Tödlicher Unfall auf Pannenstreifen bei Oberbüren: Gericht folgt der Anklage – 18 Monate bedingt für den Lenker

Das Kreisgericht Wil hat einen 24-jährigen Autolenker zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Der Mann hatte vor knapp einem Jahr auf dem Pannenstreifen der A1 zwei Menschen angefahren und tödlich verletzt.

Andrea Häusler
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Es ist unstrittig: Der Fahrer des Unfallwagens hatte auf dem Handy Musiktitel gewechselt und ist deshalb von der Normalspur abgekommen und auf den Pannenstreifen gefahren.

Es ist unstrittig: Der Fahrer des Unfallwagens hatte auf dem Handy Musiktitel gewechselt und ist deshalb von der Normalspur abgekommen und auf den Pannenstreifen gefahren.

Symbolbild: Andrea Häusler

Der tödliche Unfall auf der Autobahn bei Oberbüren hatte im April 2019 schweizweit Betroffenheit ausgelöst. Entsprechend gross war das Interesse am heutigen Prozess in Flawil, dem nebst Medienvertretern und Gästen auch Angehörige des 50-jährigen Fahrers des Pannenfahrzeugs  beiwohnten. Dessen Auto war zum Unfallzeitpunkt auf dem Pannenstreifen abgestellt.

Als der Angeklagte aus Oberbüren in Richtung St.Gallen fahrend den Bürerstich erreichte, war der 23-jährige Pannenhelfer aus Wil kauernd und mit dem Rücken zur Fahrbahn mit dem Wechseln des  linken Vorderreifens beschäftigt. Er wurde später vom Fahrzeug des Beschuldigten erfasst und weggeschleudert. Dabei prallte er gegen den Besitzer des defekten Fahrzeugs. Der junge Automechaniker erlag seinen schweren Verletzungen noch gleichentags im Spital, der Lenker des Pannenfahrzeugs starb wenige Wochen später.

100 Meter im Blindflug gefahren

Die Anklage liess keinen Zweifel daran, dass der Unfall vermeidbar gewesen wäre. Denn der Angeklagte bediente während der Fahrt das Handy. Vom Wechseln von Musiktiteln war die Rede. Die Ablenkung habe  dazu geführt, dass das Auto von der Fahrbahn weg auf den Pannenstreifen geraten sei, hielt die Staatsanwaltschaft fest. Während der wenigen Sekunden der Unaufmerksamkeit habe der Beschuldigte, mit Tempo 110/120 km/h um die 100 Meter quasi im Blindflug zurückgelegt. Der Antrag der Anklage lautete auf 18 Monate bedingt.

Fehlverhalten, Zufall und Pechfaktoren

Die Verteidigung bestätigte die Ausführungen im Wesentlichen, wobei er das Hantieren am Handy in Relation zu anderen Faktoren stellte, welche die Aufmerksamkeit der Automobilisten permanent oder gelegentlich von der Strasse weg lenkten: die Landschaft, der Nebenverkehr, Kinder oder Tiere im Fahrzeug sowie die eigene Befindlichkeit. Ohne etwas beschönigen zu wollen stelle er fest, dass Momente der Unaufmerksamkeit im Strassenverkehr alltäglich seien, sagte der Verteidiger. Allerdings blieben solche Fehler meist ohne Folgen oder würden allenfalls gebüsst. Im Fall des Angeschuldigten hätten, nebst dem Fehlverhalten mit dem Handy, nicht zuletzt der Zufall und schlichte Pechfaktoren zur Katastrophe geführt.

Ergänzend gab er zu bedenken, dass eine Platzierung des Pannendreiecks in grösserer Distanz und eine weniger fahrbahnnahe Position des Pannenhelfers bei der Arbeit den Unfall möglicherweise verhindert hätten. Für seinen Mandanten beantragte er ebenfalls Schuldsprüche, plädierte jedoch für eine sechsmonatige bedingte Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 60 Franken.

Das Gericht entschied anders. Wobei ein Schuldspruch nach dem Begehren der Verteidigung ohnehin nicht möglich gewesen wäre. Eine Aufteilung der Strafe lasse das Sankionensystem nicht zu, begründete der Gerichtspräsident.

Reue gezeigt und Hilfe geleistet

Der Strafrahmen für die verhandelten Delikte liegt zwischen 0 und 4 1/2 Jahren. Dass sich das Gericht auf eine bedingte Strafe von 18 Monaten und eine Probezeit von zwei Jahren verständigte, ist auch dem Verhalten des Angeklagten geschuldet. Strafmindernd wirkte sich aus, dass er nach der Kollision die Rega avisiert und den Verunglückten Hilfe geleistet hatte, aber auch seine Kooperationsbereitschaft im Untersuchungsverfahren und seine Reue, die sich nicht zuletzt in einem Entschuldigungsschreiben an die Opferfamilien manifestierte.

An Schranken zeigte sich der 24-Jährige vom Geschehenen gezeichnet. Der Unfall hat sein Leben verändert. Seit dem 3. April 2019 habe er kein Auto mehr gefahren, sagte er. Und er befinde sich nach wie vor in psychologischer Behandlung.

Die Genugtuungsansprüche der Hinterbliebenen der beiden Opfer hiess das Gericht teilweise gut. Der grössere Teil der Forderungen wurden auf den Zivilweg verwiesen.

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