Sprache will verstanden werden

Auf Fremdwörter kann nicht immer verzichtet werden, manche haben sich im Sprachgebrauch verankert. Mit der Herkunft und Geschichte von Fremdwörtern befasste sich das Referat des Basler Gymnasiallehrers Andreas Pronay.

Monique Stäger
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Andreas Pronay ging in seinem Vortrag weit zurück in die Antike – dem Ursprung vieler Fremdwörter. (Bild: mst.)

Andreas Pronay ging in seinem Vortrag weit zurück in die Antike – dem Ursprung vieler Fremdwörter. (Bild: mst.)

Wer eine Nation über ihren Charakter definiert und die Literatur nach deren Religion durchforstet, und dies womöglich auch noch kritisch hinterfragt, der hat – in diesem einzigen Satz – bereits fünf Fremdwörter benutzt. Dies zeigte der Basler Andreas Pronay im Kurs der Volkshochschule Wil auf.

Eine Leihgabe

Der pensionierte Gymnasiallehrer für Altgriechisch, Latein und Philosophie unterschied in seinem Vortrag die Fremdwörter nach verschiedenen Gesichtspunkten. «Es gibt Fremdwörter, die im Gebrauch nicht mehr als solche empfunden werden», erklärte Pronay den Zuhörern. Als Beispiel zählte er Kultur, Religion, Nation, Humor oder auch Uniform auf. Dann gebe es die Gruppe der Lehnwörter. «Sie sind keine eigentlichen Fremdwörter, sondern wurden Mangels eigenem Wort aus einer anderen Sprache entlehnt.» Als Beispiele nannte er Ausdrücke wie Pferd, Brille oder auch Essig. Hingegen seien Begriffe wie Logik, Quintessenz oder Symposium relativ einfach als Fremdwörter zu erkennen.

Ursprung in der Antike

Die Ursprünge, Geschichte und Bedeutung von heute oft gebrauchten Fremdwörtern erläuterte Andreas Pronay in einfacher Sprache. Als pensionierter Gymnasiallehrer widmet er sich der Forschung; der antiken und mittelalterlichen Philosophie. Pronay erklärte die Verwandtschaft von Fremdwörtern untereinander und zeigte auf, welche ersetzbar sind und auf welche nur schwer verzichtet werden kann. Die heutige Sprache entstammt dem Indogermanischen. Entwickelt haben sich die Sprachstämme Germanisch, Romanisch und Slawisch. «Baskisch, Finnisch und Ungarisch gehören in keine dieser Gruppen», erklärte Pronay. Die Geschichte der Fremdwörter beginne meist in den ersten christlichen Jahrhunderten der Antike.

Geprägt durch die Geschichte

Die Sprache und auch deren Gebrauch sei aber auch verschiedenen geschichtlichen und politischen Einflüssen ausgesetzt. So sei die Sprache im Dritten Reich zwischen 1933 und 1945 von einer deutlichen Feindlichkeit gegenüber dem Fremden und Intellektuellen geprägt gewesen. Das habe zu Wortschöpfungen geführt, die heute noch Rückschlüsse auf den Charakter jener Zeit zulassen. Ausdrücke wie geradig (direkt), entfehlern (korrigieren), ansippen (adoptieren) oder auch Überkunft (Tradition) werden heute nicht mehr verwendet.

Unverständliches Deutsch

Um unverständlich zu sprechen oder schreiben brauche es aber nicht unbedingt Fremdwörter. «Auch auf Deutsch kann man sich kompliziert und unverständlich ausdrücken.» Dies zeigt Pronay am Beispiel eines Satzes des deutschen Philosophen Martin Heidegger. «Das Worum die Angst sich ängstet, enthüllt sich als das, wovor sie sich ängstet: das In-der-Welt-Sein. Die Selbigkeit des Wovor der Angst und ihres Worum erstreckt sich sogar auf das Sichängstigen selbst.» «Alles unklar?» fragte Pronay seine Zuhörer. Kopfnicken bestätigte seine Frage: Ja, alles unklar. Pronay zitierte den deutschen Philosophen Schopenhauer, der sagte, dass man denken solle wie ein grosser Geist, aber dieselbe Sprache reden, wie jeder andere. «Man muss nicht unbedingt Fremdwörter verwenden, um nicht verstanden zu werden.» Sprache habe den Auftrag, klar und verständlich zu sein. Wenn ein Fremdwort dazu beitragen kann, dann sollte es auch verwendet werden. «Auf manche Wörter kann man verzichten, aber längst nicht auf alle.»

Der nächste Vortrag an der Volkshochschule: 24. Januar «Fussreflexzonen-Massage». Anmeldungen sind bis 6. Januar möglich unter info@vhs.ch oder der Telefonnummer 071 911 08 39.

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