Interview

Soziologe Franz Schultheis: «Chancengleichheit ist ein Mythos»

Der Soziologe Franz Schultheis sagt, dass die Schweiz in Sachen Integration Aufholbedarf hat und zeigt mögliche Lösungsansätze.

Interview: Gianni Amstutz
Drucken
Teilen
Der Soziologe Franz Schultheis hat sich in seiner Forschung immer wieder mit Integration auseinandergesetzt. (Bild: Gianni Amstutz)

Der Soziologe Franz Schultheis hat sich in seiner Forschung immer wieder mit Integration auseinandergesetzt. (Bild: Gianni Amstutz)

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Heute Abend diskutieren Marc Bilger, Departementsleiter Soziales, Jugend und Alter, Felix Baumgartner, Integrationsbeauftragter, und Gregor Scherzinger, Mitarbeiter Diakonieanimation der Caritas St.Gallen-Appenzell über Integration und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Das Einstiegsreferat hält der emeritierte Soziologieprofessor Franz Schultheis. Im Interview spricht er über Voraussetzungen für Integration, die Utopie einer Chancengleichheit und zeigt auf, wie eine Annäherung daran möglich wäre.

Franz Schultheis, in Wil haben über 50 Prozent der Schulkinder nicht Deutsch als Muttersprache. Ist das ein Problem für die Integration?

Die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Wenn jemand die Landessprache nicht spricht, ist das also an sich ein grosses Problem. Migration verbunden mit Sprachfremdheit ist ein Bildungshandicap.

Lässt sich das auch mit Zahlen untermauern?

Ja, Kinder mit Migrationshintergrund haben statistisch gesehen eine deutlich geringere Chance, eine höhere Schulbildung zu absolvieren. Hier hat die Schweiz noch starken Aufholbedarf.

Wie könnte sich dieser Missstand denn beheben lassen?

Kinder sind unglaublich lernfähig. Wichtig wäre es hier, dass sie möglichst früh eingeschult werden, um so in den Kontakt mit der deutschen Sprache kommen. In der Schweiz hat man damit aber Mühe, da der Gedanke vorherrscht: Das Kind gehört in die Familie.

Die SVP hat kürzlich einen Vorstoss zur sprachlichen Frühförderung eingereicht. Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen sollen dabei zum Besuch einer Kita oder Tagesfamilie verpflichtet werden können. Was halten Sie davon?

Die Stossrichtung finde ich gut. Das Obligatorium ist jedoch heikel. Sobald ein Zwang dahinter steht, wird es schwierig. Sinnvoller wäre es, die Stadt würde Anreize schaffen und beispielsweise den Besuch der Kita für Kinder aus wenig privilegierten Familien gratis anbieten. Auch die Pädagogen sind gefragt, auf die Eltern einzuwirken und ihnen klarzumachen, dass das frühe Erlernen der Landessprache für das Kind essenziell ist.

Integration wird häufig auf Menschen mit Migrationshintergrund reduziert. Greift das zu kurz?

Der Migrationshintergrund ist bereits eine Erschwernis. Aber die Bildungschancen hängen auch von der sozialen Schicht ab, unabhängig der Nationalität. Kinder aus bildungsfernen Familien, bei denen nicht ein Elternteil eine höhere Bildung hat, haben eine viermal geringere Chance eine Matura abzuschliessen. Die Chancengleichheit, die sich die Schweiz auf die Fahne schreibt, ist ein Mythos.

Können Sie das etwas ausführen?

Die Bildungsferne als Handicap für den beruflichen Erfolg in der Gesellschaft wird von Generation zu Generation weitergegeben. Nicht jedes Kind in der Schweiz startet mit denselben Chancen ins Leben.

Mit dem dualen Bildungssystem in der Schweiz ist doch aber die Maturitätsquote nur bedingt aussagekräftig.

Es stimmt, dass auf dem zweiten Bildungsweg auch nach dem Abschluss einer Berufslehre eine akademische Karriere eingeschlagen werden kann. Wer aber weiss, was es heisst, 40 Stunden pro Woche zu arbeiten und daneben noch zu studieren, der sieht, dass dieser Weg beschwerlich ist und viele daran scheitern.

Muss es denn das Ziel sein, dass mehr Schüler die Matura abschliessen, anstatt eine Lehre zu machen?

Nein, keinesfalls. Die Schweiz ist zurecht stolz auf ihr duales Bildungssystem. Was ich sagen will: Ein begabter Schüler mit Migrationshintergrund oder einer aus einen bildungsfernen Familie sollte dieselben Chancen haben, die Matura zu machen wie ein Schweizer Kind mit derselben Leistung. Nur ist das eben nicht so.

Was kann die Politik machen, um mehr Chancengleichheit im Bildungsbereich herbeizuführen?

Untersuchungen haben gezeigt, dass soziale Zuordnungen die Bewertung schulischer Leistungen beeinflussen. Kinder aus wenig privilegierten Familien werden von Lehrern tendenziell schlechter bewertet. Das geschieht oft unbewusst. Deshalb ist es sehr schwer zu ändern.

Wo kann man denn überhaupt ansetzten?

Ein Weg könnte sein, dass die Verantwortlichen des Bildungssystems auf die Eltern einwirken. Diese stellen bei Schülern aus bildungsfernen Familien oft ein Hemmblock dar. Eine Lehrstelle wird als solide erachtet, die Matura ist hingegen kein Thema, selbst wenn das Kind die Voraussetzungen dazu mitbringt. Bei Familien mit höherem sozialen Status ist es gerade umgekehrt. Dort setzten sich die Eltern sehr aktiv dafür ein, dass ihr Kind höhere Bildung absolviert – und das selbst dann, wenn die Leistungen dagegen sprechen.

Vieles hängt also von der sozialen Schicht ab. Trotzdem wird in der Schweiz Armut nur wenig thematisiert. Wieso?

In der Schweiz herrscht ein sehr starker Leistungsethos. Erfolg wie auch Misserfolg wird hier als selbstverursacht betrachtet. Dabei wird aber vergessen, dass Personen mit unterschiedlichen Voraussetzungen starten.

Wie meinen Sie das?

Um es mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Wäre das Leben ein Spiel im Casino, haben gut situierte Bürger einen grossen Stapel an Chips und können es sich erlauben, auch einmal falsch zu setzen. Wenn man aber nur zwei Chips hat, kann man sich solche Fehler nicht leisten. Es ist also ein Spiel mit ungleich langen Spiessen.

Welche Möglichkeiten gibt es, dies auszugleichen?

Eine Lösung wäre eine stärkere Besteuerung höherer Einkommen. Das ist in der Schweiz aber politisch nicht realistisch.

Was wäre denn realistisch?

Ein Konsens darüber, dass Armut sich nicht reproduzieren sollte, müsste möglich sein. Auch ein rein ökonomisch denkender Politiker müsste daran Interesse haben, denn Armut verursacht letztlich Kosten. Auch aus moralischen Gründen müsste der Anspruch sein, dass jede Person ein menschenwürdiges Mindesteinkommen erhält. Dieses müsste so berechnet werden, dass nicht nur die physische Existenz gesichert wird, sondern auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglich ist.

Auch das scheint politisch schwierig. Die Mindestlohninitiative ist ja deutlich gescheitert.

Trotzdem glaube ich nicht, dass es Politiker gibt, die ernsthaft finden, dass es in Ordnung ist, wenn jemand 42 Stunden pro Woche arbeitet, am Ende des Monats aber nichts übrig bleibt. Auch bürgerliche Parteien müssten so viel moralisches Bewusstsein haben. Sie sind es ja, die tendenziell auch kirchliche Werte hochhalten, wenn ich beispielsweise an die SVP denke.

Sie sprechen die Rolle der Kirche an. Was kann sie in dieser Thematik ausrichten?

Die Kirche ist stark an einem sozialen Ausgleich orientiert und war seit dem Mittelalter der wichtigste Faktor der Armutsbekämpfung.

Trotzdem scheint ihr Einfluss relativ klein.

Die Kirchen sind immer noch ein wichtiger Gesprächspartner. Sie müssten aber vielleicht stärker an ihre Mitglieder appellieren – und das wären ja gerade die konservativen Parteien.

Lösungen für mehr Chancengleichheit wären also vorhanden. Weshalb passiert trotzdem nichts?

Die Armen haben schlicht keine Lobby, die sich für sie starkmacht. Hinzu kommt, dass sie auch selbst politisch viel weniger aktiv sind. Bei Interviews mit Langzeitarbeitslosen hat sich gezeigt, dass sie sich von der Gesellschaft als Menschen zweiter Klasse betrachtet sehen. Das führt dazu, dass sie sich letztlich nicht mehr der Gesellschaft zugehörig fühlen und ihre demokratischen Rechte nicht mehr wahrnehmen. Für eine Demokratie ist das natürlich verehrend.

Kann das gut gehen?

Die Schweiz ist immer noch ein Land, in dem der Lebensstandard relativ hoch, die Arbeitslosenquote relativ tief ist. Solange das so bleibt, ist der Nährboden für Ressentiments relativ klein.

Was aber, wenn sich das ändert?

Wenn das Gefühl einer Spaltung in der Gesellschaft aufkommt, dann ist die Stunde der Populisten gekommen. Sie können das für sich nutzen. In der Schweiz bilden sich die sozialen Konflikte aber weniger stark ab als in anderen Ländern. Das Risiko ist deshalb hierzulande geringer.

Hinweis
Referat und Diskussion zum Thema: Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Ab 19.30 Uhr im katholischen Pfarreizentrum.