Streit um die Nationalhymne: In Wil werden zwei Texte gesungen

Ursula Egli (SVP) stört es, dass in der Stadt auch ein alternativer Text als Nationalhymne gesungen wird. Dabei hat es in Wil fast schon Tradition, sich gegen den Schweizerpsalm aufzulehnen.

Gianni Amstutz
Drucken
Teilen
Ursula Egli möchte keinen neuen Text für die Schweizer Nationalhymne. (Bild: Gianni Amstutz)

Ursula Egli möchte keinen neuen Text für die Schweizer Nationalhymne. (Bild: Gianni Amstutz)

Erachtet der Stadtrat den Schweizerpsalm nicht als würdige Landeshymne? Diese Frage richtete Stadtparlamentarierin Ursula Egli in einer Anfrage an die Wiler Regierung. Dies, nachdem auf der Einladung zur Bundesfeier der Text der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) aufgedruckt war.

Diese hatte 2015 einen Wettbewerb durchgeführt, um einen neuen, moderneren Text für die Landeshymne zu finden. Entstanden ist die sogenannte Schweizerstrophe. Dass nun diese einen prominenten Platz auf der Einladung erhielt, kommt für Ursula Egli einer Bevorzugung gleich. «Eine Hymne muss von der Bevölkerung geschätzt und angenommen werden, damit sie ihre Funktion erfüllen kann.» Das sei beim SGG-Lied klar nicht der Fall. Umso mehr wundert sie sich über die Priorisierung der inoffiziell gekürten Landeshymne durch den Stadtrat.

Dieser relativiert jedoch in seiner Antwort auf die Anfrage: Seit drei Jahren würde an der Bundesfeier in Wil auch der neue Text gesungen. Damit folge der Stadtrat der Empfehlung der SGG, die unter anderem auch Organisatorin der jährlichen Bundesfeier auf der Rütliwiese sei. Es sei nicht beabsichtigt gewesen, die neue Hymne dem Schweizerpsalm, der seit 1981 offizielle Hymne der Schweiz ist, vorzuziehen. Vielmehr sollten den Besucherinnen und Besuchern der Wiler Bundesfeier beide Texte zum Mitsingen vorgelegt werden.

«Nationalreligiöser Humbug»

Ob nun «Trittst im Morgenrot daher» oder «Weisses Kreuz auf rotem Grund», wie die erste Zeile des Lieds der SGG lautet: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Diskussion um die Landeshymne fast so alt ist wie der Bundesstaat. Was dabei auffällt: Immer wieder spielten Personen aus der Region Wil bei Änderungsversuchen eine entscheidende Rolle. Auch bei der Schweizerstrophe, über die sich Ursula Egli echauffiert, ist das der Fall. Geschäftsleiter der SGG ist mit Lukas Niederberger nämlich ein gebürtiger Wiler. Den Text des Schweizerpsalms bezeichnet er als «nationalreligiösen Humbug». Nun kämpft er mit der SGG seit drei Jahren für einen zeitgemässeren Text.

Das Vorhaben stösst nicht nur in Wil auf Gegenwehr. Auch in Bundesbern leisteten insbesondere die CVP und SVP Widerstand. Der SGG fehle als privater Verein die Legitimität zur Lancierung einer neuen Hymne, so ihr Argument.

Stadtrat unterstützte einst neue Hymne

Dass es Versuche schwer haben, den Schweizerpsalm zu ersetzen, musste vor rund 30 Jahren bereits der Wiler Philosoph Ernst Wild erkennen. Mit einer Petition wollte er 1989 einen von ihm verfassten Text zur Melodie von Johann Baptist Hilbers Vaterlandhymne zur neuen Nationalhymne machen. Der Wiler Stadtrat und die St. Galler Kantonsregierung unterstützten Wild damals bei seinem Vorhaben und verfasste ein Empfehlungsschreiben an Bundesrat Flavio Cotti. Dieser hielt in seiner Antwort jedoch fest: «Eine Landeshymne kann nicht geschaffen werden, sie muss ins Volk hineinwachsen, das heisst durch Tradition und Gebrauch allgemein vertrautes Allgemeingut werden.»

Dasselbe Argument führt denn auch Ursula Egli für den Fortbestand des Schweizerpsalms als offizielle Nationalhymne ins Feld. «Jedes Mal, wenn ich die Schweizer Nationalhymne höre, kriege ich Gänsehaut.» Ein Gefühl, welches das SGG-Lied bei der SVP-Politikerin nicht auszulösen vermag.

Der Text des Schweizerpsalms

Trittst im Morgenrot daher,
Seh'ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Der Text der Schweizerstrophe

Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
lasst uns nach Gerechtigkeit streben!
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Schweizer Bund.