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Interview

«Thurkultur hat sich in der Region etabliert»: Präsident David Zimmermann gibt einen Einblick in die Kulturförderung

Der Braunauer Gemeindepräsident David Zimmermann vermittelt als Präsident des Vereins Thurkultur zwischen den Kulturschaffenden und den Behörden. Er erklärt die Kriterien für die Vergabe von Unterstützungsbeiträgen.
Rolf Hürzeler
«Rock am Weier» ist eine der grossen jährlichen kulturellen Veranstaltungen in der Region Wil. (Bild: Claudio Weder)

«Rock am Weier» ist eine der grossen jährlichen kulturellen Veranstaltungen in der Region Wil. (Bild: Claudio Weder)

Vom Velorennen bis zum Notre-Dame; Kultur ist ein weiter Begriff. Wo ordnen Sie ihn ein?

David Zimmermann: Für mich ist die Kultur ein Abbild der Gesellschaft: Sie erstreckt sich vom einfachen Chor bis zur Opernsängerin, die eine Partitur interpretiert.

Wo sehen Sie in diesem weiten Spektrum den Schwerpunkt von Thurkultur?

Wir vermitteln als Bindeglied zwischen den Kulturschaffenden und den 21 Mitgliedsgemeinden sowie den beiden Kantonen St. Gallen und Thurgau. Die Organisation ist aus dem Unterstützungs­wesen der Gemeinden entstanden. Wir wollen es den Kulturschaffenden erleichtern, finanzielle Unterstützung zu finden.

David Zimmermann, Präsident Verein Thurkultur und Gemeindepräsident Braunau. (Bild: Donato Caspari)

David Zimmermann, Präsident Verein Thurkultur und Gemeindepräsident Braunau. (Bild: Donato Caspari)

Warum soll eine halbstaatliche Organisation zwischen Kulturschaffenden und dem Publikum vermitteln?

Wenn die Behörden sparen, muss immer zuerst die Kultur dran glauben. Hier ist der Widerstand am geringsten. Die Kultur hat zudem die gesellschaftliche Aufgabe, den Finger auf einen wunden Punkt zu legen und anzuecken. Das weckt Widerstand; deshalb bietet sie sich schnell als Sparopfer an.

Gerade auf Bestreben Ihrer Partei, der SVP.

Genau, darum ist es ja toll, dass ich in einer Organisation wie Thurkultur mitarbeiten kann. Denn auch die SVP weist ein grosses Spektrum auf.

Wo ziehen Sie die Grenze? Welche Kulturformen dürfen nicht auf Unterstützung der öffentlichen Hand zählen?

Ich würde es einmal so sagen: Je kritischer der künstlerische Ansatz, desto geringer sollte die Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln sein.

Die Risikobereitschaft, sich mit der Kultur auseinanderzusetzen, ist in einer Thurgauer Landgemeinde nicht so gross wie etwa in der Zürcher Innenstadt.

Da haben Sie recht. In einer Stadt hat die Kultur einen grösseren Stellenwert als in einer Landgemeinde. Deshalb kann sie auch ein weiteres, kritisches Spektrum abdecken.

Der Verein Thurkultur

Thurkultur ist der grenzüberschreitende Kulturverein der Kantone Thurgau und St.  Gallen. Die Institution unterstützt kulturelle Aktivitäten finanziell, und sie dient als Netzwerk, in dem Kulturschaffende und -veranstalter mit den Gemeinden in Kontakt treten. Alimentiert wird der Verein von 21 Mitgliedgemeinden mit einem Franken pro Einwohner, einem Zuschuss in gleicher Höhe aus den Mitteln der Lotteriefonds der Kantone Thurgau und St.  Gallen, den Jahresbeiträgen von Mitgliedern sowie Zuwendungen von Kulturinteressierten. Das Vereinsgebiet reicht von Aadorf im Westen bis nach Oberbüren im Osten der Region. Die Mitgliedschaft steht politischen Gemeinden, Kulturschaffenden und -veranstaltern sowie Kulturförderer und -institutionen offen. Anträge bis maximal 9999 Franken werden geprüft und beurteilt. (hür)

Warum entscheidet bei Thurkultur der Vorstand über die Vergabe von Unterstützungsgeldern? Fachjurys wären unabhängiger.

Die Zusammensetzung unseres Vorstands vereinigt die politische und die kulturelle Komponente zusammen. So unterstützen uns beispielsweise der Künstler und Galerist Werner Widmer ebenso wie die Kulturbeauftragte der Stadt Wil, Kathrin Dörig, bei der Arbeit.

Fachjurys wären unabhängiger. Die Zusammensetzung unseres Vorstands vereinigt die politische und die kulturelle Komponente zusammen. So unterstützen uns beispielsweise der Künstler und Galerist Werner Widmer ebenso wie die Kulturbeauftragte der Stadt Wil, Kathrin Dörig, bei der Arbeit.

Es besteht das Risiko des Klientelwesens, wenn alle Vorstandsmitglieder in der Region verankert sind.

Dieser Eindruck könnte tatsächlich entstehen; dem ist aber nicht so. Wir haben eine Ausstandsregel. Die Gemeindevertreter sowie die Kulturschaffenden halten sich bei der Beratung von Gesuchen aus ihren Ortschaften zurück.

Neben der politischen Dimension bei der Vergabe von Unterstützung gibt es ja auch eine qualitative. Kommt es im Vorstand zu heftigen Auseinandersetzungen, was denn gute Kultur ist?

Wir diskutieren immer wieder über den kulturellen Stellenwert eines Dorfchors oder eines Kammerensembles. Der gemischte Chor kann für das kulturelle Leben in einer Gemeinde ebenso wichtig sein wie das Ensemble für die Region. Darum verdienen beide Unterstützung. Aber natürlich führen wir darüber intensive Gespräche, schliesslich lässt sich über Qualität immer streiten.

Für die Dorfbewohner ist der Chor wichtiger als ein Ensemble.

Exakt, und das berücksichtigen wir, wenn immer möglich. Aber es kann vorkommen, dass eine Gemeinde mit einem Unterstützungsbeitrag einspringt, wenn wir ein Gesuch ablehnen, das für diese Ortschaft besonders wichtig ist.

Und da ist anzunehmen, dass eine kleinere Gemeinde wie etwa Braunau im Vorstand einen schlechteren Stand hat als die Stadt Wil.

Tatsächlich hat es eine Abendunterhaltung im Dorf schwerer als eine kulturelle Veranstaltung in einer Stadt. Dies hat jedoch nichts mit einer Gemeinde und ihrer Grösse zu tun. Aus Sicht von Braunau profitieren wir vom Angebot aus der Region.

Braunau ist Nettozahler; das heisst die Gemeinde zahlt mehr, als dass sie zurückbekommt. Akzeptiert das die Bevölkerung?

Ja, denn die Braunauer Bevölkerung nutzt eben auch das Kulturangebot der Stadt Wil oder von Adorf.

Ein Lehrer will einen Lyrikband herausgeben und beantragt Geld dafür. Thurkultur lehnt ab, weil die Gedichte fürchterlich sind. Kommen Sie da in die Kritik seitens des Lehrers, der womöglich eines Ihrer Kinder unterrichtet?

Das könnte wohl sein. Diesen Fall hat es so bisher nicht gegeben, aber ähnliche. Da muss man den abschlägigen Entscheid halt sorgfältig begründen.

Auch der Gegensatz zwischen etablierter Kultur und Jugendkultur gib immer wieder zu Diskussionen Anlass.

Für uns ist die Förderung der jungen Kultur ein wichtiges Anliegen. Da setzen wir bei der Vergabe von Unterstützungsbeiträgen auch nicht die gleich harten Kriterien an. Die Zugangsschwelle soll etwas niedriger sein.

Sie erhalten zwischen 140 und 150 Gesuche für Unterstützungsbeiträge jährlich.

Ja, letztes Jahr hatten wir einen leichten Rückgang, aber vorläufig keine Schwankungen. Die Gesuche sind gehaltvoller geworden. Thurkultur hat sich in der Region etabliert; anerkannte Künstler kennen uns und wollen mit uns zusammenarbeiten. Die Erfolgsquote liegt bei rund 80 Prozent.

Sie könnte höher sein, wenn die Gemeinden zwei Franken statt einen pro Einwohner bezahlen. Vor allem die Stadt Wil ist dagegen.

Das wünschen wir uns. Allerdings haben auch Thurgauer Gemeinden eine Erhöhung abgelehnt haben. Die Gemeinden sollten erkennen, dass unsere Organisation nicht nur etwas kostet. Sie entlastet das Gemeinwesen auch von essentiellen Aufgaben.

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