Studie zeigt: Das Versorgungsmodell der Thurvita in Wil funktioniert und ist wegweisend

Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat die Auswirkungen des Modells «Thurvita Care» untersucht. Das Ergebnis fiel äusserst positiv aus. Die Thurvita will daraus nun die richtigen Schlüsse für das geplante Alterszentrum in Bronschhofen ziehen.

Nicola Ryser
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Mit ihrem Modell «Thurvita Care» will die Thurvita helfen, die Nachfrage nach klassischen Pflegeheimplätzen zu senken. Laut einer Studie der ZHAW gelingt ihr das auch. (Bild:  Christoph Schmidt)

Mit ihrem Modell «Thurvita Care» will die Thurvita helfen, die Nachfrage nach klassischen Pflegeheimplätzen zu senken. Laut einer Studie der ZHAW gelingt ihr das auch. (Bild: Christoph Schmidt)

Vor knapp vier Jahren lancierte die Thurvita AG das Modell «Thurvita Care». Das neue Versorgungsangebot richtet sich an Patientinnen und Patienten, die nach einem Spitalaufenthalt, beispielsweise wegen eines Beinbruchs, rekonvaleszent sind und dafür in ein Pflegeheim eingewiesen werden. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich, je nach Rehabilitationspotenzial, wie lange die Person im Heim verbleibt und wann und ob sie wieder nach Hause zurückkehren kann.

Da heute betagten Menschen infolge von Fallpauschalen weniger Zeit bleibt für eine vollständige Erholung, werden sie vermehrt längerfristig in einem Pflegeheim weiterbetreut. Bei den Heimen der Thurvita erfolgen rund 80 Prozent der Eintritte direkt aus einem Spital. Das Versorgungsmodell soll die Zahl der langfristigen Einweisungen senken. Dafür wurde im Wiler Pflegezentrum Fürstenau gleich neben dem Spital eigens eine Abteilung eingerichtet, in welcher die rekonvaleszenten Patienten bis zu 12 Wochen lang mithilfe von Fachärzten und -therapeuten betreut und auf eine Rückkehr nach Hause vorbereitet werden.

Ein Drittel kann nach Hause zurückkehren

Das Institut für Gesundheitsökonomie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur hat nun anhand einer Studie das Modell der Thurvita auf seine Wirksamkeit geprüft. Verglichen wurden die zwei Jahre vor der Einführung des Modells und die Zeitperiode zwischen 2016 und 2017 mit «Thurvita Care».

Die Ergebnisse sind frappierend: Durch die neue Versorgung konnte ein Drittel aller Personen nach ihrem Spitalaufenthalt nach Hause zurückkehren, fast doppelt so viele wie vor Einführung des Angebots. 90 Prozent aller Rückkehrer blieben dann auch längerfristig in den eigenen vier Wänden. Durch «Thurvita Care» erfolgten insgesamt 13,8 Prozent weniger Überweisungen in einen langfristigen Alters- oder Pflegeheimaufenthalt.

«Die Studie beweist uns, dass wir eine nachhaltige Lösung gefunden haben.»
Alard du Bois-Reymond, CEO Thurvita AG

Alard du Bois-Reymond,
CEO Thurvita AG

Für den CEO der Thurvita AG, Alard du Bois-Reymond, sind diese Erkenntnisse eine Bestätigung, decken sie sich doch mit den eigenen Erfahrungen, die mit dem Modell gemacht wurden. «Wir können nun sagen, dass die Leute, die wieder nach Hause gehen, auch zu Hause bleiben können. Das beweist uns, dass wir eine nachhaltige Lösung gefunden haben.»

Die Untersuchungsergebnisse der Studie seien wegweisend für die Alterspolitik in der Schweiz, welche sich längerfristig mit einer steigenden Nachfrage nach klassischen Pflegeheimplätzen beschäftigen muss. «Würde man das Modell nun auch in anderen Institutionen der Region und Schweiz systematisch aufbauen, hätte es Tausende freie Plätze mehr in den Pflege- und Altersheimen. So könnte man sich langsam, aber sicher überlegen, wo ein Pflegeheimausbau überhaupt noch notwendig wäre», sagt du Bois-Reymond.

Übertragbarkeit ist möglich, Finanzierung schwierig

Nur: Ist eine Übernahme des Modells, beispielsweise für das Spital Wattwil, überhaupt möglich? Flurina Meier Schwarzer, stellvertrende Leiterin in der Versorgungsforschung der ZHAW, bejaht die Frage. «Würde man dieses Modell bei einer anderen Institution anwenden, man stiesse wohl auf ähnliche Ergebnisse. Zumindest für die Personen, die aus dem Spital austreten, ist es übertragbar.»

Thurvita AG

«Lebenswert – ein Leben lang» lautet das Label der Thurvita AG. Darunter setzt sich die gemeinnützige Institution mit ihren 370 Mitarbeitenden zum Ziel, dass betagte Menschen ihren letzten Lebensabschnitt in den eigenen vier Wänden anstatt in einem Alters- und Pflegeheime verbringen können. Die der Stadt Wil und den umliegenden Gemeinden gehörende Thurvita AG betreibt folglich nicht nur sechs Altersheime mit 250 Bewohnenden und eine Spitex mit 630 Klienten, sondern konzipiert und organisiert auch verschiedene Projekte und neue Versorgungsmodelle zur Betreuung älterer Menschen, darunter «Thurvita Care» und «Älter werden im Quartier» mit dem geplanten Zentrum in Bronschhofen. (nir)

Du Bois-Reymond stimmt dem ebenfalls zu, unterstreicht jedoch: «Es ist eine Kostenfrage. Die Finanzierung gestaltet sich nicht einfach.» Die Studie legte zwar offen, dass die Gesamtkosten durch die «Thurvita Care» gegenüber der bisherigen Betreuung gleich bleiben, heisst, die Kosten der täglichen Betreuung nehmen zu, werden aber durch die kürzere Aufenthaltszeit der Patienten in den Pflegeheimen kompensiert. Bei der Thurvita AG ist das Modell folglich kostendeckend. Trotzdem betont du Bois-Reymond: «Will man das Modell anderswo einführen, ist eine minutiöse Planung enorm wichtig.»

Erkenntnisse für das Quartierzentrum in Bronschhofen

Nebst der «Thurvita Care» wurde mit «Älter werden im Quartier» ein weiteres Modell der Thurvita in der ZHAW-Studie unter die Lupe genommen. Die Alterswohnungen «Sonnenhof», in welchem die Bewohner von Fachkräften des nebenan stationierten Altersheims betreut werden, erhielten ebenfalls eine positive Rückmeldung – wenn auch mit wenigen Abstrichen.

Zwar unterstützte das Projekt die Bedürfnisse der älteren Menschen auf ein eigenständiges Leben, gleichzeitig wollten sich diese jedoch nur ungerne mit dem Älterwerden auseinandersetzen, heisst es in der Studie. Dabei seien vor allem die Angehörigen, die sich bereits früh mit Wohnalternativen für ihre Eltern beschäftigen, das Problem. Die ZHAW empfiehlt folglich, dass die Thurvita nicht nur die Betagten, sondern auch deren Angehörige vermehrt in die Kommunikation der Angebote miteinbezieht, auch bezüglich der Kosten.

Nebst «Thurvita Care» wurde auch das Projekt «Älter werden im Quartier» untersucht. (Visualisierung: PD)

Nebst «Thurvita Care» wurde auch das Projekt «Älter werden im Quartier» untersucht. (Visualisierung: PD)

Es seien wertvolle Erkenntnisse, die die Thurvita aus der Studie ziehe und man für die Zukunft mitnehmen wolle, sagt Alard du Bois-Reymond, auch im Hinblick auf das für 2022 geplante Quartierzentrum in Bronschhofen und weitere Projekte. «Nebst einer genauen Vorbereitung, Leitung und Zusammensetzung der Betreuungsteams sollen die Bewohner des Zentrums in eine lebhafte Umgebung eingebettet werden. Das wird in Bronschhofen der Fall sein.»

Die Zusammenarbeit mit der ZHAW ist mit der Veröffentlichung der Studie jedoch noch nicht beendet. «Aktuell sind wir zusammen daran, Methoden zu finden, die den Bewohnern die Sicherheit geben, dass sie bei einem medizinischen Notfall nicht alleine sind. Im März starten wir mit einem Pilotprojekt.»