Stern in Apfelhälfte bringt Glück: Wie in Tschechien Weihnachten gefeiert wird

Von Krippen, «Štědrý den», Wahrsagen und magischen Kräften sowie Koleda erzählt Jana Welter-Patočková, wenn sie sich an die Weihnachtszeit in ihrer Kindheit erinnert. Sie schildert die Traditionen und Bräuche in Tschechien.

Zita Meienhofer
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Jana Welter-Patočková stammt aus Tschechien. Dort haben nicht nur besondere Krippen eine lange Tradition, sondern auch der Zauber des Štědrý večer – des Heiligabends. (Bild: Zita Meienhofer

Jana Welter-Patočková stammt aus Tschechien. Dort haben nicht nur besondere Krippen eine lange Tradition, sondern auch der Zauber des Štědrý večer – des Heiligabends. (Bild: Zita Meienhofer

Das Wort Advent sowie dessen Bedeutung lernte Jana Welter-Patočková erst kennen, als sie in der Mittelschule eine Weihnachtsgeschichte hatte lesen müssen. «Das Wort musste uns zuerst erklärt werden. Advent kannten wir im sozialistischen Tschechien nicht, das wurde unterdrückt», sagt sie. Das hat sich seit der Wende geändert. Adventskalender, Adventskränze und Weihnachtsmärkte gibt es heute auch wieder in Tschechien. «Je nach politischer Ausrichtung des Landes, änderten Traditionen und Bräuche», erzählt sie. Doch etwas Vorfreude auf Weihnachten gab es auch im damaligen Tschechien und diese Tradition besteht noch immer: der Klaustag. Am Abend des 5.   Dezember zieht der Klaus, in ein Bischofsgewand gehüllt, mit Kreuz, Stab und Mütze von Haus zu Haus. Er wird begleitet vom Teufel, der das Böse darstellt, und hin und wieder auch von einem Engel, der das Gute symbolisiert. Der Teufel trägt eine Maske oder ist schwarz geschminkt, hat sich Hörner aufgesetzt, hält eine Kette zum Rasseln in der Hand und hat einen Sack dabei. Klaus und sein Gefolge bringen den Kindern zwar ein Klaussäckli; Klaus und Teufel drohen allerdings, die Bösen mitzunehmen. «Das ist jedoch nie passiert», erinnert sich Jana Welter-Patočková. Und verrät, dass unter dem Bischofsgewand, dem Teufels- oder Engelskostüm meist Verwandte oder Bekannte steckten. Was sie nie sah: den Klaus mit einem Esel. «In der kollektiven Landwirtschaft gab es keine Esel.» Auch in den Schulen war der «Mikuláš» – so wird der Klaus in Tschechien genannt – nicht präsent. «Das gab es nicht in den staatlichen Schulen.»

Krippen haben lange Tradition in Tschechien

Denkt Jana Welter-Patočková an Weihnachten in Tschechien, denkt sie an die Weihnachtskrippen. Diese haben in den böhmischen Ländern eine sehr lange Tradition, die bis heute aktiv gepflegt wird. Viele Jahre vor dem Weihnachtsbaum wurden in Tschechien Krippen aufgestellt. Im Riesengebirge, in der Region, in der ihr Vater aufwuchs, wurden Krippen mit beweglichen Figuren hergestellt. Die sind heute nur noch in Museen zu bestaunen, erzählt sie. Jana Welter-Patočkovás Familie hatte allerdings keine solche besondere Krippe zu Hause. Dafür eine, die ihr Vater in seiner Jugend selber aus Holz und Karton hergestellt hatte.

Baumschokolade von der Gewerkschaft

In den Wochen vor dem Weihnachtsfest werden die Vorbereitungen getroffen: Guetzli gebacken, das Haus geputzt, Geschenke eingekauft. Das konnten Spielzeug, Bücher oder Kleider sein. Der 24. Dezember war damals in Tschechien ein Fastentag. «Da wurde auf das Fleisch verzichtet», erzählt sie, «traditionell gab es am Mittag eine Linsensuppe oder eine Knoblauchsuppe.» Linsensuppe deshalb, weil Linsen das Geld symbolisieren und mit der Einnahme der Suppe somit im kommenden Jahr genügend vorhanden sein sollte. Öfters wurde ganztags auf das Essen verzichtet, da prophezeit wurde, dass, wer an diesem Tag nichts isst, ein goldenes Schwein sieht und somit Glück hat. Während des Tages wurde die im Wald geschlagene Tanne in die Stube gestellt und geschmückt – allerdings nicht vor den Augen der kleinen Kinder. Diese sollten in das Geheimnis des «Štědrý večer» – des grosszügigen Abends – nicht so früh eingeweiht werden. Geschmückt wurde der Baum mit Glaskugeln, Ketten, echten Kerzen und Schokolade. Diese süssen Figuren, die am Baum hingen, konnten in Jana Welter-Patočkovás Kindheit nicht in den Läden gekauft werden, die wurden von den Gewerkschaften abgegeben. Pro Kind erhielt eine Familie zwei Schachteln, die je etwa 20 Baumschokoladen enthielten. Wer keine Kinder hatte, ging leer aus.

Karpfen und Kartoffelsalat gehören zum Festessen

Das Menü am Štědrý večer bestand aus Kartoffelsalat sowie einem Karpfen. Dieser Fisch, der als Fastenspeise galt, konnte auch lebendig auf dem Strassenmarkt gekauft werden. «Viele hielten diese Karpfen kurze Zeit in der eigenen Badewanne. Oft getrauten sie sich dann nicht, ihn am 24. Dezember zu töten und setzten ihn wieder in ein Gewässer aus», erzählt die gebürtige Tschechin lachend. In ärmeren Berggebieten konnte es durchaus sein, dass statt eines Karpfens ein Pilzauflauf aufgetischt wurde. Der Pilzauflauf, der tschechische Kartoffelsalat sowie irgendeinen Fisch, das ist heute noch das Menu, das Jana Welter-Patočková an Heiligabend kocht. Nach dem Essen wurden beim Weihnachtsbaum die Geschenke, die vom Christkind gebracht wurden, verteilt sowie Weihnachtslieder gesungen. Tradition haben in aller Welt bekannte und viele nur in Tschechien vorhandene, religiöse Lieder. Der Kirchenbesuch am Štědrý večer war auf dem Lande einst mehr verbreitet als in der Stadt. Da Jana Welter-Patočková konfessionslos aufwuchs, gehörte der Kirchenbesuch bei ihr nicht zur Weihnacht.

Die Magie des Štědrý večer und der halbierte Apfel

In der Nacht vom 24. Dezember sollen besondere Kräfte vorhanden sein. Kräfte, die in die Zukunft schauen lassen. Deshalb schneiden nach dem Essen alle Beteiligten einen Apfel in zwei Hälften. Ist das Innere des Apfels wie ein Stern geformt, bedeutet das, dass alle im nächsten Jahr wieder glücklich und gesund versammelt sein werden. Ist ein viergliedriges Kreuz sichtbar, ist das ein schlechtes Omen und heisst, dass jemand am Tisch innerhalb des nächsten Jahres krank werden wird oder sogar stirbt. Jana Welter-Patočková erklärt, dass sie in all den Jahren noch nie ein Kreuz gesehen habe. Glück oder Unglück sollen geleerte Baumnussschalen bringen. Aus leeren Walnussschalen werden kleine Boote gefertigt und jedes Familienmitglied platziert eine Kerze in seine Schale. Diese Schalen werden anschliessend in einer Schüssel «zu Wasser gelassen». Je nachdem, wie sich die Schiffchen auf der Wasseroberfläche verhalten, so wird das Leben der jeweiligen Person im nächsten Jahr verlaufen. Sinkt die Schale, bedeutet das Unglück für ihren Besitzer. Zudem haben auch die Bleifiguren ihre Bedeutung. Ein Stück Blei wird über einer Flamme geschmolzen und dann plötzlich in einen Wasserbehälter geworfen. Die Form des abgekühlten Bleis gibt Aufschluss über das Schicksal des Werfers. Auch das Heiraten war ein Thema. Das Mädchen stellt sich mit dem Rücken zur Tür und wirft einen Schuh über ihre Schulter in Richtung Tür. Landet der Schuh mit der Spitze zur Tür, wird es eine Heirat innerhalb des nächsten Jahres geben. «Diese Bräuche werden zwar manchmal noch gelebt, daran geglaubt wird aber nicht mehr», sagt Jana Welter-Patočková.

Singend von Haustüre zu Haustüre ziehen

«Štědrý den» – den grosszügigen Tag – nennen die Tschechen den 25. Dezember. An diesem Tag wird am Morgen der Weihnachtszopf, der süss ist und Rosinen beinhaltet, gegessen. Es darf auch wieder Fleisch auf den Tisch kommen, zum Beispiel eine spezielle Weinbratwurst. Die zwei Weihnachtstage werden oft mit den Verwandten begangen. Einst war Brauch, dass die armen Kinder, Weihnachtslieder singend, von Haustüre zu Haustüre zogen. Für ihren Gesang bekamen sie etwas zu essen. Die Lieder wurden Koleda genannt. Im heutigen Tschechien gibt’s diesen Brauch nicht mehr. Wie die meisten Menschen in den umliegenden Ländern, haben auch die Tschechen zwischen Weihnachten und Neujahr Ferien.

Zur Person

Jana Welter-Patočková (55) ist in Liberec, Tschechien, aufgewachsen. Liberec liegt in Nordböhmen und ist Partnerstadt von St Gallen. Dort hatte Jana Welter-Patočková auch ihren künftigen Mann getroffen und ist ihm nach der Heirat vor 28 Jahren in die Ostschweiz gefolgt. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und wohnt im Sonnental. Jana Welter-Patočková absolvierte eine Ausbildung als Primarlehrerin und arbeitet heute Teilzeit im Verkauf. (zi)

Hinweis: Während des Advents erscheint wöchentlich ein Text unter dem Titel: «Wie wird Weihnachten im ehemaligen Heimatland gefeiert.» Vier Frauen erzählen von Bräuchen und Traditionen aus dem Land, in dem sie aufgewachsen sind. Bereits erschienen: Dorthe Keller-Boedker, Dänemark (30. November); Elli Broxham, Wales/Grossbritannien, (8. Dezember).