Familiendrama von Jonschwil – die Stunden danach: Ehefrau kehrt kurzzeitig in zerstörtes Haus zurück +++ Fassungslose Anwohner +++ Brandermittlungen laufen

In der Nacht auf Donnerstag hat ein 73-jähriger Mann nach einem Ehestreit das Haus der Familie angezündet und sich später selbst gerichtet. Die 38-jährige Frau war geflüchtet. Am Donnerstag kehrte sie zurück.

Andrea Häusler
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Völlig ausgebrannt: das Dachgeschoss des Einfamilienhauses an der Wildbergstrasse. Ob sich der Vollbrand von hier aus entwickelt hat, ist Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen. (Bild: Andrea Häusler)

Völlig ausgebrannt: das Dachgeschoss des Einfamilienhauses an der Wildbergstrasse. Ob sich der Vollbrand von hier aus entwickelt hat, ist Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen. (Bild: Andrea Häusler)

Das tatsächliche Ausmass der Feuersbrunst lässt sich tags darauf nur erahnen. Die Liegenschaft der dreiköpfigen Familie im erhöhten Einfamilienhausquartier am Fuss des Jonschwiler Wildbergs ist unbewohnbar. Jalousien hängen quer vor den Fenstern des Obergeschosses und wo solche fehlen, eröffnet sich durch die geborstenen Scheiben der Blick in die völlig ausgebrannten Räume.

Es riecht nach verbranntem Holz. Feuerwehrleute halten Brandwache, zirkulieren vor und hinter den Absperrbändern der Polizei. Aufgehängte und -geklebte Zettel warnen vor möglicher Einsturzgefahr. Unterzeichnet hat sie der Gemeindepräsident. Die Schadensumme beträgt mehrere hunderttausend Franken, schreibt die Kantonspolizei.

Ansonsten ist es zu der Zeit ruhig im Quartier. Strasse und Gärten sind menschenleer. Fast etwas verloren wirken die wartenden Kamerateams diverser regionaler Fernsehstationen auf dem nordseitigen Trottoir.

Bild: BRK News
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Seit wenigen Jahren im Quartier

Ruhig, das ist es an der Wildbergstrasse nicht nur an diesem späten Vormittag. In der Nachbarschaft jedenfalls scheinen die Kontakte eher lose zu sein. Die Konsequenzen des Ehedramas vor der eigenen Haustür hat zwar verbreitet Betroffenheit ausgelöst, doch will kaum jemand etwas über die möglichen Hintergründe wissen oder über Ursachen spekulieren. Das Paar wohne auch erst seit vier oder fünf Jahren hier, sagt ein Anwohner fast entschuldigend. Sie, die Frau, und die fünfjährige Tochter des Paars habe man hin und wieder gesehen, ihn hingegen kaum.

Der 73-Jährige war als Kinder- und Jugendpsychiater tätig gewesen, in früheren Jahren unter anderem als Chefarzt einer Klinik in der Region. Nach einer kurzen Flucht mit dem Auto war er von der Polizei angehalten worden. Statt auszusteigen richtete er sich auf dem Vorplatz einer Tankstelle an der Lütisburgerstrasse selbst: mit seiner laut Polizei auf ihn registrierten Faustfeuerwaffe.

Scherben des früheren Familienlebens

Es ist es kurz vor Mittag, als die Polizei vorfährt. Die Ehefrau kehrt, begleitet von Bekannten und einer psychologischen Betreuerin der Erste-Hilfe-Gruppe, in ihr zerstörtes Zuhause zurück. Die Frauen setzen Atemschutzmasken auf und verschwinden im Gebäude.

Fest steht: Bleiben kann die 38-Jährige hier nicht. Ob sie vorübergehend bei Verwandten wohnen oder die Wohnung beziehen wird, welche ihr die Gemeinde zur Verfügung stellen könnte, sei nicht entschieden, sagt Gemeindeschreiber Pascal Knaus. Immer wieder werden Utensilien aus der Brandruine getragen und auf den Vorplatz gestellt: Ordner, Taschen mit Kleidungsstücken, Plüschtiere oder ein Laptop.

Ausgerückt wegen häuslicher Gewalt

Irgendwann fährt ein Wagen mit Anhänger vor: Ein silbergrauer Opel, offenbar der Zweitwagen der Familie, wird abtransportiert. «Zur Spurensicherung», wie von der Polizei zu erfahren ist. Was für Spuren darin vermutet werden, sagt Kapo-Medienchef Hanspeter Krüsi nicht. Jene eines Brandbeschleunigers? Dass der Ehemann einen solchen benützt hatte ist unbestritten. Krüsi sagt:

«Anders hätte ein Haus nicht innert so kurzer Zeit in Vollbrand gestanden.»

Denn die Polizei sei, nach der Flucht der Frau aus dem gemeinsamen Heim, wegen «häuslicher Gewalt» ausgerückt. «Zu jener Zeit brannte noch nichts», sagt er ohne die Folgerung zu bestätigen, dass die Brandlegung vorbereitet erfolgt war.

Weg zurück in den Alltag

Der Platz leert sich allmählich. Schulkinder befinden sich auf dem Heimweg. Einzelne Regentropfen fallen. In einer Ecke des Carports lehnt ein rosa Mädchenvelo. Die Fünfjährige hat die Familientragödie durch eine glückliche Fügung nicht miterlebt. Weil die Mutter an einer Abendveranstaltung teilgenommen hatte und sie bei Verwandten untergebracht war, wie ein Anwohner wissen will. Was passiert ist, kann er immer noch nicht fassen.

Jonschwil hat über Nacht landesweit traurige Bekanntheit erlangt. Kurz vor Mittag haben die Fernsehteams ihre Stative eingeklappt, die Taschen gepackt und die Kameras geschultert. Zwei Feuerwehrmänner melden sich ab.