SPIELGRUPPE: Für mehr Chancengleichheit

Das Wiler Stadtparlament sprach sich für die frühe Förderung von Kindern aus, besonders von fremdsprachigen. Einzig die SVP hatte Vorbehalte, stand aber auf verlorenem Posten.

Philipp Haag
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Philipp Haag

philipp.haag@wilerzeitung.ch

Sie liessen ihren Fraktionspräsidenten im Regen stehen: Die SVP folgte der Empfehlung von Benjamin Büsser nicht. Er hatte den Vorsitz der vorberatenden Kommission zur frühen Förderung von Kindern inne. Die Kommission empfahl das Konzept einstimmig zur Annahme. Von der SVP kam am Donnerstagabend aber ein Nein. Das Frühförderungskonzept schaffte die Hürde trotzdem: Mit 29 Ja- zu 8 Neinstimmen genehmigten die Mitglieder des Parlaments die Schaffung einer Fachstelle frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung sowie die Einführung eines Subventionssystems für Spielgruppen. Geplant ist eine zentrale Anlaufstelle für den kindlichen Frühbereich in der Stadt Wil mit einem 40-Prozent-Pensum sowie die Übernahme der Kosten eines Spielgruppenbesuchs in Form eines Betreuungsgutscheins für einkommensschwache Eltern. Die Mehrkosten belaufen sich in den ersten beiden Jahren auf 115000 Franken sowie in der Folge auf jährlich 130000 Franken, da der Kanton nur in der Startphase einen Beitrag leistet. Büsser wies in seinen einführenden Worten auf die Bedeutung der Entwicklungsperiode bei Kindern bis vier Jahre hin. Gegenwärtig besuchten 58 Prozent der Kinder in Wil eine Spielgruppe. «Ziel ist es, die Quote auf über 80 Prozent zu erhöhen.» Das vorgelegte Konzept ziele im Besonderen auf Kinder ab, bei denen Deutsch nicht Muttersprache sei. Dies führe auch zu einer Entlastung der Lehrkräfte, sowohl im Kindergarten als auch in der Schule.

Return of Investment liegt bei 1 zu 8

Stadtrat Dario Sulzer ergänzte, dass eine frühe Förderung eine lebenslange Wirkung habe, was Studien eindrücklich belegen würden: «Bessere Ausbildung, bessere Gesundheit, weniger kriminelles Verhalten.» Dies trage zu mehr Chancengleichheit und einer «besseren Integration» bei. Der Return of Investment, also die späteren Einsparungen aufgrund der eingesetzten Mittel, betrage etwa 1 zu 8. Wichtig sei, die Kinder, «die heute nicht erreicht werden», also diejenigen, die kein Deutsch sprechen und aus sozioökonomisch schwierigen Familien stammen, abzuholen. Dass dies eine Herausforderung ist, verhehlt Sulzer nicht. «Da kann man nicht einfach nur einen Brief schicken.» Aus diesem Grund wird die Fachstelle in diesem Bereich zumindest zu Beginn einen Schwerpunkt setzen.

Mit den Aussagen reagierte Sulzer auf Vorbehalte der SVP, die der Meinung ist, mit der Fachstelle setzt das Departement Soziales, Jugend und Alter (SJA) die falsche Priorität. Da in Wil beim Spielgruppenbesuch ein Nord-Süd-Gefälle herrsche, wie Erwin Böhi sagte, müsse es das vordringlichste Ziel sein, die Quote beispielsweise im Lindenhofquartier anzuheben. Er habe aber den Eindruck, «dass die Erhöhung der Spielgruppenquote nur ein Nebeneffekt der Fachstelle ist». Böhi sieht ausserdem Schweizer Familien gegenüber ausländischen benachteiligt, gar diskriminiert, weil die vorberatende Kommission beantragte, Kindern mit Deutschförderbedarf zwei Spielgruppenbesuche pro Woche zu finanzieren, was jährliche Kosten von 65000 Franken ausmachen würde.

Massnahme gegen Vererbung von Armut

Bei den restlichen Fraktionen stiess die frühe Förderung vorbehaltslos auf Anklang. Christa Grämiger (CVP) sagte, dass sich ein Spielgruppenbesuch positiv auf die Kinder auswirke. Fremdsprachige würden überproportional profitieren. «Förderung im Vorschulalter ist wichtig.» Susanne Gähwiler (SP) wies darauf hin, dass Armut vererbt werde. Die Frühförderung von Kindern sei eine probate Gegenmassnahme. «Jedes Kind hat ein Anrecht auf Bildung», sagte Susanne Gähwiler, «und die frühe Förderung ist ein erster Schritt.» Für Michael Fischer von den Grünen Prowil handelt das Departement SJA mit der frühen Förderung vorausschauend, da die Wirkung der frühen Förderung unbestritten sei. Die finanziellen Mittel würden gezielt bei denen eingesetzt, «die es am nötigsten haben».

«Kinder brauchen den Austausch mit anderen Kindern. Kinder sind die besten Lehrmeister», sagte Mario Breu (FDP). Frühe Förderung mache ökonomisch Sinn, da spätere Kosten gesenkt würden und sie den Kindern den Start in eine erfolgreiche Schul- und Berufskarriere ermögliche. Nach dem Ja zum Konzept sprachen sich die Stadtparlamentarierinnen und Stadtparlamentarier mit 28 Ja- zu 9 Neinstimmen für den zweiten Spielgruppenbesuch für Kinder mit Deutschbedarf aus. Die Fachstelle und die Spielgruppensubvention sind vorerst auf fünf Jahre ausgelegt. Nach Ablauf der Frist wird das Department SJA dem Stadtparlament einen Bericht vorlegen.