Strom fliesst in alle Richtungen

Nicht nur politische Gemeinden wie etwa Niederhelfenschwil, sondern auch Private, Gewerbe und Industrie beziehen Strom beim Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB). Der Strom geht dem ZAB dadurch noch nicht aus.

Sebastian Keller
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Produzieren Strom: Die Thermischen Anlagen des Zweckverbandes Abfallverwertung Bazenheid (ZAB). (Bild: zVg)

Produzieren Strom: Die Thermischen Anlagen des Zweckverbandes Abfallverwertung Bazenheid (ZAB). (Bild: zVg)

REGION. Von 75 auf 0 Prozent. Der Gemeinderat Niederhelfenschwil hat entschieden, ab Neujahr gibt es keinen Atomstrom mehr (Wiler Zeitung vom 14. Dezember). Das kann er entscheiden, da er das Elektrizitätswerk Niederhelfenschwil als unselbständiges öffentlich-rechtliches Unternehmen führt. Damit der Aufschlag für die Strombezüger nicht zu hoch wird, senkt er den Beitrag, den das gemeindeeigene Elektrizitätswerk an die Gemeindekasse abliefern muss: Statt 1 noch 0,75 Rappen pro Kilowattstunde.

Die Bürgerschaft hat keine Wahlmöglichkeit. Der Gemeinderat verweist auf die administrativen Kosten, die eine solche Wahl mit sich bringen würde. Wer nicht einverstanden sein sollte, könnte einzig an der Bürgerversammlung gegen das Budget stimmen. Der Gemeinderat hat sich für einen Mix entschieden: Energie für Radio, Fernseher und Föhn muss nachweislich von Schweizer Wasserkraftwerken und vom Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) stammen. Im vergangenen Jahr waren in Niederhelfenschwil 19 Prozent von Wasserkraftwerken und drei Prozent aus Kehrichtverbrennungsanlagen.

Sieben politische Gemeinden

Seit 2005 verkauft der ZAB den ökologischen Mehrwert des in den thermischen Anlagen produzierten Stroms. An private Haushalte, Industrie und an Gemeinden. Im Jahr 2010 waren es rund 450 private Kunden. «Mittlerweile beziehen sieben politische Gemeinden einen Teil ihres Stromes bei uns», sagt Claudio Bianculli, Vorsitzender der ZAB-Geschäftsleitung. Die erste war die Stadt Wil. Sie bezieht im aktuellen Jahr via Technische Betriebe Wil (TBW) eine Mio. Kilowattstunden Strom. In Niederhelfenschwil sollen es im Jahr 2012 drei Mio. Kilowattstunden sein. Dies entspricht rund einem Viertel des Jahresbedarfs. Es gibt auch Körperschaften, die vollständig auf ZAB-Strom setzen: die Schulgemeinde Lütisburg beispielsweise.

Zertifikat für ein Jahr

Alle Bezüger solchen Stroms erhalten ein Zertifikat. Dieses hat Ähnlichkeit mit einem Diplom einer Qualitäts- oder Umweltzertifizierung. Es hält fest, wem, wie viel erneuerbarer Strom der ZAB garantiert. «Dieser Strom ist zu 100 Prozent aus Abfällen aus Biomasse produziert und gilt gemäss Gesetzgebung als erneuerbar», ist auf dem Zertifikat zu lesen. Bei Kehrichtverbrennungsanlagen, wie der ZAB eine betreibt, ist per Gesetz 50 Prozent Ökostrom.

Aktuell beträgt der Aufschlag pro Kilowattstunde zwei Rappen. Das heisst: ein Stunde Bügeln mit einem 1000-Watt-Bügeleisen ist zwei Rappen teurer als zum örtlichen Stromtarif. Mit dem Aufschlag sind Projekte der öffentlichen Hand im Bereich der erneuerbaren Energien unterstützt worden: Im Jahr 2010 beispielsweise eine Photovoltaikanlage auf dem Turnhallendach in Bichwil.

Aus Niederhelfenschwils Steckdosen kommt – physikalisch gesehen – weiter Strom verschiedener Quellen. Der ZAB-Strom fliesst ins Netz der Regionalwerk Toggenburg AG (RWT) und wird vor allem von Haushalten in der Gemeinde Kirchberg verbraucht. «Es handelt sich um eine buchhalterische Betrachtung», sagt Claudio Bianculli. Dennoch sagt er: «Regionaler Abfall für regionalen Strom ist ein schlüssiges Modell.»

Ausbau der Kapazität

Der ZAB-Strom ist noch nicht gänzlich an den Mann gebracht. Im Jahr 2010 waren es zwanzig Prozent des eingespeisten Stroms. Aktuell wird in Bazenheid eine 40-bar-Turbine gebaut, mit der doppelt so viel Strom wie heute aus dem hiesigen Abfall produziert werden kann.