St. Gallen ist ihr Schicksalskanton

Migranten in Wil – Teil 17: Marlène Fraboulet-Tan ist in der Bretagne aufgewachsen. Durch ihren Beruf als Übersetzerin lernte sie in der Schweiz ihren ebenfalls aus dem Ausland stammenden Mann kennen. Seit 2006 lebt die Familie in Wil.

Friedrich Kugler
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Marlène Fraboulet-Tan fühlt sich in Wil gut aufgehoben. (Bild: Friedrich Kugler)

Marlène Fraboulet-Tan fühlt sich in Wil gut aufgehoben. (Bild: Friedrich Kugler)

WIL. Mehrmals im Leben der Bretonin Marlène Fraboulet-Tan spielte der Kanton St. Gallen eine wichtige Rolle. Die Odyssee vom Westen Frankreichs nach Wil führte über verschlungene Wege. Heute fühlt sich die 42jährige Frau angekommen. Sie weiss die Vorzüge der Kleinstadt Wil zu schätzen. Aufgewachsen ist Marlène Fraboulet-Tan in einer ländlichen Gegend der grünen Bretagne. Ihr Vater war in einer Sport- und Freizeitanlage tätig, ihre Mutter als Pflegefachfrau in einem Altersheim.

An der Universität Rennes nahm die junge Frau ein Studium für angewandte Fremdsprachen, nämlich Deutsch und Englisch, in Angriff. Dort kam es zum ersten Kontakt mit der Ostschweiz. Einer ihrer Professoren stammte aus St. Gallen. Auf dem Weg zum Beruf einer diplomierten Übersetzerin befasste sich die Bretonin unter anderem mit der Geschichte und dem politischen System der Schweiz. Das Interesse an der Schweiz war geweckt. Es war deshalb kein Zufall, dass sie während ihres Studiums ein fünfmonatiges Praktikum in einem grossen Übersetzungsbüro in Stein am Rhein absolvierte.

Meetings in St. Gallen

1997 trat Marlène Fraboulet-Tan in der Mittelmeer-Hafenstadt Toulon ihre erste Stelle als Übersetzerin an. Fünf Jahre verbrachte sie in Südfrankreich. Zuletzt arbeitete sie in der Niederlassung eines Telekommunikationsunternehmens mit Hauptsitz in St. Gallen. «Das war eine ausgesprochen glückliche Zeit, in der die Weichen für mein späteres Leben gestellt wurden. Ich durfte von zu Hause arbeiten. Der Strand lag praktisch vor meinen Füssen», blendet die Französin zurück. Gelegentlich standen Meetings in St. Gallen in ihrer Agenda. Und so kam es, dass sie in der Kantonshauptstadt mit einem gewissen Ty-Minh Tan Bekanntschaft schloss. Daraus entwickelte sich eine multikulturelle Beziehung. Der Ehemann von Marlène Fraboulet-Tan ist in Singapur aufgewachsen. Die Wurzeln seines Vaters liegen in Malaysia. Die Mutter ist eine Deutsche aus Lindau am Bodensee. Im Alter von 13 Jahren übersiedelte Ty-Minh Tan als Internatsschüler nach Europa, zuerst an den Bodensee und später nach Zug. Mit den Sprachen Deutsch, Englisch und Chinesisch in seinem Bildungsrucksack machte der junge Mann Karriere.

Stelle als Übersetzerin

2002 war das Abkommen der Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und den EU-Staaten in Kraft getreten. Als Marlène Fraboulet-Tan 2003 in die Schweiz zog, waren ihre Perspektiven als Übersetzerin gut. Schnell fand sie bei der Swiss Life in Zürich eine Stelle. Noch war das Liebesglück aber nicht perfekt. «Während eines Jahres lebten mein Mann und ich getrennt, ich in Zürich und er in St. Gallen. 2003 heirateten wir, und 2004 zogen wir in eine gemeinsame Wohnung in Rapperswil», erzählt die Bretonin, die St. Gallen als ihren Schicksalskanton bezeichnet. 2006 bezog die junge Familie in Wil eine Mietwohnung. Im Oktober des gleichen Jahres erblickte Sohn Natanaël das Licht der Welt. 2009 gründete der Ehemann eine eigene Firma. Seit 2011 lebt die Familie in einer Eigentumswohnung. Nach einer einjährigen Babypause nahm Marlène Fraboulet-Tan bei der AXA in Winterthur eine Teilzeitbeschäftigung auf.

Jogging-Runden am Stadtweier

Die multikulturelle Familie hat sich in der Äbtestadt bestens eingelebt. «Für uns stimmt hier fast alles. Wir fühlen uns recht gut integriert. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut. Innerhalb kürzester Zeit erreicht man grössere Städte. Man kann hier fast alles kaufen. So schätze ich das frische Obst und Gemüse aus der Region. Mein Mann und mein Sohn besuchen regelmässig das neue Hallenbad im Bergholz», zieht Marlène Fraboulet-Tan nach sieben Jahren eine positive Bilanz. «Ich drehe am frühen Morgen regelmässig meine Jogging-Runden am Stadtweier. Ich kann mich jeweils kaum sattsehen an der Silhouette der schönen Altstadt», schwärmt die Übersetzerin. Anfänglich bereitete der Französin das Klima etwas Mühe. Nur selten sinken in der Bretagne die Temperaturen gegen den Nullpunkt: «Das Autofahren auf Schnee war für mich schon etwas gewöhnungsbedürftig.» Wenn sie in Wil etwas vermisst, dann sind das ein grösseres Angebot an Fischen und Meeresfrüchten, aber auch das Meer. So zieht es Marlène Fraboulet-Tan etwa viermal jährlich zu ihren Eltern in die Heimat. Sie nimmt mit dem Auto eine Fahrt von rund 1100 Kilometern in Angriff.

Sohn sammelt Panini-Bildchen

Als ausgesprochene Fussballanhängerin sieht sich Marlène Fraboulet-Tan nicht, doch natürlich lässt sie die bevorstehende Weltmeisterschaft nicht kalt, zumal sich ihr Sohn für den Fussball zu interessieren beginnt und eifrig Panini-Bildchen in sein Album einklebt. Der französischen Nationalmannschaft, die in der Vorrunde am 20. Juni in Salvador auf die Schweiz trifft, traut sie nicht allzu viel zu. Brasilien ist in ihren Augen der grosse Favorit.

In Wil leben Menschen aus rund hundert Nationen. In einer Serie stellt die Wiler Zeitung Menschen aus jenen 32 Ländern vor, die an der Fussball-WM 2014 in Brasilien vertreten sind.