Spuren des Samichlauses

Mandarinli schälen, Verse aufsagen, Nüsse knacken oder gar den Samichlaus entlarven. Redaktorinnen und Redaktoren der Wiler Zeitung machen sich Gedanken zum heutigen Samichlaustag.

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Seine Stimme

«Der Samichlaus hatte die gleichen Schuhe wie der Nachbar», äusserte sich ein Bekannter auf die Frage nach seinen Samichlaus-Erinnerungen. Nein, die Schuhe waren es nicht, auch nicht seine Socken, nicht sein Gang und nicht seine Hände. Es war auch nicht der braune Bart, der unter dem weissen hervorlugte, nicht sein Auto, das er jeweils vor dem Haus parkierte, nicht das Gespräch, das er mit den Eltern führte. Es war schlicht und einfach seine Stimme. Diese besondere Stimme, die mich eigentlich schon viel früher daran hätte erinnern müssen, dass es die Stimme meines Cousins war. Doch, der Glaube an den Samichlaus war tief, so tief, dass ich mir nie darüber Gedanken gemacht hätte, dass es nicht der Samichlaus war.

Zita Meienhofer

Mit Traditionen brechen

Die ersten Mandarinli und Erdnüsse, die brachte der Samichlaus. Bei dieser Kindheitserinnerung verbinden sich der rote Mantel, der weisse Bart und die schweren Schuhe mit dem exotischen Duft dieser fruchtig frischen Herrlichkeiten. Traditionen sollen gepflegt werden. So wollte auch ich diesen Brauch an meine Kinder weitergeben. Doch die Mandarinli, die Anfang November in den Läden zu haben sind, überzeugen geschmacklich bei weitem mehr als die Früchte, die im Dezember angeboten werden. Ist die Gentechnik, die Erinnerung oder der Früchteproduzent schuld daran? Keine Ahnung, aber Grund genug, um mit einer Tradition zu brechen. Monique Stäger

Er bleibt mir unbekannt

Jedes Jahr besuchten uns der Samichlaus und der Schmutzli zu Hause. Mein Herz schlug mir jedesmal bis zum Hals, als ich es vor der Haustüre läuten hörte. Mit schweren Stiefeln trat der bärtige Mann und sein dunkler Geselle in die Stube. Mein Vater dichtete jedes Jahr ein neues Versli, das meine Mutter mit mir auswendig lernte. Stolz trug ich das Sprüchlein vor und erntete dafür Lob, einen riesigen Sack mit Nüssen, Schokolade und Mandarinen und die obligate Fitze – für den Fall der Fälle. Der Samichlaus war kein Bekannter oder sogar Verwandter. Nein, ein Unbekannter, den auch meine Eltern nicht kannten. Unsere Familie stand bei ihm jeweils an diesem Tag immer als letztes auf der Liste. Statt sich dann von uns zu verabschieden und die nächste Familie zu besuchen, gesellten sich der Samichlaus und der Schmutzli zu uns an den Stubentisch. Und blieben – auch nachdem ich ins Bett musste – oft bis spät in die Nacht. Dies wurde schon fast zur Tradition. Viele Jahre lang besuchten uns die beiden am 6. Dezember. Ich habe bis heute nicht versucht herauszufinden, wer die beiden waren.

Melanie Graf

Vom Sack und Säckelmeister

Furcht, Bewunderung, Spott und Gleichgültigkeit. Mein Verhältnis zum Chlaus hat sich im Verlauf des Lebens immer wieder gewandelt. Eines aber ist geblieben: die Spannung, was er bringen mag. Der Chlaus beehrt uns auch schon im Turnverein. Weniger mit Nüssli und Schöggeli im Sack als vielmehr mit Anekdoten aus dem Vereinsjahr. Fleissige Informanten beliefern ihn jeweils mit den wichtigen Ereignissen; denn in der Turnhalle habe ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Seiner kräftigen Figur wäre das wohl nicht zuträglich. Eher trainiert er sein Mundwerk und seinen Intellekt. Deshalb bekamen einige schon sanft eins mit der verbalen Rute übergezogen. Einmal zeigte sich der Mann mit weissem Bart preiswürdig kreativ: So rief er einen Turnkollegen nach vorne. Zwei Sekunden später lachten alle. Und ein anständig verdutzter Turner hielt sein persönliches «Geschenk» vom Chlaus in der Hand: Einen roten Einzahlungsschein. Mit einer Stimme, trocken wie eine Brunsli an Neujahr, fügte der Chlaus an: «Damit bezahlst du den überfälligen Mitgliederbeitrag.» Sebastian Keller

Ich brachte ihn zum Schwitzen

Nein, ein professioneller Samichlaus war ich nie. Ich habe aber gerne auf Anfragen zugesagt, den Chlaus zu spielen, wenn ich zu besagtem Verein oder entsprechender Familie einen Bezug hatte. Einen solchen hatte – und habe ich immer noch – zur Fussball-Schiedsrichter-Trainingsgruppe Wil-Toggenburg, und bei dieser trat ich deshalb auch einmal auf. Besagter Auftritt wird mir unvergessen bleiben. Ich habe nämlich masslos übertrieben und bin meinen «Kunden» zu nahe gekommen. Ein Schiedsrichter, der vor mir stand, schwitzte derart, dass sogar ich Angst bekam, es könnte ihm etwas passieren. Zum Glück passierte nichts, und besagter Schiedsrichter hat mir im Nachhinein meine Grossspurigkeit auch verziehen. Mir war das Ganze aber eine Lehre. Deshalb trete ich nur noch als Schmutzli auf und unterstütze meinen Chef. Einen flotten Spruch in die Runde erlaube ich mir aber trotzdem noch von Zeit zu Zeit. Urs Nobel

Ein Marketinginstrument

Der Samichlaus ist von vielen Kindern gefürchtet, von den Erwachsenen aber scheinbar gern gesehen. Nur so ist zu erklären, dass er in den vergangenen Jahren zu einem scheinbar beliebten Marketinginstrument geworden ist. Als Fussball-Berichterstatter fällt mir auf, dass in jenen Stadien, wo rund um den Chlaustag noch gegen das Leder getreten wird, immer mehr der in Rot gekleideten Gesellen anzutreffen sind. So auch am sonntäglichen Spiel des FC Wil in der Challenge League. Bereits am Zugang zum Stadion gab es für die ersten 500 Matchbesucher ein Chlaussäckli mit Süssigkeiten. Im Stadion hatten die Verkäuferinnen an den Verpflegungsständen eine rotweisse Kappe und Kleider in den gleichen Farben an, und einen wärmenden Punsch gab es für alle Fans gratis. Dies war eine Aktion des Hauptsponsors, also Marketing. Andere Jahre wurden der Samichlaus und der Schmutzli schon im Stadion gesichtet oder verkleidete Chläusinnen legten in der Halbzeitpause auf dem Spielfeld bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt in knappen Kleidern ihre tänzerischen Fähigkeiten an den Tag. Auch dies sollte helfen, den einen oder anderen zusätzlichen Fan zu mobilisieren. Am Sonntag scheint es geklappt zu haben, und die Zuschauerzahl war überdurchschnittlich. Simon Dudle