Spanier weichen der Strasse

BÜTSCHWIL. Der Spanier-Club Bütschwil ist 50 Jahre alt. Grund zum Feiern, Rückschau zu halten, aber auch für Gedanken über die Zukunft. Denn dem Club fehlt der Nachwuchs und bald auch das Lokal.

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José Gallego, Präsident des Spanier-Clubs, will die Geschicke des Vereins in jüngere Hände legen. (Bild: Thomas Geissler)

José Gallego, Präsident des Spanier-Clubs, will die Geschicke des Vereins in jüngere Hände legen. (Bild: Thomas Geissler)

Der Spanier-Club Bütschwil feiert ein halbes Jahrhundert Clubgeschichte. Doch die Zukunftsperspektiven sind düster. Dem Verein droht die Überalterung und dem Clublokal der baldige Abriss. Die Liegenschaft, seit kurzem im Besitz des Kantons St. Gallen, soll nämlich der geplanten Umfahrungsstrasse weichen.

25 Jahre im Vorstand

Zwar verfügt der Spanier-Club nach wie vor über 22 aktive und 140 passive Mitglieder, doch die Nachwuchsprobleme sind nicht zu leugnen. «Die Jugend ist ausgeflogen», stellt José Gallego fest. Er selbst ist dem Club kurz nach der Gründung beigetreten und seit über 25 Jahre im Vorstand tätig. Der 68-Jährige ist heute Präsident des Clubs und das jüngste Vorstandsmitglied. Schon mehrfach habe er den Versuch unternommen sein Amt dauerhaft an die nächste Generationen weiterzugeben. Meistens seien die jungen Präsidenten aber nur rund zwei Jahre im Amt geblieben.

Hinzu kommt, dass nicht mehr sehr viele Spanier im Toggenburg leben. Nach dem Ende der Blütezeit der Textilindustrie seien viele Landsleute nach Spanien zurückgekehrt. Geblieben seien vor allem diejenigen, die hier geheiratet haben. Und obwohl die europäische Wirtschaftskrise auch in Spanien wieder zu einer vermehrten Auswanderung geführt hat, ist das Toggenburg aufgrund der fehlenden Industrie kein attraktives Ziel mehr, sagt José Gallego.

Integrationshilfe und Heimat

«Wir Älteren brauchen den Verein nicht mehr. Wir sind integriert. Aber am Anfang war ihm der Verein wichtig. Noch heute muss José Gallego lachen, wenn er an seine erste Tasse Kaffee in der Schweiz denkt; der Geschmack war gewöhnungsbedürftig. Wie viele seiner Landsleute folgte er dem Aufruf der Spinnerei Weberei Dietfurt, die damals Arbeitskräfte suchte. Bis Ende der 60er-Jahre sollen mehrere zehntausend Spanier in die Schweiz emigriert sein.

Der Spanier-Club hatte seinerzeit die Aufgabe, das spanische Brauchtum und die Sprache aufrechtzuerhalten, Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung und mit Landsleuten zu ermöglichen – schlicht Heimat zu vermitteln.

«Es ist besser, gesund zu sterben, als tot weiterzuleben», sagt José Gallego. Also wollten er und der Verein sich mit einem Fest verabschieden. Ob es ein Abschied für immer ist, wird sich zeigen. Erst einmal soll die Vereinstätigkeit ein Jahr lang ruhen. Wenn sich bis dahin Leute finden, die den Club weiterführen, hat dieser vielleicht doch noch eine Zukunft.

Gelebte Gemeinschaft

Schnell füllte sich am Samstag das Clublokal mit Mitgliedern und Sympathisanten. Bei einem Gläschen Wein, der Paella des Wirtes Antonio Ares und den andalusischen Pinchos von Salvador Ortega liessen es sich die Gäste gut gehen. Eine Fotoausstellung zeigte die letzten 50 Jahre chronologisch. Sie beginnt mit dem Spanien der 60er-Jahre, der Landflucht und schliesslich der Migration nach Europa. Durch die Arbeit in der Textilfabrik im Soor entstanden die ersten Verwebungen in Bütschwil, illustriert noch ausschliesslich mit Fotos in Schwarz-Weiss. Die weiteren Bilder, nach und nach in Farbe, spannten einen Bogen über erste Ausflüge in der Schweiz, die Liebe und Familiengründungen. Bereits 1963 erfolgte die Gründung eines eigenen Vereins. Dieser war zunächst Gast im Josefshaus, dann im «Schäfli» und schliesslich an der Soorstrasse. Dazwischen liegen viele Jahre voller Erlebnisse und gemeinsamer Stunden. An vielen Anlässen waren die Spanier auch im Dorf präsent. Mit sehr schönen Worten bedankte sich Gemeindeammann Karl Brändle bei den Spaniern für diese gelebte Gemeinschaft: «Hier ist Integration gelungen.» Er überbrachte den Spaniern zur Feier einen Schweizer Käse. (nr/sg)

Die ersten spanischen Arbeiterinnen kamen 1961 in den Soor. Heute noch hier wohnhaft sind Teresa Stillhart-Castaño (unten Mitte), Felisa Seiler-Antón (unten rechts) und Soly Blöchlinger-Gallego (hinten 2. v. l.). (Bild: zVg)

Die ersten spanischen Arbeiterinnen kamen 1961 in den Soor. Heute noch hier wohnhaft sind Teresa Stillhart-Castaño (unten Mitte), Felisa Seiler-Antón (unten rechts) und Soly Blöchlinger-Gallego (hinten 2. v. l.). (Bild: zVg)