Spaziergänger wollen einen Wolf im Lörwald bei Algetshausen gesehen haben - das weckt Erinnerungen

Fast zeitgleich gibt die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau bekannt: Der Wolf, der vergangenen Winter mehrere Schafe gerissen hat und im Februar geschossen wurde, war krank.

Tobias Söldi
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Die meisten Wölfe im Mittelland befinden sich auf der Durchreise.

Die meisten Wölfe im Mittelland befinden sich auf der Durchreise.

Bild: Marco Schmidt / KEYSTONE

Damit haben Irmgard Eugster und ihr Gatte Hansruedi nicht gerechnet: Auf einem Spaziergang am Samstagnachmittag im Lörwald bei Algetshausen sahen sie einen Wolf. «Wir dachten zuerst, es sei ein Fuchs», erinnert sich die Oberbürerin an den Moment, als die beiden am Waldrand das Fell eines am Boden liegenden Tieres erblickten, 20 Meter von der Strasse entfernt auf einem Hügel.

Hansruedi Eugster näherte sich dem Fellknäuel einige Schritte – und sogleich erhob sich das unbekannte Tier und verschwand im Wald. «Der Schwanz, die Grösse: Das war wirklich ein Wolf», sind Eugsters überzeugt, Bedauern äussernd, dass sie keinen Fotoapparat zur Hand hatten, um die Erscheinung festzuhalten.

«Wir haben auf Spaziergängen schon Rehe oder Hasen gesehen. Aber einem Wolf zu begegnen, ist schon etwas Spezielles.»

Die meisten Wölfe sind auf der Durchreise

Weniger überrascht ist Dominik Thiel, der Leiter des kantonalen Amtes für Natur, Jagd und Fischerei. Er sagt:

«Im Kanton St.Gallen ist es immer und überall möglich, einen Wolf anzutreffen.»
Dominik Thiel, Leiter des Amtes Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen.

Dominik Thiel, Leiter des Amtes Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen.

Coralie Wenger

Der Grund: «Der Wolfsbestand ist steigend.» Die meisten Wölfe im Mittelland befinden sich jedoch auf der Durchreise und ziehen bald weiter. Gesunde Tiere können in einer Nacht gut 50 bis 100 Kilometer zurücklegen. Dass der gesichtete Wolf noch durch den Lörwald streift, ist denn auch unwahrscheinlich.

Müssen sich Spaziergänger nun Sorgen machen? Dominik Thiel verneint. Stösst man wie Eugsters auf einen Wolf, ist kein besonderes Verhalten notwendig. Der Experte dazu: 

«Der Wolf rennt weg. Er ist ein Wildtier.»

Er empfiehlt aber, danach den zuständigen Wildhüter zu kontaktieren, um die Sichtung zu verifizieren. Für die Region Fürstenland-St.Gallen-Bodensee-Rheintal ist dies Mirko Calderara. Denn: «Es ist schwierig, einen Wolf als solchen zu erkennen. Oft kommt es zu Verwechslungen, zum Beispiel mit Huskys», sagt Thiel.

Ein kranker Wolf wütete im Fürstenland

Ein ganz anderes Verhalten als der scheue Wolf, den die Eugsters gesehen haben, zeigte M109, wie der männliche Wolf genannt wurde, der in den vergangenen Monaten wiederholt für Aufsehen in der Ostschweiz sorgte. Das Tier riss über die Wintermonate im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St.Gallen mehrere Schafe. In Zuckenriet wütete er, in Bischofszell drang das Tier sogar in einen geschützten Laufstall ein.

Auf einem Hof in Zuckenriet lief der Wolf M109 in eine Fotofalle. Die fehlenden Haare zeigen: Das Tier war krank.

Auf einem Hof in Zuckenriet lief der Wolf M109 in eine Fotofalle. Die fehlenden Haare zeigen: Das Tier war krank.

Bild: PD

Am 18. Februar war Schluss. In der in der Nähe von Bischofszell wurde er durch die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau in Zusammenarbeit mit der St.Galler Wildhut geschossen. Nicht wegen der gerissenen Tiere – dafür war deren Zahl noch zu klein – sondern weil die Behörden vermuteten, dass der Wolf krank war. Darauf deuteten der immer kleiner werdende Aktionsradius hin sowie die fehlenden Haare an den Flanken und am Schwanz. Roman Kistler, der Leiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung, sagte damals:

«Es ging effektiv um das Tierwohl, darum, den Wolf von seinem Leiden zu erlösen.»
Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau.

Andrea Stalder

Ein Schweizer oder ein Italiener?

Vergangenen Montag dann die Bestätigung: Der Wolf war an Räude erkrankt und litt an Entzündungen der Nieren, des Dickdarms und des Herzens. Das hätten die Untersuchungen des Zentrums für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern ergeben, schreibt die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau in einer Mitteilung.

Nun wird noch geklärt, ob es sich bei M109 um einen Nachfahren der Schweizer Wolfspopulation handelt oder ob er von Italien her direkt zugewandert ist.