Tätowierer will Beruf aufwerten

RICKENBACH. Bisher gibt es keine eidgenössische Prüfung für Tätowierer und Piercer. Pascal Minder aus Rickenbach bei Wil will das ändern. Das Bundesamt findet die Idee gut, hat aber die Zusammenarbeit vorerst gestoppt.

Katharina Brenner
Merken
Drucken
Teilen
Pascal Minder in seinem Tattoostudio in Rickenbach zusammen mit Gasttätowiererin Tatiana Dmitrochenko. (Bild: Reto Martin)

Pascal Minder in seinem Tattoostudio in Rickenbach zusammen mit Gasttätowiererin Tatiana Dmitrochenko. (Bild: Reto Martin)

Ein Wolf, der heulend den Kopf Richtung Mond streckt, Totenköpfe und Rosen – Fotos dieser Motive hängen an der Wand des Tattoo- und Piercingstudios «Young wild & free Tattoo» in Rickenbach bei Wil. Im grossen Raum werden die Tattoos gestochen. Der kleine geflieste Raum ist die Desinfektionsstrasse: Hier werden die Utensilien gereinigt.

Darauf legt Pascal Minder, der Inhaber des Studios, viel Wert: «Hohe Hygienestandards sind in unserem Beruf sehr wichtig», sagt der 31-Jährige. «Ob Arzt oder Tätowierer, die Risiken seien die gleichen. Viele Tätowierer und Piercer würden auf Sauberkeit achten, doch schwarze Schafe gebe es immer.

Deshalb möchte Minder eine eidgenössische Prüfung einführen, verbunden mit regelmässigen Hygienekontrollen: «Das würde für mehr Sicherheit sorgen und dem Beruf Anerkennung bringen.» Minder hat sich das Piercen selbst beigebracht und von anderen Piercern gelernt. Die Jüngeren sollten die Möglichkeit haben, eine staatliche Prüfung abzulegen.

Die Idee kommt beim Bund an

Die gibt es bisher nicht. Dabei liessen sich immer mehr Menschen piercen und tätowieren, sagt Minder. Er trägt fünf Piercings und zwischen 50 und 60 Tattoos – wie viele es genau sind, weiss er nicht.

Um die eidgenössische Prüfung zu lancieren, war Minder in Kontakt mit dem Bund. «Wir sind überzeugt von der Idee», sagt Evelyne Achour, Projektverantwortliche in der Abteilung Höhere Berufsbildung des Bundes: «Einheitliche Hygienevorschriften wären viel wert.» Auch im Falle einer Arbeitslosigkeit sei ein anerkannter Berufsabschluss von Vorteil. Doch das Bundesamt habe die Zusammenarbeit mit Minder vorerst gestoppt, sagt Achour. «Wir haben ihm Auflagen gegeben, die er nicht erfüllt hat.» Minder sollte einen Verband gründen mit einer namhaften Anzahl an Mitgliedern aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin. Einen Verband hat Minder gegründet, den «Internationalen Berufsverband der Tätowierer und Piercer» – aber er sucht noch Mitglieder.

Verband distanziert sich

Die zweite Bedingung des Bundes ist die Zusammenarbeit mit dem Verband Schweizer Berufstätowierer. Dieser jedoch distanziert sich in einer offiziellen Stellungnahme auf Facebook von Minder. Sie stammt von Mitte Juli, als Minders Vorhaben publik wurde. Der Verband schreibt, Minders Weltrekord, bei dem er einem Ostschweizer 1530 Nadeln in die Haut steckte, sei gesundheitlich fragwürdig gewesen, und die Schule Geldmacherei. Ausserdem stehe der Verband bereits wegen einer Prüfung in Kontakt mit dem Bund. Minder entgegnet, der Rekord habe unter medizinischer Betreuung stattgefunden. Aus seiner Sicht hat der Verband Angst vor regelmässigen Kontrollen. Alexander Nyaguy, der PR-Berater des Verbands, wehrt das ab: Hygienekontrollen, zweimal im Jahr, seien ein Muss für die rund 40 Verbandsmitglieder.

Minder wiederum weist den Vorwurf von sich, er wolle nur Geld machen: «Mir geht es um die Zukunft der Tätowierer, nicht ums Geld.» Im Gegenteil – wer eine Prüfung einführen möchte, müsse zahlen. Das bestätigt Evelyne Achour: Zwischen 70 000 und 100 000 Schweizer Franken kämen auf einen Antragsteller zu. Minder ist zuversichtlich, dass er das Geld zusammenbringen wird.

Doch so lange die Auflagen nicht erfüllt seien, werde das nicht passieren, sagt Achour. Der Bund werde die Prüfung nicht aus eigenen Stücken einführen, auch wenn er die Idee unterstütze: Dafür sei die Initiative einer Berufsgruppe nötig.

Minder arbeitet derweil an dem Konzept für eine Schule: Hier sollen Tätowierer in drei Jahren und Piercer in einer kürzeren Zeit eine Ausbildung machen können.

Zu Beginn sollen alle Kurse zu Hygiene, Anatomie und Betriebswirtschaft belegen – wer ein Studio eröffnen möchte, brauche diese Kenntnisse, sagt Minder. Anschliessend würden die Piercer etwas über Stechtechniken und Materiallehre lernen, die Tätowierer über Farblehre und Zeichentechniken.

Er will nur die Besten

«Ich will die weltbesten Tätowierer und Piercer einladen», sagt Minder. Schon jetzt seien international renommierte Tätowierer in seinem Studio. Die Schule möchte er in den kommenden zwei Jahren eröffnen. Sie soll eine Vorbereitung für die eidgenössische Prüfung sein. Doch wann und ob die kommen wird, ist ungewiss.