Tanzen für mehr Verständnis

UZWIL. Im neuen Imagefilm des «Buecherwäldli» tanzen die Mitarbeiter zu den Rhythmen von Stevie Wonder. Man wolle den Blickwinkel gegenüber behinderten Menschen ändern, sagen die Initianten. Die Reaktionen sind unterschiedlich.

Donat Beerli
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Tanzen macht Freude: Priskus Blöchlinger schwingt die Hüften zu Stevie Wonders Lied «Sir Duke». (Bild: Islandart GmbH)

Tanzen macht Freude: Priskus Blöchlinger schwingt die Hüften zu Stevie Wonders Lied «Sir Duke». (Bild: Islandart GmbH)

Priskus Blöchlinger tanzt. Und wie. Gefühlvoll wippt der «Buecherwäldli»-Mitarbeiter zur Musik von Stevie Wonder hin und her. Ein Lächeln zieht über sein Gesicht – er ist in seinem Element. Die Szene stammt aus dem Imagefilm, welchen die Behindertenwerkstätte produziert hat. Darin sind rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sehen, die mal alleine, mal in Gruppen zur Melodie des Stevie-Wonder-Hits «Sir Duke» tanzen. «Wir wollen die Gesellschaft für Menschen mit Behinderung sensibilisieren», sagt Sozialpädagogin Seraina Ruckstuhl. Sie ist eine von drei Buecherwäldli-Betreuern, die das Video-Konzept ausgearbeitet haben.

Die drei Initianten: Seraina Ruckstuhl, Roger Gubler, Isabel Vombach. (Bild: pd)

Die drei Initianten: Seraina Ruckstuhl, Roger Gubler, Isabel Vombach. (Bild: pd)

Niemand muss, jeder darf

Die Idee ist nicht ganz neu. Für den Welt-Down-Syndrom-Tag 2014 tanzten Menschen mit Down-Syndrom zu Pharell Williams' Hit «Happy». Das Video wurde ein Erfolg – knapp zwei Millionen Menschen haben es bisher auf YouTube angeklickt. «Wir haben uns gesagt: Das können wir auch», sagt Mitinitiant Roger Gubler. Um das Ganze aufzugleisen, wurden die Mitarbeiter an den verschiedenen «Buecherwäldli»-Standorten mit Plakaten über das Videoprojekt informiert. Wer mitmachen wollte, durfte das auch. «Vortanzen gab es keines», sagt Seraina Ruckstuhl und lacht.

Probleme mit Song-Rechten

Im Gegensatz zur Rekrutierung der Tänzer, gestaltete sich der legale Erwerb der Hintergrundmusik als schwieriger. Eine langwierige Geschichte sei das gewesen, erzählt Gubler. Er kontaktierte das Management von Stevie Wonder, welches sich mit der Benützung des Songs einverstanden erklärte. Der «Publisher» jedoch, welcher die Vermarktungsrechte des Songs besitzt, war anderer Meinung und verbot die Benützung.

Auf der Suche nach einer Alternative sprang eine befreundete Funkband (Neighbors) in die Bresche, spielte den Song im eigenen Proberaum und stellte ihn dem «Buecherwäldli» zur Verfügung. «Die Qualität war leider zu schlecht, als dass wir das Lied hätten gebrauchen können», sagt Gubler. Doch die Initianten und die Band hatten Glück: Ein Tonstudio gab ihnen die Möglichkeit, den Song im Studio professionell und etwas günstiger aufzunehmen.

Uneitle Protagonisten

Zur Vorbereitung auf den Dreh wurde das Lied in Tanztrainings eingeübt. Diese seien so beliebt gewesen, dass die Bewohner immer wieder danach gefragt hätten, sagt Seraina Ruckstuhl. Die Drehtage gestalteten sich ruhig – vor allem dank der schauspielerischen Leistung der Hauptdarsteller. Filmer Lukas Schwarzenbacher ist begeistert: «Behinderte sind nicht so eitel wie wir, das macht es einfacher.» Abgesehen von zwei Personen, die am Drehtag nicht vor die Kamera wollten, sei alles reibungslos gelaufen. Bis jetzt hätten sie persönlich nur positive Reaktionen auf das Video erhalten, sagt Roger Gubler.

Gleichwertige Menschen

Ein Video, das behinderte Menschen beim Tanzen zeigt, kann aber auch negative Reaktionen hervorrufen. Auf YouTube, wo das Video veröffentlicht wurde, gibt es Daumen, die nach unten zeigen. Stellt man die Behinderten mit einem solchen Video nicht zur Schau? «Ganz und gar nicht», betont Seraina Ruckstuhl. Genau dieser Vorwurf zeige ja, dass sie in unserer Gesellschaft nicht als gleichwertige Menschen angesehen würden. «Dagegen wollten wir etwas tun und die Behinderten so zeigen, wie sie sind: Charmant.»

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