neuen Schwung. Es gibt noch einige Projekte, bei denen ich es bedauere, sie nicht bis zum Ende begleiten zu können.

Welche laufenden Projekte sprechen Sie da an?

Sutter: Die Raumplanung im Bereich Weidgut ist für die Ortsbürger von Bedeutung. Hierbei geht es um die Einzonung von rund zwei Hektaren Land im Osten der Stadt. Der Baurechtszins, den dieses Land erwirtschaften könnte, trägt zur zukünftigen finanziellen Absicherung der Ortsbürgergemeinde bei. Dann möchten wir die Wiler Stadtgeschichte des 19. bis 20. Jahrhunderts in Buchform herausgeben. Und schliesslich steht die dritte Bauetappe der Hofsanierung bevor. Die betrifft die Ortsbürger vor allem auch im Bereich des Ortsmuseums.

Herr Hodel, das Amt des Ortsbürgerpräsidenten umfasst ein 30-Prozent-Pensum mit rund 140 Sitzungen im Jahr. Was ist Ihre Motivation, diese umfangreiche Aufgabe zu übernehmen?

Norbert Hodel: Ich engagiere mich gern für die Öffentlichkeit. Das habe ich in der Vergangenheit ja schon in anderen Gremien bewiesen. Dass ich bis jetzt nicht im Ortsbürgerrat Einsitz hatte, erachte ich nicht als Nachteil. Ich habe gute Räte zur Seite, die mich unterstützen werden.

Welches sind die grössten Veränderungen der vergangenen acht Jahre bei den Ortsbürgern?

Sutter: Die Zahl der Ortsbürger hat sich in den acht Jahren auf 1600 verdoppelt. Dies geschah aufgrund von Einbürgerungen. Die meisten dieser Personen haben wenig bis null Bezug zur Ortsgemeinde. Mit den 600 neuen Ortsbürgern, die nach der Gemeindevereinigung aus Bronschhofen dazu kommen, werden wir wieder mehr Leute haben, die Bezug zu den Strukturen und Anlässen der Ortsbürger haben.

Was ist die «Mitgift» der Ortsbürger aus den neuen Gemeindeteilen Bronschhofen und Rossrüti?

Sutter: Gar keine. Sie hatten bisher keine Ortsgemeinde und somit auch keine Liegenschaften oder Land.

Was erwarten Sie von den neuen Ortsbürgern?

Hodel: Ich erwarte nichts von ihnen, sondern sie dürfen Erwartungen an uns haben. 150 der neuen Ortsbürger haben an unserem Begrüssungsanlass teilgenommen und damit ihr Interesse gezeigt. Ich habe von den neuen Ortsbürgern vermehrt gehört, dass sie sich auf den Bürgertrunk freuen. Wir sind gespannt, wie viele kommen werden.

Sie sprechen den Bürgertrunk an. Wer wird nach der Pensionierung von August Bürge die Ortsbürger mit der traditionellen Bürgerwurst beliefern?

Hodel: Es ist ein offenes Geheimnis, dass bereits Güst Bürge eingebürgert wurde. Die Gemeindevereinigung eröffnet auch diesbezüglich neue Horizonte.

Ist die Tonhalle künftig für den Bürgertrunk noch gross genug?

Hodel: Sie muss reichen. Das ist eine Frage der Organisation.

Sutter: Vielleicht werden wir künftig in mehreren Etappen essen oder auf weitere Räume in der Tonhalle ausweichen.

Hodel: Auch für die Ortsbürgerversammlung sehe ich keine Engpässe. Obwohl: An der Bürgerversammlung der vereinigten Gemeinde vom 28. November im Ebnetsaal haben mehr Bronschhofer teilgenommen, als Wiler. Die Bronschhofer sind sich Bürgerversammlungen gewohnt.

Sutter: Spannend wird diese erste Ortsbürgerversammlung im April des nächsten Jahres sicher sein. Die Ortsbürgerversammlung ist für den Präsidenten sozusagen ein heiliger Tag.

Bei den neu Eingebürgerten besteht nur wenig Interesse, die Traditionen der Ortsbürger zu pflegen. Sehen Sie Möglichkeiten, hier eine Wende herbeizuführen?

Sutter: Bei Erstgesprächen und Einbürgerungsfeiern stellen wir die Ortsbürgergemeinde und ihre Themen vor.

Hodel: Ich habe beim Bürgertrunk und an der Ortsbürgerversammlung schon durchaus ehemalige Ausländer angetroffen. Es ist nicht so, dass gar niemand mitmacht. Aber eingebürgerte Ausländer suchen in erster Linie das Schweizer Bürgerrecht und nicht ein Ortsbürgerrecht.

Sind Sie ein Gralshüter der alten Traditionen oder wollen Sie bei den Ortsbürgern Veränderungen schaffen?

Hodel: Ich werde mich hüten, alles über den Haufen zu werfen, was meine Vorgänger geschaffen haben. Es ist meine Verpflichtung, die Traditionen zu pflegen, werde mich aber auch neuen Herausforderungen stellen. Ich kann von meinem Vorgänger hervorragende Strukturen übernehmen und weiterführen. Aber was früher gut war, muss nicht für immer so bleiben. Neuerungen sind denkbar und diskutabel.

Sutter: Es gibt laufend neue Herausforderungen und Aufgaben für die Ortsbürger.

Hodel: Die Verwaltung und innere Struktur wurde beispielsweise in den vergangenen Jahren angepasst.

Sutter: Im Bereich Informatik, Lohnwesen und Pensionskasse arbeiten wir eng mit der Stadt zusammen. Auch im kulturellen Engagement. In den anderen Bereichen bleiben wir aber autonom.

Das heisst, die Ortsbürger sind während Ihrer Amtszeit näher an die Stadt gerückt?

Sutter: Das darf ich an dieser Stelle wohl bejahen. Wir haben zum Beispiel eine Leistungsvereinbarung mit der Stadt Wil für den Unterhalt der Waldwege. Wir waren massgeblich am neuen städtischen Kulturleitbild beteiligt. Wichtige Schnittstellen zur Politischen Gemeinde sind die Tonhalle, das Ortsmuseum oder die geplante Stadtchronik.

Stehen grössere Investitionen an?

Sutter: Die Aussenrenovation des Baronenhauses steht an. Wir haben aber in der Vergangenheit genug Geld erwirtschaftet und zur Seite gelegt. Eine solche Renovation könnte in den nächsten zehn Jahren anfallen. Als weiteres Zukunftsprojekt steht die Herausgabe der bereits erwähnten Stadtgeschichte Wil im 19. und 20. Jahrhundert an. Und die Erschliessung des Weidgutes wird ebenfalls grössere Geldmittel beanspruchen.

Hodel: Die Erweiterung des Rebbergs ist ein weiteres Projekt. Hier haben wir eine ökologisch kulturelle Aufgabe, keine betriebswirtschaftliche. Wir sind stolz, Wein zu produzieren, das darf auch etwas kosten.

Gibt es Konflikte durch Ihre Tätigkeiten als Ortsbürgerpräsident und Parlamentarier?

Hodel: Ich bin deshalb nach zwölf Jahren als Fraktionschef der FDP zurückgetreten. Ich werde aber weiterhin dem Parlament angehören. Im Fall einer Befangenheit würde ich in den Ausstand treten.

Welches sind die Einnahmequellen der Ortsbürger?

Hodel: Hauptsächlich generieren wir unsere Einnahmen aus den Baurechtszinsen, wie zum Beispiel vom Stadtsaal, dem Kornhaus oder der Coop Tankstelle.

Wie bereiten Sie die Amtsübergabe vor? Wird es da Sitzungen brauchen?

Hodel: Ich wurde am 23. September gewählt und bereits am 25. September zur ersten Sitzung aufgeboten. Seither war ich an allen Sitzungen dabei. Das sind zwei bis drei pro Woche. Ende Jahr übergibt mir Niklaus die Schlüssel. (schmunzelt) es werden etwas mehr als nur zwei sein.

Welchen Ratschlag gibt der scheidende Präsidenten seinem Nachfolger?

Sutter: Ortsbürgerpräsident zu sein, ist die schönste Aufgabe in Wil. Man muss aber am öffentlichen Leben interessiert sein. Ich möchte meinem Nachfolger ganz einfach die Freude an dieser schönen Aufgabe mitgeben.

Hodel: Die musst du mir nicht mitgeben, die habe ich schon. Wenn ich die Freude nicht hätte, hätte ich nicht für dieses Amt kandidiert.

Interview:

Silvan Meile, Monique Stäger

Norbert Hodel: Ich werde mich hüten, alles über den Haufen zu werfen.

Norbert Hodel: Ich werde mich hüten, alles über den Haufen zu werfen.