Spürbare Kantonsgrenze

Am Sonntag entscheiden die Thurgauer Stimmbürger, wer ihren zweiten Ständeratssitz besetzen soll. Im Vergleich zu den St. Gallern wählen sie häufiger an der Urne und weniger brieflich, wie eine Recherche der Wiler Zeitung zeigt.

Natalie Brägger
Merken
Drucken
Teilen

REGION. Übermorgen Sonntag entscheiden die Thurgauer Stimmbürger, wer ihren zweiten Ständeratssitz in Bern besetzen soll. Viele von ihnen werden bereits gewählt haben, nicht an der Urne, sondern an einem Briefkasten. Eine Umfrage der Wiler Zeitung bei den Gemeinden in der Region Wil zeigt, dass die Mehrheit der an den Wahlen vom 23. Oktober teilnehmenden Personen brieflich gewählt hat. In den St. Galler Gemeinden lag der Anteil jener, die an der Urne wählten, bei tiefen 1,2 bis 14 Prozent. Deutlich höher ist der Anteil der Urnengänger in den Thurgauer Gemeinden. In Braunau beispielsweise legten rund 45,6 Prozent der an den Wahlen teilnehmenden Personen ihr Stimmcouvert persönlich in die Urne ein.

Unterschiedliche Gesetzgebung

Dieser Unterschied erstaunt, bei genauem Hinschauen wird allerdings ein möglicher Grund für die Differenz sichtbar. In den St. Galler Gemeinden werden die Urnen nur noch sehr spärlich aufgestellt, meist am Abstimmungssonntag während der Dauer von ein bis zwei Stunden. Anders ist dies im Kanton Thurgau, wo die Wählerinnen und Wähler in allen Gemeinden bereits am Freitag und Samstag die Möglichkeit haben, ihr Stimmcouvert einzuwerfen.

Diese unterschiedliche Handhabung beruht auf einer unterschiedlichen Gesetzgebung. Die Gemeinden im Thurgau sind dazu verpflichtet, die vorzeitige Stimmabgabe an der Urne mindestens an den beiden letzten Tagen vor dem Abstimmungstag zu ermöglichen, also auch am Freitag und Samstag. Im Kanton St. Gallen hingegen müssen die Gemeinden die vorzeitige Stimmabgabe «wenigstens an zwei der vier Vortage vor dem Abstimmungssonntag» ermöglichen. Die meisten Gemeinden erfüllen diese Anforderung, indem sie den Stimmbürgern ermöglichen, das Stimmcouvert direkt im Gemeindehaus abzugeben.

Urne am Samstag offen

Einen Zusatzservice bezüglich Öffnung der Stimmlokale bietet die Gemeinde Kirchberg. Sie stellt jeweils nicht nur am Abstimmungssonntag Urnen in Kirchberg und Bazenheid auf, sondern auch am Samstagabend in Bazenheid. Trotzdem haben in Kirchberg nur 2,5 Prozent der Wählenden die Möglichkeit der Wahl an der Urne benutzt. «Dass in Bazenheid das Stimmlokal auch am Samstagabend öffnet, ist noch ein Überbleibsel aus der Zeit ohne briefliche Stimmabgabe», erklärt der Kirchberger Gemeindeschreiber Magnus Brändle. Da in Bazenheid am Samstagabend jeweils noch ein Gottesdienst stattfinde, habe man die Urnenöffnungszeit am Samstagabend belassen. «Angesichts der Zahlen lohnt es sich nicht mehr», gesteht Magnus Brändle ein, «es ist ein Zusatzservice.» Zu Beginn der neuen Amtsdauer des Gemeinderates werde man die Praxis überprüfen und eventuell anpassen.

Vier Standorte in Fischingen

Einen grossen Aufwand bezüglich der Wahllokale betreibt auch die Gemeinde Fischingen. In Dussnang bietet sie vom Freitag bis Sonntag während je einer Stunde die Möglichkeit, an der Urne abzustimmen. Hinzu kommen Wahllokale in Fischingen und Au, die ebenfalls am Samstag und Sonntag geöffnet sind, und sogar im Ortsteil Schurten kann am Sonntag an der Urne abgestimmt werden. Dies, obwohl die kantonale Gesetzgebung nicht in allen Ortsteilen Abstimmungsmöglichkeiten vorschreibt. «Unsere Gemeinde ist sehr weitläufig und viele legen noch Wert darauf, an der Urne zu wählen», begründet Gemeindeschreiberin Martina Stäheli die Praxis. Dies kann mit Zahlen belegt werden, wählten in der Gemeinde Fischingen doch 500 Personen oder 43,2 Prozent der Stimmenden ihre Kantons- und Ständeratskandidaten an der Urne. Eine Änderung der Öffnungszeiten der Wahllokale steht laut Martina Stäheli zurzeit denn auch nicht zur Diskussion. Die gegenteilige Situation ist in Uzwil sichtbar. Seit 2005 stellt die Gemeinde am Abstimmungssonntag nur noch in Henau eine Urne zur Verfügung. «Briefliche Stimmen können am Sonntag bis zum Urnenschluss in die Briefkästen der beiden Gemeindehäuser in Uzwil und Niederuzwil gelegt werden», erklärt Ratsschreiber Marcel De Tomasi diese Handhabung. Die Zahl der Urnengänger ist in Uzwil denn auch sehr tief, nur gerade 1,2 Prozent der Wählenden legten ihren Wahlzettel am 23. Oktober in die Urne.

Kein Einfluss auf Beteiligung

Trotz der Unterschiede am Anteil Urnengänger – auf die Wahlbeteiligung der Bevölkerung scheinen die Urnenöffnungszeiten am 23. Oktober keinen Einfluss gehabt zu haben. Sowohl in den St. Galler als auch in den Thurgauer Gemeinden rund um Wil schwankte die Wahlbeteiligung zwischen 40 und knapp 60 Prozent.