Stadträtin Jutta Röösli warnt: «Komplexität nicht unterschätzen»

Die Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin Jutta Röösli kann dem neuen Vorschlag der Stiftung Schule St. Katharina nichts Positives abgewinnen. Die Nachteile des erarbeiteten Modells B würden im neuen Modell B+ noch verstärkt.

Hans Suter
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Schulratspräsidentin und Stadträtin Jutta Röösli sieht in einer Oberstufe ohne Kathi mehr Vorteile als Nachteile. (Bild: Hans Suter)

Schulratspräsidentin und Stadträtin Jutta Röösli sieht in einer Oberstufe ohne Kathi mehr Vorteile als Nachteile. (Bild: Hans Suter)

Der Stadtrat beantragt dem Parlament, den Schulvertrag mit der Stiftung Schule St. Katharina per Mitte 2024 zu kündigen und die weitere Schulraumplanung ohne die Mädchensekundarschule St. Katharina (Kathi) voranzutreiben. Diesem Entscheid war ein zweijähriger Evaluationsprozess vorangegangen, in dem mehrere Modelle diskutiert und zwei Modelle schliesslich in der Tiefe ausgearbeitet worden sind.
Das Modell B sieht vor, die zwei Oberstufen Lindenhof und Bronschhofen weiterzuführen, die heutige Oberstufe Sonnenhof hingegen in eine Primarschule umzuwandeln und die Mädchensekundarschule St. Katharina um eine Mädchenrealschule sowie eine Knabensekundarschule und eine Knabenrealschule mit geschlechtergetrenntem Unterricht zu ergänzen. Das Modell D sieht vor, die bisherigen Oberstufen Lindenhof, Sonnenhof und Bronschhofen beizubehalten und das Kathi zu streichen. Demnach gäbe es in der Stadt Wil drei gleich grosse Oberstufen mit Sek und Real, wo ausschliesslich geschlechtergemischt (koedukativ) unterrichtet würde.
Der Stadtrat hat seine Botschaft mit dem Antrag auf Modell D bei den Fraktionen des Stadtparlaments und den Ortsparteien in die Vernehmlassung geschickt. Nun beginnt der politische Kampf, in dessen Zentrum unweigerlich die Existenzfrage des Kathi steht.

«Weitere Variante sprengt den Rahmen»

Wohl als Antwort auf den Stadtratsentscheid, der mit 4:1 gefällt worden ist, geht die Stiftung Schule St. Katharina nun in die Offensive und präsentierte am Dienstag das Modell B+ (Ausgabe von gestern). Dieses sieht vor, am Kathi künftig Mädchen und Knaben auf den Stufen Real und Sek zu beschulen, und zwar geschlechtergetrennt (seedukativ). Um ein ökonomisch wie betrieblich sinnvolle Klassengrössen zu erzielen, möchte das Kathi 120 Mädchen und 120 Knaben unterrichten, 60 mehr als beim Modell B vorgesehen gewesen wären. Das geht Jutta Röösli zu weit. «Das würde etwa einem Drittel aller Oberstufenschülerinnen und -schüler der Stadt Wil entsprechen.» In den Augen der Schulratspräsidentin entspricht dies weder dem Willen des Volksschulgesetzes, das an sich den geschlechtergemischten Unterricht vorsieht, noch der ausgewiesenen Nachfrage. «Ich bezweifle, ob die Nachfrage bei den Knaben so gross sein wird», sagt sie. Auf Versuche will sie sich nicht einlassen. «Das Modell B, welches von der Stiftung eingebracht wurde, und das Modell D wurden vertieft ausgearbeitet und in der Schulraumplanung analysiert. Jetzt nochmals eine neue Variante einfliessen zu lassen, sprengt den Rahmen.» Sie argumentiert unter anderem mit dem grossen Zeitdruck zur fristgerechten Bereitstellung des benötigten Schulraums für alle Wiler Schulen und der entsprechend hohen Komplexität. «Ich glaube, die Komplexität wird unterschätzt. Wir haben es uns nicht einfach gemacht im Stadtrat. Aber unter Berücksichtigung aller relevanten Aspekte können wir gar nicht anders als das Modell D empfehlen.»

Diskrepanz zwischen Stadtrat und Kathi

Stadträtin Jutta Röösli sieht im geschlechtergetrennten Unterricht keinen Mehrwert, beim Kathi hingegen schwört man darauf. Diese Diskrepanz bleibt somit weiterhin im Raum. Deshalb drängt sich die Frage auf, weshalb der Antrag an das Parlament nicht lautet: «Möchten Sie Modell B oder Modell D?» Laut Jutta Röösli lässt die Gemeindeordnung gegenüberstellende Anträge nicht zu. Weshalb ändert man die Gemeindeordnung dann nicht? «Dazu wird die Zeit zu knapp», sagt die Schulratspräsidentin. Was wiederum die Frage aufwirft, warum man dies im zwei Jahren dauernden Prozess «Schule 2020» nicht von Anfang an eingeplant hat. «Wir sind davon ausgegangen, dass dies möglich ist», erklärt Jutta Röösli. «Jedoch zeigen sich so deutlich Vorteile für das Modell D, welches zum klaren Antrag des Stadtrates für die neue Oberstufenstruktur führte.»

«Alle Kinder gleich behandeln»

Jutta Röösli attestiert dem Kathi, in der mehr als 200-jährigen Geschichte sehr gute Arbeit geleistet zu haben. Sie bezweifelt aber, ob die geschlechtergetrennte Schule noch zeitgemäss ist. Und sie bedauert, dass die Leistungen der öffentlichen Schule zu wenig gewürdigt werden. «Unsere Schulen leisten grossartige Arbeit, das geht gerne vergessen. Das Kathi ist zweifellos eine gute Schule, doch die öffentliche Schule braucht den Vergleich nicht zu fürchten.»
Jutta Röösli ist der festen Überzeugung, dass die öffentliche Schule verpflichtet ist, allen Schülerinnen und Schüler die gleichen Chancen zu bieten. «Das können wir nur, wenn wir alle gleich behandeln.»