Sommergeschichte – 9

Alleine mit Schuld und Ängsten Während der Sommerferien wird in loser Folge die Sommergeschichte «Alte Schulden lasten schwer» in zehn Teilen von Andrea Schlegel veröffentlicht. Der achte Teil erschien am 31. Juli.

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Alleine mit Schuld und Ängsten

Während der Sommerferien wird in loser Folge die Sommergeschichte «Alte Schulden lasten schwer» in zehn Teilen von Andrea Schlegel veröffentlicht. Der achte Teil erschien am 31. Juli.

Die hohen Grashalme klebten an ihren Waden, der Regen rann über ihre Wangen. Nuala hatte schon vor zweihundert Meter aufgehört zu rennen.

Roan war ihr nur gerade die ersten Schritte gefolgt, als sie aber unvermindert rannte, hatte er schnell aufgegeben. Ihre Kehle brannte nun, und die Gedanken rasten. Kevin musste einfach im Wald sein. Er musste einfach. Wer könnte sonst für sein Verschwinden verantwortlich sein? Aurora, die sich durch die Abgabe von Lira und dem Auftrag, Kevin zu hüten, ein gutes Argument geschaffen hatte, um nicht als Verdächtige zu gelten? Oder Roan, der seltsame Vorlieben hatte und sich Freiwillige besorgen musste? Nuala fühlte Übelkeit hochsteigen.

Dass es üble Gesellen unter den Menschen gab, war ihr durchaus bewusst. So naiv war sie nun auch wieder nicht. Aber in ihrer Nachbarschaft?

Nuala trat durch das Unterholz in den Wald ein. Sie fühlte sich von ihrem Kampf mit den Sträuchern schon erschöpft. Sie blieb blinzelnd stehen und starrte in die Dunkelheit. Viel war da nicht zu sehen. Langsam machte sie einen Schritt vor, mit der erhobenen Hand vor ihrem Gesicht schob sie die Äste zur Seite. Sie machte noch ein paar langsame Schritte und blieb schliesslich stehen.

Es hatte keinen Sinn. Nuala konnte kaum unterscheiden, was ein Baumstamm war, und was eine Hüttenwand sein konnte. Sollte sie etwa jeden Stamm abtasten, um zu erkennen, ob er noch naturgetreu dastand oder schon zu einem Brett verarbeitet worden war? Wütend kickte sie in den nächsten Stamm. Ihr Vorhaben machte keinen Sinn. Selbst wenn sie eine Hütte finden würde, wäre es ein Leichtes, sich dennoch in der Dunkelheit zu verstecken. Ihre Schuhe waren durchnässt, und obwohl dies eine Sommernacht hätte sein sollen, fror sie.

Resigniert wandte sie sich vom Waldinnern ab und suchte sich einen Weg zurück. Der Waldrand hätte längst kommen sollen, sie war doch nur ein paar Schritte in den Wald hineingelaufen. Verwirrt blieb sie stehen. Langsam liess sie ihren Blick über die Umgebung schweifen. War es in einer Ecke heller? Sie konnte es nicht sagen. Entmutigt liess sie sich auf einen Strunk fallen, stützte die Ellbogen aufs Knie, das Kinn in die Hände.

Hannah war gerade fünf Jahre alt gewesen, als Nuala für eine Stunde hatte auf sie aufpassen müssen. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie heiss es im Garten gewesen war, und sie nicht ins Wasser steigen durften.

Sie hörte noch immer die Ermahnung ihrer Mutter, ja aufzupassen, dass Hannah nicht in den Teich fiel. Nur eine Stunde lang hätte sie achtsam sein müssen. Kaum war ihre Mutter mit dem Auto weggefahren, musste sie ganz dringend auf die Toilette. Hannah tobte und sträubte sich, mit ins Haus zu kommen.

So war denn Nuala geschwind auf die Toilette gerannt und hatte sogar auf das Toilettenpapier verzichtet, nur um schnell wieder bei Hannah sein zu können. Sie hatte den Garten leer vorgefunden, ebenso den Vorplatz, die Zimmer, die Quartierstrasse. Sie hatte es geschafft, ihre sechs Jahre jüngere Schwester in nur fünf Minuten zu verlieren.

Nun rannen die Tränen in einem fort über ihre Wangen. Laut schnäuzte sie sich. Bei Kevin hatte sie nicht einmal fünf Minuten gebraucht, um ihn zu verlieren. Wie würde die Polizei diese Tatsache interpretieren? Nuala liess sich auf den nassen Boden gleiten, zog die Beine an und legte die Stirn auf die Knie.

Nuala schreckte hoch. Wie hatte sie nur einnicken können? Geschwind stand sie auf und klopfte sich die Erde und Nadeln von der Hose. Danach sah sie sich um. Die Dämmerung hatte eingesetzt und die Umrisse der Bäume und Sträucher war nun besser auszumachen.

Sie hielt auf die hellere Seite zu und kämpfte sich durch das Unterholz. Aufatmend erreichte sie den Waldrand. Die Sonne schob sich über den Horizont, als Nuala ihren Spuren durch das hohe Gras zurück nach Hause folgte.

In ihrem Garten verlangsamte sie ihren Schritt und steuerte auf die Mitte zu. Die Blätter und Blüten ringsum waren noch nass vom Regen, doch bereits erwärmte sich die Luft. Der Sitzplatz in der Mitte kam in ihre Sicht. Nuala blieb stehen, erstarrte und wagte kaum zu atmen.

Mit dem Rücken zu ihr sass jemand auf dem nassen Stuhl.