Streit um Kühe endet vor Gericht

Vor dem Kreisgericht wehrte sich ein Mann aus Lütisburg gegen einen Strafbefehl wegen Drohung und illegalem Waffentragen. Der Schuldspruch wurde bestätigt, die Strafe aber gemildert. Der Richter ist überzeugt, dass der Angeklagte die Kühe des Nachbarn mit einem Revolver bedrohte.

Martin Knoepfel
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Revolver gegen Kuh – das Kantonsgericht wird sich ebenfalls mit dem am Kreisgericht Toggenburg behandelten Fall befassen. (Bild: Illustration: Anina Rütsche)

Revolver gegen Kuh – das Kantonsgericht wird sich ebenfalls mit dem am Kreisgericht Toggenburg behandelten Fall befassen. (Bild: Illustration: Anina Rütsche)

REGION. Es geschieht am helllichten Tag – nicht in Friedrich Dürrenmatts Krimi, sondern in der heilen Welt Lütisburgs. Ein Bauer treibt Kühe im Juni 2014 von der Weide über die Strasse vorbei am Haus des Rentners. Er hat das schon früher getan und die Kühe haben Blumen des Rentners gefressen und als «Bezahlung» Fladen dagelassen.

Grosse Wut im Bauch

Der Rentner hat nicht nur viel Zeit und Geld, sondern auch einen Revolver und eine grosse Wut im Bauch. Also tritt er vors Haus, um nach dem Rechten zu sehen, wie's Gottfried Keller empfiehlt, denn er – der Rentner, nicht der Dichter – fürchtet um die Blumen. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags, wie im Westernfilm mit Gary Cooper.

Die Kühe sollten die Blumen nicht beschnuppern oder gar fressen, ruft der Rentner und schwenkt laut Anklage den Revolver über die Köpfe des Bauern und der Kühe. Er habe den Mut, auf die Tiere zu schiessen, sagt er und öffnet die Trommel. Der Bauer wird später die Patronen als gold- und silberfarben glänzend beschreiben.

Der Bauer treibt die Kühe, nun offenbar ohne Blumenschaden, in den Stall und ruft die Polizei. Laut Anklage zittert er sprichwörtlich wie Espenlaub. Polizisten durchsuchen das Haus des Rentners am Tag darauf und finden den Revolver hinter einer Abdeckung, dazu Munition im Nachttisch. Der Anwalt des Rentners sagt vor Gericht, sein Mandant habe den Polizisten gezeigt, wo der Revolver sei. Das zeige, dass er nichts zu verbergen habe.

Zwei Vorwürfe

Nicht durch die Blume, sondern im trockenen Juristendeutsch schreibt das Untersuchungsamt Gossau dem Rentner. Es brummt ihm wegen Drohung nach Artikel 180 des Strafgesetzbuchs und wegen widerrechtlichen Waffentragens 1000 Franken Busse auf. Dazu kommt eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 360 Franken. Die Probezeit ist zwei Jahre. Das ist das Minimum. Die Tagessätze hängen vom Verschulden ab, deren Höhe vom Einkommen und Vermögen des Angeklagten.

Gegen den Strafbefehl wehrt sich der Rentner vor dem Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig. In der Befragung bestreitet er, dass er bei der Auseinandersetzung einen Revolver getragen habe. Die Waffe habe er am Morgen gereinigt und, da er Besuch erwartete, nicht mehr im Nachttisch, sondern hinter der Abdeckung versorgt. Wann genau, wisse er nicht mehr. Seines Wissens seien Revolverpatronen aus Messing, sagt der Rentner auf die Frage des Richters. Der will wissen, wieso der Bauer die Patronen beschreiben kann, wenn der Rentner keine Waffe trug. Der Bauer ist Privatkläger im Prozess. Er bestreitet später die Vermutung des Verteidigers, er habe sich einen Sport daraus gemacht, die Kühe am Grundstück des Rentners vorbeizutreiben. Es gebe keinen anderen Weg, sagt er. Der Richter weist den Bauern und den Rentner darauf hin, dass sie die Anzeige wegen Drohung beziehungsweise den Einspruch gegen den Strafbefehl zurückziehen könnten. Sie finden aber keinen Geschmack an dieser Lösung. Der Verteidiger beantragt nach dem Prinzip «Im Zweifel für den Angeklagten» für seinen Mandanten einen vollständigen Freispruch. Die Schilderung seines Mandanten sei ebenso glaubwürdig wie die des Privatklägers, sagt er. Im Zorn seien Worte wie «erschiessen» oder «erschlagen» gefallen. Das stelle noch keine Drohung im Sinn des Strafgesetzes dar. Die Bauernfamilie wisse, dass sein Mandant Waffen habe, sagt der Verteidiger. Deshalb habe der Bauer die Schilderung des Streits mit der Erwähnung der Pistole gewürzt.

«Rücksicht nehmen»

Die Familie des Bauern und frühere Eigentümer des Grundstücks, das heute dem Rentner gehört, hätten mehrmals Querelen gehabt, unter anderem um Quellenrechte, sagt der Verteidiger. Deshalb habe die Parzelle öfters den Besitzer gewechselt. Er habe den Eindruck, die Bauernfamilie habe die Kühe am Haus seines Mandanten vorbeigetrieben, um ihm «zleidzwerchen», sagt der Verteidiger. Auf dem Weg zur Weide würden die Kühe ja einen anderen Weg benutzen. Zudem habe der Privatkläger allein nicht 22 bis 26 Kühe unter Kontrolle haben können. Sein Mandant sei grosszügig und wolle ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn. Er habe viel Freude am Garten und pflege diesen mit grossem Aufwand. Da sollte es selbstverständlich sein, Rücksicht auf den Besitz des anderen zu nehmen, sagt der Verteidiger und vermutet, dass bei der Bauernfamilie Neid im Spiel ist.

Nach kurzer Beratung bestätigt der Einzelrichter den Schuldspruch. Die Aussagen der Kontrahenten würden sich weitgehend decken. Nur in der Frage, ob der Angeklagte den Revolver in der Hand gehalten habe, stehe Aussage gegen Aussage. Die Schilderung des Privatklägers sei detailreich, sagt der Richter. Der Privatkläger hätte leicht behaupten können, der Angeklagte habe nicht nur die Kühe, sondern ihn selber bedroht, wenn er dem Gegner hätte schaden wollen.

Falsche Beschuldigungen seien unwahrscheinlich, da beide Seiten bis zum Sommer 2014 laut übereinstimmender Aussage ein gutes Verhältnis gehabt hätten. Er sei sicher, dass sich alles so zutrug, wie es die Anklage schildert, sagt der Richter. Die Tatbestände der Drohung und des Tragens einer geladenen Waffe im öffentlichen Raum seien erfüllt.

«Nicht verwerflich»

Der Angeklagte habe aber nicht verwerflich gehandelt, sondern sich mit falschen Mitteln gegen Schäden am Eigentum gewehrt. Eine Freiheitsstrafe komme hier nicht in Frage. Die Geldstrafe reduziert der Richter auf 40 Tagessätze à 350 Franken. Die Geldstrafe wird bedingt ausgesprochen. Von einer Busse sieht der Richter ab, da gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts in diesem Fall die Bedingungen dafür nicht erfüllt seien.

Der Rentner zieht den Fall ans Kantonsgericht weiter. Sein Anwalt bestätigt das. Nicht gesagt wird, ob die Kühe ein Trauma erlitten und die Dienste eines Tierpsychologen benötigt haben. Kein Thema ist, wie viele Blumen man für die Verfahrenskosten von 2550 Franken kaufen kann. Es dürfte eine Menge sein.