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Sprachbarriere statt Integration: Eine Wiler Gymnasiastin beleuchtet, wie sich Flüchtlinge mit der deutschen Sprache schwertun

Für ihre Maturaarbeit hat Delia Sannwald Flüchtlinge über ihre Integrations- und Sprachprobleme befragt. Dabei erlangte sie nicht nur wichtige Erkenntnisse für ihre Analyse, sondern erlebte gar einen Perspektivenwechsel.
Nicola Ryser

Jana aus Syrien hat beim Schreiben grosse Mühe, das deutsche Alphabet anzuwenden; Mihret aus Eritrea gelingt es nicht immer, die richtigen Artikel den Wörtern zuzuteilen; und bei Suad, ebenfalls aus Syrien, sorgen die vielen Synonyme der deutschen Sprache oft für Verwirrung.

Es sind Auszüge aus der Maturaarbeit von Delia Sannwald. Die Sirnacherin, die in diesem Jahr an der Wiler Kanti ihre Matura ablegt, hat sich mit dem Spracherwerb von Flüchtlingen befasst: Anhand Interviews mit Migranten, Betreuern und Lehrern aus der Region beleuchtete sie die grössten Probleme und Tücken der sprachlichen Integration. Eine anspruchsvolle Arbeit, wie sie gestehen muss.

Die Krux mit dem deutschen Akkusativ

«Die Freundin meines Vaters unterrichtet Deutsch für Flüchtlinge. Eine ihrer Schülerin aus Nigeria hat sogar kurzzeitig bei uns gelebt. So ist meine Verbindung zum Thema entstanden», begründet Sannwald die Wahl ihrer Maturarbeit. Die 18-Jährige, die in Zukunft selbst auf Oberstufenniveau unterrichten will und sich dafür bereits für die Pädagogische Hochschule angemeldet hat, richtete ihren Fokus demnach darauf, wie immigrierte Ausländer mit dem Erlenen der deutschen Sprache umgehen. Sie stellte fest: Integration kann schon bei der Sprachbarriere scheitern.

Sannwald selbst besitzt zwar keinen Migrationshintergrund, hat aber in Sachen Integration bereits vor der Arbeit ihre Erfahrungen gesammelt – aus Sicht der Lehrperson. «Ich habe mal versucht, eine Migrantin beim Lernen zu unterstützen. Es war nicht einfach.» Schon bei der Grammatik fing die Krux an:

«Wie willst du einem Fremdsprachigen den deutschen Akkusativ beibringen? Oder das Wort «umfahren» erklären, das gleichzeitig «überfahren» und «drum herum fahren» bedeutet?»

Und das seien nur Kleinigkeiten: «Wenn man nicht mal die Grundsätze einer Landessprache kann, wie soll man sich dann integrieren, sprich überhaupt für eine Arbeit bewerben können?»

30 bis 40 Seiten Interviews bearbeitet

Sannwald hat für ihre Arbeit mit dem Wiler Sozialamt Kontakt aufgenommen, hat Lehrpersonen und Schuldirektoren befragt und vier Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und Afghanistan zu Wort kommen lassen. Bei den Experten drehten sich die Fragen um die richtige Form des Unterrichts, den Umgang mit den Flüchtlingen und den Unterschied zu den Deutschstunden in der Oberstufe. Die Migranten wiederum erzählten offen von ihrer Reise in die Schweiz und ihren Schwierigkeiten mit der Integration. Hier entdeckte Sannwald einen Zusammenhang:

«Flüchtlinge haben oft mit persönlichen und psychischen Problemen nach den Reisen zu kämpfen. Sie schlafen schlecht, sind müde, es fehlt die Energie und Motivation. Da scheint es schier unmöglich, auch noch eine Fremdsprache von Grund auf neu zu lernen.»

Nach den geführten Interviews musste Sannwald 30 bis 40 Seiten bearbeiten und zusammenfassen, damit sie auf ein Fazit kam. Schnell hat sich dabei herauskristallisiert, dass es bei der sprachlichen Integration beide Seiten benötigt. «Man kann von den Flüchtlingen nicht verlangen, dass sie sofort alles verstehen können, im Spracherwerb sowie in deren Verständnis für unsere Sitten und Traditionen», erklärt die 18-Jährige. Sie bezieht sich beispielsweise auf die Pünktlichkeit der Flüchtlinge – eine schweizerische Sitte, die in arabischen Ländern weniger Stellenwert hat.

«Wer die Sprache des Landes nicht versteht, versteht auch nicht dessen Kultur.»

Gleichzeitig sei man jedoch auf das Engagement der Migranten angewiesen. «In Kombination mit Offenheit und Toleranz entsteht so ein Gefühl der Zugehörigkeit, ohne jegliche Missverständnisse und Vorurteile von beiden Seiten.»

Die sind nur «faul» und «unmotiviert»

Mit der Integration in der Schweiz ist Sannwald zufrieden, «wir befinden uns auf einem guten Weg.» Dennoch existierten auch hier diese Vorurteile, die Flüchtlinge gelten als «faul» und «unmotiviert». Die 18-Jährige gibt dabei zu:

«Früher hatte ich auch solche Vorurteile.»

Doch nun, nachdem sie sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und dabei gute Erfahrungen gemacht habe, habe sich ihre Perspektive drastisch verändert. «Ich bin offener geworden. Wenn ich Migranten im Alltag sehe, denke ich nicht, dass die nur vom Sozialamt leben wollen und keine Lust haben, einen Job zu finden. Ich denke, dass es einfach unheimlich schwierig für sie ist.» Darum verfolgt sie das Ziel, Oberstufenlehrerin zu werden. «Da kann ich vielleicht auch Vorurteile über Flüchtlinge bei den Schülern abbauen.»

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