Stimmungsbild
Vier Erkenntnisse zur Netzergänzung Nord nach dem ersten Einbezug der Bevölkerung

Erstmals suchten Vertreter der Stadt Wil und des Kantons den Austausch mit der Bevölkerung über das Strassenbauprojekt, welches das Wiler Zentrum entlasten soll. Dabei zeigte sich, dass es bis zur Realisierung ein steiniger Weg werden dürfte.

Gianni Amstutz
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Die Bronschhofer hatten zahlreiche kritische Fragen zur Netzergänzung Nord.

Die Bronschhofer hatten zahlreiche kritische Fragen zur Netzergänzung Nord.

Bild: Gianni Amstutz

Die Netzergänzung Nord bewegt. Das wurde nicht nur aufgrund des grossen Besucheraufkommens an der Informationsveranstaltung deutlich, zu dem der Quartierverein Bronschhofen am Dienstagabend eingeladen hatte. Auch bei der Vorstellung des Projekts, was in einer Art Postenlauf geschah, wurde klar, dass die Bevölkerung noch nicht restlos vom Nutzen, den Zielen und der Stossrichtung der geplanten Strasse überzeugt war.

Diese soll dereinst den neuen Autobahnanschluss im Westen der Stadt mit Bronschhofen verbinden – und so das Zentrum der Stadt entlasten. Zudem ist sie eine wichtige Voraussetzung für das Zustandekommen von Wil West. Ohne Netzergänzung Nord kein Wil West.

Die Vertreter von Stadt und Kanton warteten zwar nicht mit völlig neuen Informationen auf, versuchten aber, die Hintergründe des Projekts aufzuzeigen. Ausserdem bot der Anlass erstmals die Gelegenheit zum direkten Austausch. Die Bevölkerung konnte Fragen stellen, die ihr unter den Nägeln brannte, und Kritik anbringen. Dem Stadtrat und dem Kanton dürfte dies ein deutlicheres Bild über die Stimmungslage gegeben haben. Und obwohl keine neuen harten Fakten präsentiert wurden, lieferte der Abend doch einige Erkenntnisse.

1. Eine komplett neue Streckenführung ist praktisch ausgeschlossen

Aus der Bevölkerung und aus dem Parlament wurden verschiedentlich Stimmen laut, die eine neue Streckenführung forderten. Den einen ist es ein Dorn im Auge, dass die Strasse übers Grüne führt, anstatt die bestehende Industriestrasse zu nutzen. Andere wünschen sich eine grössere Distanz zur Schule und dem Friedhof oder eine Einmündung in die AMP-Strasse, die nicht zwischen den Wohnhäusern verläuft.

Es dürfte dabei aber bei frommen Wünschen bleiben. Anpassungen sind zwar noch möglich, an der grundlegenden Streckenführung will der Kanton aber nicht rütteln, wie die Verantwortlichen klarmachten.

Im Bereich des Möglichen scheint hingegen eine Verlängerung des Tunnels, sodass der Lärmschutz auf einer längeren Distanz zum Tragen kommt. Auch geringfügige Verschiebungen der Strasse um einige Meter auf einzelnen Abschnitten sind vorstellbar. An den Grundzügen der vom Kanton vorgestellten Route wird sich jedoch nichts mehr ändern bis zu den Abstimmungen im Stadtparlament und an der Urne.

2. Es existieren viele offene Fragen und Vorbehalte

Der Informationsabend zeigte, dass in der Bevölkerung einige Vorbehalte gegenüber dem Projekt existieren. Es wird entscheidend sein, dass der Stadtrat und der Kanton auf diese Bedenken eingehen und Antworten auf offene Fragen liefern können. Mit der Informationsveranstaltung in Bronschhofen, das von der Netzergänzung Nord besonders stark betroffen ist, wurde in dieser Hinsicht der erste Schritt gemacht.

Ende September folgt der nächste. Dann findet ein Gespräch mit den Fraktionspräsidenten des Stadtparlaments statt. Und die Bevölkerung soll gemäss den Plänen des Kantons und des Stadtrats danach auch noch mitwirken können.

3. Eine optimale Lösung für alle wird es nicht geben

Obwohl Kanton und Stadt bemüht scheinen, sich die Bedenken der Lokalpolitik und der Bevölkerung anzuhören, bedeutet das nicht, dass sie gewillt sind, ihre Pläne komplett über Bord zu werfen. Dazu fehlt ihnen gemäss eigenen Aussagen schlicht der Spielraum. Denn beim Bau der Strasse müssen viele Normen eingehalten werden, etwa, was das Tempolimit, die Kurvenradien, das Gefälle, die Strassenbreite und zahlreiche weitere Faktoren betrifft.

Wird einer dieser Parameter geändert, hat das Auswirkungen auf alle anderen. Es ist also wahrscheinlich, dass jede Anpassung sowohl neue Gewinner als auch neue Verlierer schaffen wird. Nicht nur deshalb muss jede Änderung sorgsam abgewogen werden. Manche werden allerdings sagen, der Kanton verstecke sich zu sehr hinter diesen Vorgaben – wie dies auch am Informationsabend in Bronschhofen der Fall war.

4. Der Abstimmungskampf wird mit harten Bandagen geführt werden

Die Netzergänzung Nord muss noch einige Hürden nehmen. Der Kantonsrat, das Stadtparlament wie auch die Wiler Bevölkerung werden darüber befinden. Bereits der Anlass in Bronschhofen machte deutlich: Es wird ein harter Abstimmungskampf werden. Die Diskussionen bei den einzelnen Posten mit Vertretern der Stadt und des Kantons verliefen bisweilen äusserst emotional.

Alle vom Projekt zu überzeugen, wird dem Stadtrat nicht gelingen. Bei einigen der Anwesenden waren die Meinungen bereits gemacht – und das auf beiden Seiten. Der Anlass hat gezeigt, dass es wohl die Hauptaufgabe des Stadtrats sein wird, die Unentschlossenen vom Sinn der Netzergänzung Nord zu überzeugen. Entscheidend dafür dürfte sein, das Projekt in den grösseren Zusammenhang zu stellen. Das ist bisher anscheinend zu wenig gelungen, wie einzelne Voten der Broschhofer gezeigt haben, die den Sinn des Projekts anzweifelten.

Wird die Netzergänzung Nord nur als Umfahrungsstrasse betrachtet, droht es zu scheitern. Die von ihm angepriesenen Vorzüge wie beispielsweise eine höhere Lebensqualität in den Quartieren, die Aufwertung des Zentrums und die Vorteile für ÖV-Nutzer, Velofahrer und Fussgänger waren bisher nur am Rande Thema. Nur wenn er diese vermehrt ins Zentrum rücken kann, ist eine Mehrheit an der Urne möglich. Denn ansonsten werden die kritischen Stimmen kaum verstummen.

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