START: «Wil darf nicht unterschätzt werden»

Hansjörg Baumberger ist seit kurzem als neuer Stadtschreiber von Wil tätig. Bei ihm laufen quasi Politik und Verwaltung zusammen. Der 54-Jährige attestiert der Stadt Potenzial, wirkt nun aber erstmals verwaltungsintern.

Philipp Haag
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Stadtschreiber Hansjörg Baumberger an seinem Schreibtisch im Wiler Rathaus. (Bild: Philipp Haag)

Stadtschreiber Hansjörg Baumberger an seinem Schreibtisch im Wiler Rathaus. (Bild: Philipp Haag)

Philipp Haag

philipp.haag@wilerzeitung.ch

Hansjörg Baumberger kennt einige Metropolen dieser Welt. Er war in Paris und New York, wo er Sprachaufenthalte absolvierte, er war in Dubai und Stuttgart, wo er auf den Schweizer Konsulaten arbeitete, und er war in Rom und Seoul, wo er auf den Schweizer Botschaften tätig war. Nun steht sein Arbeitspult in Wil. Seit etwas mehr als einem Monat wirkt Baumberger als Stadtschreiber im Rathaus in der Altstadt. Und der Weitgereiste sagt: «Wil darf nicht unterschätzt werden.» Gemessen an der Einwohnerzahl ist Wil mit den knapp 24000 Einwohnenden hinter St. Gallen und Rapperswil-Jona die drittgrösste Stadt im Kanton. Doch bezüglich Ausstrahlung und Bedeutung liegt Wil in den Augen von Baumberger unmittelbar hinter der Kantonshauptstadt. «Wil ist die zweitwichtigste Stadt im Kanton.» Er attestiert der Äbtestadt einiges an Potenzial auf der Achse St.Gallen–Winterthur–Zürich. Ein Potenzial, das es noch stärker auszuschöpfen gilt.

Zusammenarbeit unter Departementen stärken

Doch erst einmal wirkt Baumberger gegen innen. Der Nachfolger von Christoph Sigrist hat den Auftrag erhalten, ein Modell zu implementieren, bei dem die Verwaltung gestärkt und die Zusammenarbeit unter den fünf Departementen gefestigt wird. Dabei kommt der Departementssekretärenkonferenz, deren Vorsitz Baumberger innehat, eine entscheidende Rolle zu. Es geht um die Grundsatzfrage, welche Aufgaben und Anliegen departementübergreifend von Relevanz sind und wie die Stadtratsmitglieder noch umfassender unterstützt werden können, «damit sie sich auf ihre Kernaufgabe, das strategische und politische Führen ihres Departements, konzentrieren können.» Bei Baumberger laufen quasi Politik und Verwaltung zusammen. Er ist für die alle Departemente betreffenden Funktionen wie Informatik, Personal, Finanzen, Kommunikation sowie Stadtkanzlei zuständig. Das Zusammenführen und Institutionalisieren der Zusammenarbeit bezeichnet Baumberger als Herausforderung. Er macht den Vergleich mit einer Holding, unter deren Dach heterogene KMU untergebracht sind. Beim Reorganisationsprozess kann Baumberger seine Erfahrungen aus Uster einbringen. In der Stadt im Zürcher Oberland amtete er die vergangenen 13 Jahre als Stadtschreiber.

Sein Wissen in einer anderen Verwaltung ähnlicher Grösse einzusetzen, «und mit 54 Jahren nochmals einen Aufbruch zu wagen», waren Gründe, weshalb Baumberger zusagte, als aus Wil die Anfrage für die Stadtschreiberstelle kam. Dass er kein Jurist ist wie sein Vorgänger, erachtet er nicht als Nachteil. In den 23 Jahren, während derer er bereits als Gemeinde- oder Stadtschreiber tätig sei, habe er sich ein fundiertes Wissen in Verwaltungsrecht angeeignet. «Liegen komplexe juristische Fragestellungen vor, gelangen wir wie bis anhin an einen Experten.» Die vertiefte juristische Beratung gehöre ausserdem nicht zu seinem Jobprofil im engeren Sinn, da das Stadtschreiberamt nicht als juristische Stabstelle ausgelegt sei, sondern vielmehr als Verwaltungsstelle, die einen ganzheitlichen, betriebswirtschaftlichen Ansatz verfolge.

Lohnkürzungsdiskussion mitbekommen

Im Rathaus fühlt er sich gut aufgenommen. «Mein Team unterstützt mich sehr professionell.» Auch in der Tonhalle, wo das Stadtparlament tagt, hatte Baumberger bereits Platz genommen. Er unterstützte Parlamentspräsidentin Ursula Egli bei der Durchführung der letzten Sitzung. Die Diskussion, während der es unter anderem um die Löhne der Stadtratsmitglieder ging, stuft er als angeregt und anständig ein. Sich zum Inhaltlichen zu äussern stehe ihm nicht an, sagt Baumberger. Es war einer seiner ersten öffentlichen Auftritte. Er möchte in der Stadt präsent sein, dass die Bevölkerung ihn wahrnimmt. An öffentlichen Anlässen teilzunehmen, «macht mir Spass». Baumberger hat kein Problem mit Smalltalk. Im Gegenteil: Er erachtet derartige Veranstaltungen als ideale Gelegenheit, mit den Einwohnenden in Kontakt zu treten, Meinungen zu hören und Inputs zu erhalten. Vielleicht trifft er auch auf den einen oder anderen alten Bekannten. Denn ein schöner Nebeneffekt von Baumbergers Anstellung in Wil ist: Er kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Baumberger ist in Flawil aufgewachsen und startete seine Berufslaufbahn mit einer Verwaltungslehre auf der Gemeinde Degersheim, wo er nach seinen Auslandsaufenthalten und einer Stelle als Sekretär des Verbands der St. Galler Krankenversicherer während zehn Jahren als Gemeindeschreiber arbeitete. Dazwischen absolvierte er ein Nachdiplomstudium Unternehmensführung und Dienstleistungs- management an der Fachhochschule St. Gallen (Executive MBA). Seine Spezialkenntnisse liegen im strategischen Management und der Standortförderung.

Wann Baumberger in die Ostschweiz umziehen wird, ist noch offen, da er zwei Söhne im Alter von 18 und 22 Jahren hat, die sich noch in der Ausbildung befinden. Baumberger fühlt sich aber bereits wohl in Wil: «Ein schönes Städtchen mit einer guten Infrastruktur und kurzen Wegen, einer wunderbaren Altstadt mit Läden abseits des Mainstreams und einer Jahrhunderte zurückreichenden Historie.»

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