Solidarität, die keine Altersgrenzen kennt: Wie die Pro Senectute Wil-Toggenburg mit der Coronapandemie umgeht

Die Pro Senectute Wil-Toggenburg hat aussergewöhnliche Monate hinter sich. Wegen des Coronavirus musste sie einen Teil ihrer freiwilligen Mitarbeiter zurückziehen. Mit kleinen Schritten geht es nun aber zurück zur Normalität.

Gianni Amstutz
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Aktuell nicht möglich: Wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, kommen in der Haushilfe bis auf weiteres Masken zum Einsatz.

Aktuell nicht möglich: Wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, kommen in der Haushilfe bis auf weiteres Masken zum Einsatz.

Bild: Fotolia

2019 war ein Jahr des Umbruchs für die Pro Senectute Wil-Toggenburg. Nach 20 Jahren trat Jean-Pierre Sutter als Präsident des Regionalkomitees zurück. Martha Storchenegger trat im Herbst vergangenen Jahres seine Nachfolge an.

Zudem bereitete sich die Pro Senectute auf den Standortwechsel in Wil vor, wo sie seit April dieses Jahres in der Oberen Bahnhofstrasse zu finden ist.

Richtig eingeweiht werden konnte der neue Standort jedoch noch nicht. Das Coronavirus verhinderte dies – und stellte die Organisation vor zahlreiche weitere Herausforderungen.

Trotz Corona durchgehend geöffnet

Die drei Standorte Wil, Uzwil und Wattwil waren zwar über die ganze Zeit des Lockdowns geöffnet, doch die Pandemie hatte und hat immer noch Auswirkungen auf alle Arbeitsbereiche der Pro Senectute.

Beratungsgespräche wurden wenn immer möglich telefonisch durchgeführt, das Kurswesen und die regelmässig stattfindenden Treffs für Seniorinnen und Senioren bis auf weiteres sistiert und auch die Haushilfe, welche in Wil, Uzwil und Kirchberg als Ergänzung zu den Spitex-Diensten angeboten wird, musste grundlegend neu organisiert werden.

Peter Baumgartner, Stellenleiter Pro Senectute Wil-Toggenburg.

Peter Baumgartner, Stellenleiter Pro Senectute Wil-Toggenburg.

Bild: PD

Dies hatte mehrere Gründe. Einerseits, weil rund 70 der 370 Seniorinnen und Senioren während des Lockdowns die Haushilfe nicht länger in Anspruch nehmen wollten. «Bei manchen war die Verunsicherung und die Angst vor einer möglichen Ansteckung zu gross», sagt Peter Baumgartner, Stellenleiter der Pro Senectute Wil-Toggenburg.

Einige konnten sich in dieser Zeit vorübergehend anderweitig Hilfe organisieren beispielsweise von berufstätigen Angehörigen oder Nachbarn, die in dieser Zeit auch zu Hause bleiben mussten.

Viele Mitarbeitende selbst Teil der Risikogruppe

Ein weiterer Grund, weshalb die Coronapandemie für die Pro Senectute eine grosse Herausforderung ist, liegt darin, dass viele der Mitarbeitenden im sogenannten Sozialzeitengagement selbst schon im Pensionsalter sind. Damit gehören sie zur Risikogruppe.

Ende März beschloss die Pro Senectute deshalb, alle Mitarbeitenden über 65 Jahre zurückzuziehen. Sie hätten nur beschränkt verstanden, weshalb sie bloss wegen der Altersgrenze nicht mehr helfen durften, obwohl sie selber gesund waren, so Baumgartner.

Für die Pro Senectute Wil-Toggenburg bedeutete dies auch, dass für die 300 Senioren, welche die Haushilfe weiter beanspruchten, ein Teil der Betreuungspersonen wegfiel. Ein nicht zu unterschätzender Mehraufwand, sowohl was die Organisation anging, als auch für die Helfenden unter 65 Jahren, die weiterhin im Einsatz standen.

Auch deshalb entschied sich die Pro Senectute St.Gallen, nur in Einzelfällen weitere Hilfsleistungen während des Lockdowns anzubieten. Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, jene Personen zu vernachlässigen, zu welchen bereits ein bestehendes Beziehungsverhältnis bestanden habe, erklärt Baumgartner.

Zusammenarbeit mit Zivilschutz

Für zusätzliche Anfragen bezüglich Nachbarschaftshilfe arbeitete die Pro Senectute Wil-Toggenburg auch mit dem Zivilschutz zusammen. Sie fungierte als Anlaufstelle und leitete Anfragen von Helfenden und Hilfesuchenden an die entsprechenden Stellen weiter.

Wie die Verantwortlichen des Zivilschutzes hat auch Baumgartner festgestellt, dass mehr Anfragen von Helfern als von Hilfesuchenden eingingen. Dies ist für ihn ein Zeichen für Solidarität, aber auch für etwas anderes:

«Viele Senioren sind nicht so bedürftig, wie das vielleicht viele denken.»

Sie hätten sich zu organisieren gewusst, die benötigte Unterstützung von Angehörigen oder Nachbarn erhalten.

Jetzt, wo sich die Lage langsam normalisiert, hat die Pro Senectute St.Gallen entschieden, solche Einsätze von Personen über 65 Jahren wieder zuzulassen. Das freut nicht nur die Helfer. Auch die meisten der 70 Personen, welche temporär auf die Haushilfe verzichteten, nehmen diese nun wieder gerne in Anspruch.

Für Baumgartner zeigt dies auch, dass sich viele Senioren nach sozialem Austausch sehnten. Diesen zu ermöglichen und zu fördern, ist eines der Hauptanliegen von Pro Senectute. Während dies im Bereich Haushilfe ab sofort wieder vollumfänglich möglich ist – selbstverständlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln – sieht es beim Kurswesen etwas anders aus.

Ungewissheit, wann es mit Kursen weitergeht

Wann es mit den Kursen wieder weitergeht, ist offen. Die erste Hälfte des Jahresprogramms wurde gestrichen. Die Kursleiter hätten allerdings mit ihren Schülerinnen und Schülern telefonisch Kontakt gehabt, sagt Baumgartner.

Auch hierbei stand mehr der soziale Austausch als Kursinhalte im Vordergrund. Die zweite Hälfte des Jahresprogramms ab August ist derzeit in Planung, auch wenn noch nicht sicher ist, ob sie stattfinden kann.

Zugutekommen könnte der Pro Senectute hierbei der neue Standort in Wil. In diesem sind die Räume etwas grösser, die Abstandsregeln können deshalb einfacher eingehalten werden.

Auch die finanziellen Auswirkungen der Coronapandemie seien schwierig abzuschätzen, sagt Baumgartner. Die temporären Ausfälle beim Hausdienst sowie die noch nicht absehbaren Verluste im Kursbereich würden aber ein Defizit fürs Jahr 2020 wahrscheinlich machen.