Stress im Mutterleib

Wenn Schwangere gestresst sind, kann das im Baby-Hirn Spuren hinterlassen, erklärte Paul-Richard Guzek am Kurs am Montag in der Psychiatrischen Klinik Wil.

Ruth Bossert
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WIL. Eine Schwangerschaft war auch vor 50 oder 100 Jahren ein spezielles Ereignis. Hingegen sei eine Schwangerschaft heute für die Frauen weit einschneidender als dies vor Jahrzehnten der Fall war, erklärte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Paul-Richard Guzek vor ungefähr 40 Interessierten. Frauen haben heute einen viel individuelleren Spielraum bezüglich ihrer Lebensgestaltung, und die Entscheidung Kinder zu bekommen oder kinderlos zu bleiben, sei mehrheitlich ein bewusster Prozess und subjektiv ein hochbedeutsameres Lebensereignis. Doch nicht allein dieser bewusste Prozess führe oft zu mehr Stress bei den Frauen, auch die stark veränderte Arbeitssituation der Frauen und vieles andere führe zum stressigen Alltag.

Kann Depressionen verursachen

«Was empfindet mein Baby im Bauch?», fragen sich deshalb viele Frauen in der Schwangerschaft. Sickern Angst, Trauer, Stress und Schmerzen, die die Mutter spürt, bis zum Ungeborenen durch? Und vor allem: Kann es einen Schaden fürs spätere Leben davontragen? Für den Facharzt kommt der mütterliche Facharzt auch beim Fötus an, allerdings nicht eins zu eins: Enzyme in der Plazenta schützen das Ungeborene vor zu viel Angst und Aufregung der Mutter. Dennoch erreichen ungefähr 10 Prozent des mütterlichen Stresshormons Cortisol den kleinen Organismus – genug um das Kind möglicherweise zu beeinträchtigen. Zu diesem Schluss kamen erst kürzlich Forscher der Hans-Berger-Klinik in Jena. Pränataler Stress hebe beim Ungeborenen den Stresshormonspiegel dauerhaft an und beschleunige die Hirnreifung. Diese frühe Reifung werde vom häufigeren Wechseln zwischen Traum- und Tiefschlaf begleitet.

Lichttherapie kann helfen

Übermässiger Stress der Mutter könne auch zu einer verfrühten Entwicklung des Traumschlafes beim Baby führen und zu erhöhten Werten des Stresshormons im Blut. All diese Faktoren seien Zeichen einer depressiven Erkrankung und erklären, weshalb Stress während der Schwangerschaft ein Risikofaktor für eine Depression im späteren Leben sein könne.

Paul-Richard Guzek, der als Facharzt auch die Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie zwischen der Spitalregion Fürstenland Toggenburg und den Kantonalen Psychiatrischen Diensten leitet, erklärte, dass rund elf Prozent aller schwangeren Frauen an einer Depression leiden. Diese Frauen berichten häufiger über Übelkeit, Bauchschmerzen, Magen-Darm-Probleme und sexuelle Dysfunktionen.

Viele Frauen verschweigen aus Schuld- und Schamgefühlen ihre Beschwerden. Eine medikamentöse Behandlung in den ersten zwei Monaten sei heikel, später nehme die Empfindlichkeit ab. Für Paul-Richard Guzek ist heute die vielerorts angebotene Lichttherapie ein Segen und sollte vermehrt zur Anwendung kommen.