Studierende machen Schule: Angehende Lehrkräfte werden praxisnah auf ihren Beruf vorbereitet

16 Studenten der Pädagogischen Hochschule St. Gallen übernahmen diese Woche den Unterricht an der Primarschule Bronschhofen.

Rosa Schmitz
Drucken
Teilen
Die Projektleitenden Benita Affolter (links) und Andreas Angehrn stellten neben Rektor Horst Biedermann, Regierungsrat Stefan Kölliker, Schulratspräsidentin Jutta Röösli und Markus Rhomberg von der IBH das Projekt vor.

Die Projektleitenden Benita Affolter (links) und Andreas Angehrn stellten neben Rektor Horst Biedermann, Regierungsrat Stefan Kölliker, Schulratspräsidentin Jutta Röösli und Markus Rhomberg von der IBH das Projekt vor.

Bild: Rosa Schmitz

Der Einstieg in den Beruf kann herausfordernd sein. Besonders für Lehrpersonen. «Für sie ist es oft ein grosser Sprung ins kalte Wasser», sagte die Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin Jutta Röösli am Donnerstag an einer Pressekonferenz. Die Komplexität der Aufgaben sowie die Zusammensetzung der Klassen, die heute hinsichtlich sozialer Herkunft und der Leistungen der Schüler oft sehr heterogen sind, könnten Schwierigkeiten bereiten. «Die Rückmeldungen von berufseinsteigenden Lehrerpersonen im ersten Schuljahr zeigen, dass viele von ihnen durch die Menge der anstrengenden Aufgaben sowie durch schwierige Klassensituationen, welche in den Praktika kaum erprobt werden konnten, stark gefordert sind», sagte Röösli weiter. Immer wieder würden Überforderungssituationen zum Verlust von Studierenden führen. Dies müsse man vermeiden.

Viele Lehrende sind nicht richtig vorbereitet

Deswegen hat die Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG) das Projekt «Studierende machen Schule» (SMS) lanciert – ein neues Schwerpunktstudium, das angehende Lehrer der Primarstufe besser auf den Berufseinstieg vorbereitet. Dabei übernehmen Studierende während einer Woche selbstständig den Unterricht, wie vom 10. bis 16. Januar an der Primarschule Bronschhofen. «Das Ziel ist, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen», sagt Andreas Angehrn. Der Projektleiter von der PHSG und seine Projekt-Partnerin, Benita Affolter, berichteten von ihren Erfahrungen. «Häufig absolvieren unsere Studierenden Praktika in einfach zu führenden ‹Schoggi-Klassen› und sind zu wenig auf den komplexen Schul- und Unterrichtsalltag vorbereitet», sagte Angehrn. Dies zeige sich leider oft erst in der Berufspraxis. Es müsse eher darum gehen, Herausforderungen zu erfahren und schwierige Situationen im Klassenzimmer zu bewältigen. Hin und wieder käme es in der Folge auch zum Abbruch des Studiums.

Einig waren sich die beiden Fachleute auch darin, dass selbst dies für die Betroffenen ein Gewinn sei. «Es ist quasi der Lackmus-Test für unseren herausfordernden Job», sagte Angehrn. Gefördert wird das Projekt von der Internationalen Bodensee-Hochschule (IBH) – dem europaweit grössten Verbund von hochschulartigen Institutionen.

So lernen Studierende Selbstständigkeit

Bereits heute unterrichten PHSG-Studierende während ihrer Ausbildung insgesamt 19 Wochen in verschiedenen Praktika. Der Unterschied zum Projekt SMS ist, dass bisher immer nur eine Praktikumslehrperson im Unterricht anwesend ist. Dadurch, dass die PHSG-Studierenden während einer Woche neu zu zweit ohne Begleitung der Lehrpersonen unterrichten, würden die Selbstständigkeit und die Problemlösungsfähigkeiten der Studierenden gestärkt werden. Zudem eröffnet das Projekt eine neue Form der Zusammenarbeit mit Schulen. Das Projekt baut auf dem an der Norwegian University of Science and Technology (Norwegen) entwickelten Konzept der «Schooladoption» auf. In Deutschland ist es zum ersten Mal an der Europa-Universität Flensburg erprobt worden. An der Primarschule Bronschhofen begannen die Projektplanungen vor zwei Jahren. «Dieses Projekt hat lang auf sich warten lassen», sagte Angehrn. Insgesamt 16 PHSG-Studierende unterrichteten vom 10. bis 16. Januar 2020 acht Bronschhofer Primarklassen jeweils zu zweit.

Zu ihren Erfahrungen während der Übernahmewoche äusserten sich die Studierenden sehr positiv.

Zu ihren Erfahrungen während der Übernahmewoche äusserten sich die Studierenden sehr positiv.

Bild: Rosa Schmitz

Auf die Übernahme der Schulklassen wurden sie seit Beginn des Herbstsemesters 2019 vorbereitet. Sie haben dabei ihre Schulklassen in Begleitung der regulären Lehrpersonen kennen gelernt und erste Probelektionen abgehalten. Währenddessen wurden die Studierenden teils per Videokamera gefilmt. Mittels dieser Videosequenzen sowie Rückmeldungen von Klassenlehrpersonen und von PHSG-Dozierenden können die angehenden Lehrpersonen ihr Verhalten im Unterricht überprüfen, diskutieren und weiterentwickeln.

Eine Win-win-Situation für Studierende und Schulleiter

Die PHSG-Studierenden äusserten sich zu ihren Erfahrungen während der Übernahmewoche sehr positiv. Noch nie hätten sie eine so enge Beziehung zu den Kindern aufgebaut, waren sie sich einig. Als Herausforderungen nannten sie, allen Kindern gerecht zu werden und die eigene Rolle als Lehrperson zu finden. Es gebe in den Übernahmetagen keinen Bewertungsdruck, dafür erfahre man im Unterricht unmittelbar die Konsequenz aus etwaigen Fehlern. Ihre Emotionen beschrieben die Studierenden von verzweifelt über enttäuscht bis hin zu überglücklich und stolz. Übereinstimmend sagten sie, dass sie vom Projekt «Studierende machen Schule» profitieren. «Es verlief alles reibungslos», erzählt Kenny Vogt. Er ist in seinem dritten Studienjahr. «Die Kinder sollten sich möglichst wenig gestört fühlen von dem Projekt.» Dies sei durch die ganze Vorbereitung gut machbar gewesen. «Es hat einfach Spass gemacht.»

Die Studierenden unterrichteten vom 10. bis 16. Januar acht Bronschhofer Primarklassen – jeweils zu zweit.

Die Studierenden unterrichteten vom 10. bis 16. Januar acht Bronschhofer Primarklassen – jeweils zu zweit.

Bild: Rosa Schmitz

Mit Blick auf das Lehrerkollegium der Primarschule Bronschhofen sprachen Angehrn und Affolter von einer Win-win-Situation. Sie sind, während die PHSG-Studierenden die Schule übernehmen, vom Unterricht befreit. «Wir werden diese neu gewonnen Freiräume für die Erarbeitung eines Konzeptes der integrativen Begabungsförderung einsetzen», sagt Rektor Horst Biedermann. Dies sei nicht nur für die Lehrer eine gute Sache, auch die Schüler und deren Eltern würden die Vorteile sehen.

Die Auswertung des Projekts wird erst im nächsten halben Jahr erfolgen. «Aber ich sehe das als das Zukunftsmodel für die Ausbildung von Lehrenden», sagt Biedermann. «Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf dieser Woche.»