Subkontinent mit vielen Gegensätzen

Seit Jahren unterstützt die Galluspfarrei Oberuzwil Projekte in der Diözese von Muzzaffarpur im Bundesstaat Bihar, im Nordosten von Indien. Die Theologin Schwester Edith Zingg berichtete von ihren Erfahrungen.

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OBERUZWIL. Edith Zingg dachte nach einem halben Jahr Aufenthalt, jetzt kenne sie Indien, nach einem weitern Jahr: von Indien wisse sie überhaupt nichts. Denn in Indien sind die Gegensätze der Lebenssituationen riesig: 1,2 Milliarden Menschen sprechen über 100 verschiedene Sprachen, gehören verschiedenen Religionen an und sind kulturell weit auseinander. Während die einen primitivste Handarbeit zum Beispiel beim Zerschlagen von Steinen zu Schotter verrichten, arbeiten andere in anspruchsvollsten High-Tech-Unternehmen. Während es in Städten einen wachsenden Wohlstand gibt, profitiert die Bevölkerung auf dem Land praktisch gar nicht vom sogenannten wirtschaftlichen Fortschritt.

Keine Christenverfolgung

Auf dem indischen Subkontinent ist der Hinduismus die grösste, allerdings sehr heterogene Religion, die in ihrem religiösen Ausdruck eigentlich tolerant gegenüber andern Religionen ist. Trotzdem hört man von religiösen Konflikten. Solche Zwischenfälle gibt es laut der Referentin tatsächlich, sie seien aber Einzelfälle, oft ausgelöst von fanatisch missionierenden Christen, die dadurch radikale Hindus auf den Plan rufen, oder umgekehrt. Edith Zingg warnte vor Fehlinformationen und Übertreibungen von christlicher Seite, aus Propagandagründen Hass schüren zu wollen.

Die Frauen haben es schwer

Die meisten Menschen in Indien leben in einer patriarchalen Struktur, in welcher der älteste Sohn sehr viel zu sagen, aber auch viel Verantwortung hat. Mädchen gelten viel weniger, nicht zuletzt wegen den horrenden Mitgifterwartungen bei einer Hochzeit. Aus diesem Grund werden oft weibliche Föten abgetrieben oder neugeborene Mädchen getötet.

Die Verachtung der Frau drückt sich – wie in letzter Zeit verschiedentlich in Medien berichtet – auch durch Vergewaltigungen aus, die vermutlich nicht stark zugenommen haben. Die Referentin ist der Meinung, dass diese jetzt vermehrt bewusst werden, auch weil Akademikerinnen oder Ausländerinnen betroffen sind.

Irene Thaler von der Weltgruppe Oberuzwil berichtete von den Projekten, die durch Spendengelder im armen und bevölkerungsreichen Bihar möglich werden, unter anderem eine Mehrzweckhalle in Hajipur. Verschiedene Unterstützungen ermöglichen Schülern aus untersten Verhältnissen und Frauen eine Ausbildung und eine gewisse Zukunft.

Sowohl-als-auch-Denken

Edith Zingg plädierte zum Schluss, nicht so sehr ans Spenden zu denken, sondern sich auch bewusst zu werden, dass wir Europäer von diesen Ländern zu viel nehmen (zum Beispiel zu billigsten Preisen Kleider oder PC kaufen). Eine ihrer wichtigsten Einsichten in Indien war, dass es meistens nicht um ein «Entweder-oder» geht, sondern um ein «Sowohl-als-auch». Das dürfte im Bezug aufs Spenden oder aufs «zu viel Nehmen» auch gelten. (nb.)

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