Klimanotstand hin oder her: Die Stadt Wil verzichtet nicht auf ihr Feuerwerk an der Bundesfeier

Die Ausrufung des Klimanotstands hat die Diskussionen um das von der Stadt organisierte Feuerwerk neu befeuert. Durchgeführt wird es aber trotzdem - zumindest noch in diesem Jahr.

Gianni Amstutz
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Auch an diesem Nationalfeiertag wird das Feuerwerk der Stadt den Nachthimmel über Wil zum Leuchten bringen. Bild: Fotolia

Auch an diesem Nationalfeiertag wird das Feuerwerk der Stadt den Nachthimmel über Wil zum Leuchten bringen. Bild: Fotolia

«Ooooooo!» «Aaaaaaa!» «Uuuuuuu!»: Solche Geräusche sind nicht nur zur Mitternachtszeit auf Privatsendern in sogenannten Dauerwerbesendungen zu hören. Sie werden jeweils auch den Besuchern der Wiler 1.-August-Feiern beim Feuerwerk der Stadt vor Entzückung entlockt. Doch ganz so wie die Damen im Fernsehen mit einer offensichtlichen Textilallergie sorgen auch die feurigen Bouquets am Nachthimmel am Nationalfeiertag nicht überall für helle Begeisterung.

Das Geknalle ist Tierbesitzern ein Dorn im Auge. Der Wiler Feuerwerkshändler Alain Stucki, der auch für die Bundesfeier auf der Weierwise das Feuerwerk liefert, plädiert hier für einen vernünftigen Umgang. Feuerwerk solle nur am 1. August und nicht etwa schon Tage davor und noch Tage danach gezündet werden. Dies, um die Belastung für lärmempfindliche Tiere und auch Menschen möglichst klein zu halten. «Was viele stört, ist, dass über eine längere Zeit Feuerwerk gezündet wird. Dafür habe ich vollstes Verständnis.»

Feuerwerk nicht signifikant für CO2-Ausstoss

Doch nicht nur Tierbesitzer und Tierschützer enervieren sich über das Feuerwerk, auch Klimaaktivisten haben Lunte gerochen. Ihre Proteste haben die Diskussionen neu entfacht. In Wil hat das Thema eine besondere Sprengkraft, denn schliesslich ist es die einzige Stadt im Kanton, die den Klimanotstand ausgerufen hat.

Trotzdem wird es in Wil am 1. August ein Feuerwerk geben, wie von Philipp Gemperle, Kommunikationsverantwortlicher der Stadt, zu erfahren ist. Alles wie bisher also? Mitnichten. Den Entscheid habe man sich nicht leicht gemacht. Die Stadt habe das Feuerwerk letztes Jahr allerdings schon bestellt. Dieses konnte damals aber nicht abgefeuert werden wegen des Feuerverbots. So wird das bereits bestellte Material nun ein Jahr später gen Himmel geschossen.

Ob es auch im nächsten Jahr wieder ein Feuerwerk geben wird, werde zu gegebener Zeit diskutiert. Die Verbindung von Klimanotstand mit dem Verzicht auf ein Feuerwerk will Gemperle aber nicht überbewerten. Schliesslich mache Feuerwerk gemäss Experten nur einen verschwindend kleinen Bruchteil des gesamten CO2-Ausstosses aus.

Explosionsartiger Anstieg am Nationalfeiertag

Für die Umwelt und den Menschen ein grösseres Problem stellt beim Feuerwerk aber der Feinstaub dar. Dabei wirbeln winzig kleine Russ- und Metallteilchen durch die Luft. Diese können über die Atmung in die Lunge gelangen und diese schädigen.

Wil verfügt jedoch über keine eigene Messstation, welche die Luftqualität misst. Die nächst grössere Stadt im Kanton mit einer entsprechenden Station ist St. Gallen. Die Werte und Tendenzen aus der Kantonshauptstadt dürften aber mit jenen in Wil vergleichbar sein. Sie zeigen ein deutliches Bild.

Eine Ausnahme bilden die Werte des vergangenen Jahres, als aufgrund des Feuerverbots kein Feuerwerk gezündet werden durfte. Dementsprechend blieben die Ausschläge der Feinstaubwerte nach oben um den 1. August aus. Ganz anders am Nationalfeiertag 2017.

Während die gemessene Feinstaubkonzentration in der Woche vor dem 1.  August sich auf einem stabilen Niveau bewegt, schnellt sie in der Nacht vom 31. Juli ein erstes Mal in die Höhe. Die Erklärung dafür ist einfach. Viele Personen feiern nicht erst am Nationalfeiertag mit Böllern und Raketen, sondern bereits den Übergang in der Nacht. Auch einige Gemeinden der Region zelebrieren den Geburtstag unserer Nation lieber bereits am 31. Juli. Wer am Tag nach dem Fest frei hat, kann etwas länger und ausgiebiger feiern.

Trotzdem: Den absoluten Spitzenwert erreicht die Messung um zirka 22 Uhr am 1. August. Die Feinstaubwerte betragen dann ein Vielfaches des üblichen. Doch genauso wie die Feinstaubkonzentration in der Luft explosionsartig in die Höhe schnellt, senkt sie sich wieder auf das normale Level.

Das Feuerwerk stellt für die Luftqualität deshalb keine nachhaltige Belastung dar. Dies auch deshalb, weil die Feinstaubmenge am Nationalfeiertag auf die Gesamtmenge des Jahres betrachtet verschwindend klein ist. Ausserdem handelt es sich bei Feinstaub von Feuerwerk um ein lokal stark begrenztes Phänomen. Auch das zeigt ein Blick auf die Daten der Messstationen in St. Gallen. Jene im Zentrum weist am 1. August jeweils weit höhere Werte auf als jene leicht ausserhalb.

Feinstaubbelastung kann schädlich sein

Ungefährlich ist der Feinstaub in der Luft aber nicht – auch wenn das Feuerwerk nur einen kleinen Teil dazu beiträgt. Das Online-Portal «Watson» hat berechnet, dass jede Person in vier Tagen in einer Stadt die gleiche Menge Feinstaub einatmet, wie beim Rauchen von zwei Zigaretten aufgenommen werden. Dies kann langfristig zu gesundheitlichen Problemen führen.