Sirnach
Für Sepp Breitenmoser ist Schnitzen eigentlich einfach: «Das Wichtigste ist, richtig hinzusehen»

Von der Engelsfigur in der Wilener Lourdes Grotte bis hin zum Maskottchen «Gwerbli», das sind Werke, die viele kennen. Doch wer hinter den Kunstobjekten steht, ist nur wenigen bekannt. Diese Zeitung hat den Holzschnitzkünstler Sepp Breitenmoser getroffen.

Francesca Stemer
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Sepp Breitenmoser mit Hundedame Palina.

Sepp Breitenmoser mit Hundedame Palina.

Bild: Francesca Stemer

Sepp Breitenmoser sitzt auf einem Gartenstuhl. Zu seinen Füssen liegt Malteserdame Palina und döst auf den von der Sonne aufgewärmten Steinplatten. Ein Windhauch bringt das Windspiel zum Klimpern, eine Teichfontäne plätschert vor sich hin. Schnell wird klar, dass in Breitenmosers Garten nur wenige Gartenmöbel aus dem Baumarkt stammen. Vieles, vom Sonnendeck bis zu Liegestühlen, hat der gelernte Zimmermann selbst gebaut. Und noch etwas anderes macht Breitenmosers Garten besonders: hölzerne Figuren.

Breitenmosers aktuelles Projekt: das Schnitzen von Holzziegen.

Breitenmosers aktuelles Projekt: das Schnitzen von Holzziegen.

Bild: Francesca Stemer

Mal sind sie auf den ersten Blick erkennbar, die Engel, Tierwesen oder Fantasiefiguren, andere wiederum erst auf den zweiten. Sie verleihen Breitenmosers Garten etwas Märchenhaftes. Der Wieziker ist passionierter Holzschnitzkünstler, auch wenn er diese Bezeichnung mit einem bescheidenen Lächeln abtut.

Der 71-Jährige stellte kürzlich «Gwerbli», das drei Meter hohe Holzmaskottchen des Wiler Gewerbevereins, her. Dies ist nur das letzte Werk in einer ganzen Reihe von Figuren, die er geschaffen hat. Denn das Schnitzen begleitet Breitenmoser schon sein Leben lang.

Eine Leidenschaft für Holz

Während Sepp Breitenmosers Vater seine Backpfeife rauchte, schnitzte er Figuren. Seine acht Kinder sassen dabei meistens in der Nähe und zeichneten. Dabei, so erzählt Sepp Breitenmoser, wollte es jeder natürlich etwas besser machen als der andere. Doch Sepp Breitenmosers Blick zog es etwas häufiger zu den Schnitzarbeiten seines Vaters. Ab und zu setzte er sich zu ihm und versuchte, einem Holzstück Leben einzuhauchen. Sein Vater pröbelte viel und gab sein Wissen seinem Sohn weiter.

Sepp Breitenmosers selbstgeschnitztes Familienwappen.

Sepp Breitenmosers selbstgeschnitztes Familienwappen.

Bild: Francesca Stemer

Das Schnitzen blieb ein Hobby für Sepp Breitenmoser. Eigentlich wollte er Kunst studieren, doch das Geld reichte nicht. Also entschied er sich für eine Ausbildung zum Zimmermann. Dabei lernte er nicht nur den richtigen Umgang mit Holz, sondern es erweckte in ihm die Leidenschaft für den Rohstoff. Mit 21 Jahren schnitzte er unter den wachsamen Augen seines Vaters das Familienwappen. Es hängt noch heute im Flur neben seiner Werkstatt.

Einige Jahre später verstarb Breitenmosers Vater. Er hinterliess seinem Sohn eine unvollendete Aufgabe: das Fertigschnitzen einer Tür. Sepp Breitenmoser nahm sich dieser an und stellte fest, dass ihn diese Arbeit nicht mehr losliess. Er trat in die Fussstapfen seines Vorbildes.

Breitenmoser bei der Arbeit.

Breitenmoser bei der Arbeit.

Bild: Francesca Stemer

Kurze Zeit später erhielt Breitenmoser seinen ersten Auftrag, welcher ihm auch heute noch viel bedeutet. In der Dietschwiler Kapelle gab es einen Priesterwechsel. Weil der ehemalige Pfarrer bei seinem Wegzug die Statue des Heiligen Josef gleich mitnahm, wurde Breitenmoser angefragt, ob er nicht eine neue herstellen könnte. «Insgesamt investierte ich rund 100 Stunden in diese Figur.» Zu Breitenmosers Füssen schnarcht Palina leise. Seine rauen, leicht eingerissenen Finger umschliessen ein Wasserglas, seine schmalen Lippen sind zu einem sanften Lächeln angehoben. «Ja, ich habe mich oft gefragt: Wie hätte das wohl mein Vater gemacht? Jetzt denke ich mir, er wäre stolz auf meine Arbeiten gewesen.»

Die beste Erholung

Das Gegenstück der Engelsfigur steht in der Wilener Lourdes Grotte.

Das Gegenstück der Engelsfigur steht in der Wilener Lourdes Grotte.

Bild: Francesca Stemer

Unter der Woche arbeitete der Zimmermann an dem Aufbau von Holzhäusern und Treppen. Doch den Samstag widmete Breitenmoser meistens seiner Leidenschaft. Oft wurde er gefragt, ob ihm das nicht zu viel sei. Das verneinte er mit der Begründung: «Schnitzen ist die beste Erholungsmöglichkeit.» Sie gibt ihm die Möglichkeit, alles um ihn herum zu vergessen.

«Es gab schon Situationen, als ich erst nach einer halben Stunde bemerkte, dass ich Zuschauer hatte. Zum Glück arbeitete ich dabei gerade an einer Engelsfigur, sonst hätte ich wohl vor Schreck unangebrachte Wörter von mir gegeben.»

Wie viele Figuren Breitenmoser geschnitzt hat, weiss er nicht. Er hat schon lange damit aufgehört, sie zu zählen. Doch an Inspiration mangelt es ihm nie, denn diese liegt meistens direkt vor ihm: Ahorn oder Lindenholz. «Schnitzen ist eigentlich einfach, das Wichtigste ist, richtig hinzusehen. Dann merkt man, welche Geschichte das Holz erzählen möchte.» Denn während Breitenmoser mit der Kettensäge oder den Schnitzmessern an einer seiner Figuren herumwerkelt, lässt er sich vom Holz leiten und versucht, die von der Natur gegebenen Strukturen in sein Werk einfliessen zu lassen.

«Handyman» begrüsst vor Breitenmosers Hauseingang die Besuchenden.

«Handyman» begrüsst vor Breitenmosers Hauseingang die Besuchenden.

Bilde: Francesca Stemer

Doch auch seinen Körper nutzt er als Inspiration: «Ich betrachte meinen Arm und weiss ungefähr, wie die Proportion der Figur sein muss.» Oder er fertigt Skizzen an. Diese zeigt er dann jeweils seiner Frau Rosmarie. «Meistens hat sie irgendwelche Anmerkungen und ich beginne nochmals von vorn. Das nervt mich. Aber im Nachhinein hat sie immer recht.» Palinas Ohren schnellen bei Breitenmosers Lachen leicht nach oben, bevor sie sich zusammenrollt und weiterdöst.

«Meine Kinder sagen mir oft, ich soll die Figuren doch online anbieten. Aber das möchte ich nicht. Aufträge erhalte ich ja auch so. Und ich bin jetzt pensioniert. Da möchte ich es etwas ruhiger angehen lassen.» Es gab einen Moment in Breitenmosers Leben, als er sich fragte, ob er nicht doch hauptberuflich als Holzschnitzer arbeiten möchte. Er entschied sich dagegen. «Ich glaube, man würde dann ziemlich eigenbrötlerisch werden.»

In Breitenmosers Werkstatt tüftelt er an neuen Ideen.

In Breitenmosers Werkstatt tüftelt er an neuen Ideen.

Bild: Francesca Stemer

Das Holzschnitzen sollte sein Hobby bleiben, kein Zwang. «Ich wollte es nicht nur des Geldes wegen machen müssen.» Breitenmoser lehnt sich in seinem Gartenstuhl zurück. Palina ist ins kühlere Hausinnere verschwunden. Für ihn ist klar, solange er kann, wird er weiter schnitzen. Mit der Hoffnung, dass seine Werke den Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern.