Sieben Jahre in «Helfenschwil»

Silvester 2011 ist der letzte Arbeitstag von Lucas Keel in der Gemeinde Niederhelfenschwil. Sieben Jahre war er dort Gemeindepräsident, nun setzt er seine Karriere auf der anderen Seite der Thur fort – als Gemeindepräsident von Uzwil.

Zita Meienhofer
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Ehrgeizig in allen Belangen: Im sportlichen Bereich möchte Lucas Keel sein Ziel treffen, im politischen hofft er es. (Bild: zi.)

Ehrgeizig in allen Belangen: Im sportlichen Bereich möchte Lucas Keel sein Ziel treffen, im politischen hofft er es. (Bild: zi.)

NIEDERHELFENSCHWIL. Am Vortag vor Silvester im 2004 war es, als Lucas Keel, 35jährig, mit Hugo Fritschi, 63jährig, in aufgeräumter Stimmung vor dem Helfenschwiler Gemeindehaus stand – zur symbolischen Schlüsselübergabe. Fritschi, während über 30 Jahren Gemeindepräsident, ging in Pension. Keel, Mitarbeiter der Staatskanzlei, wurde sein Nachfolger. Drei Tage später trat er das Amt an, die Stimmung schwankte innerhalb einer Stunde, denn kaum war er im Büro, hatte er sich bereits einem zwischenmenschlichen Zwist zu stellen. «Völlig unerwartet kam ich damals in eine Situation, mit der ich nicht gerechnet hatte», so Keel rückblickend. Die menschlichen Tragödien, die nachbarlichen Zwiste, diese Situationen waren es, aus denen er in den vergangenen sieben Jahren am meisten gelernt hatte. «Ich habe mich als Unverbrauchter in gewissen Situationen viel mehr eingelassen, als es nötig gewesen wäre», sagt er, «heute habe ich keine Erwartungen mehr, dass Probleme im zwischenmenschlichen Bereich aus meiner Warte gelöst werden können.»

Unkonventionelle Lösungen

Lucas Keel wollte Gemeindepräsident werden. Anschauungsunterricht hatte er als Verwaltungsangestellter bei den Gemeindepräsidenten Thomas Würth (damals Bütschwil) und Martin Gehrer (damals Gaiserwald). Doch mit der ersten Bewerbung hat er gezögert, hat gewartet. Später, als Mitarbeiter der Staatskanzlei, war er vom Volk zu weit entfernt, konnte zu wenig bewirken; eine Kandidatur zog er immer mehr in Betracht. In Niederhelfenschwil hat er verborgene Schätze, die es zu entstauben galt, entdeckt. Etwas, das ihn reizte, sich für das freiwerdende Amt des Gemeindepräsidenten zu bewerben. Die damalige Findungskommission von Niederhelfenschwil wertete ihn nach den Tests als kreativen Inspirator und weniger als sachlich-nüchternen Analysten. Das Testergebnis hat er ins Amt mitgenommen: «Ich sehe es als meine Aufgabe, dass ich als Gemeindepräsident ein Klima schaffe, das kreative Ideen zulässt.» In den sieben Jahren inspirierte er in der Gemeinde einiges kreativ und hat zusammen mit dem Gemeinderat aussergewöhnliche Lösungen präsentiert. Da war die Sache mit der Mobilfunkantenne: Er hat der Antennenbetreiberin einen Standort mit Baurecht vorgeschlagen, damit der Gemeinderat die Bedingungen hätte diktieren können. Die Betreiberin zog das Gesuch zurück – ihre Befürchtung, die Idee könnte Schule machen, war zu gross. Da war die Idee mit der Abbruchprämie, die national Schlagzeile machte. Der etappierte Zonenplan in Verbindung mit der Konventionalstrafe, die 50:50-Lösung für die Oberstufensituation sowie die Einführung des Ruftaxis.

Freude und Ärger

Sieben Jahre sind seit dem Amtsantritt vergangen. Sieben Jahre, in denen er unheimlich viel gelernt habe. Und: «Ich bin der Bevölkerung sehr, sehr dankbar, dass sie Geduld mit mir hatte. Niederhelfenschwil gab mir die Chance für eine Lehrzeit.» Die Bürgerschaft liess ihn wirken, monierte auch nicht – zumindest öffentlich –, wenn deutlich mehr Geld benötigt wurde als geplant. Das mag wohl auch daran liegen, dass die Parteien in der Gemeinde meist nur noch auf dem Papier existieren. Hin und wieder wehte auch ihm ein rauher Wind entgegen. Nicht all seine Ideen wurden gutgeheissen. Das Projekt für die Grabfeldsanierung auf dem Friedhof Niederhelfenschwil stiess auf Widerstand, der Kredit wurde nicht gesprochen. Letztlich ist er darüber nicht ganz unglücklich: «Eine kleinere Ausgabe hat nun etwas Besseres ausgelöst.» Ärgern tut ihn noch heute, dass der Dorfplatz in Lenggenwil nicht realisiert werden konnte. Es seien persönliche Gründe gewesen, weshalb das Grundstück nicht an die Gemeinde verkauft worden sei, sagt Keel. Sein Unmut ist ihm ein Jahr später noch anzusehen, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. Ein grosses Geschäft, das ihn während fast sieben Jahren beschäftigte, war die Lösung der Oberstufensituation. «Es ist nun gut so», sagt er trocken, «bei einem solchen Geschäft kann nicht alles erreicht werden, was einem vorschwebt.» Gestört habe ihn, dass die Gemeinde Niederhelfenschwil in das alte Muster zurückgefallen ist und das Selbstwertgefühl verlorenging. Dieses Gefühl, als kleine Gemeinde auch jemanden zu sein. Dieses Gefühl wollte Lucas Keel in den vergangenen Jahren vermitteln. «Ich habe vermisst, dass irgendjemand aufgestanden ist und zu sagen wagte, dass wir für das, was wir geben auch etwas erwarten dürfen.»

Im Gepäck nach Uzwil

Nun verlässt er Niederhelfenschwil. Heute übergibt er die Schlüssel an seinen Nachfolger Simon Thalmann. Mit an die Uze nimmt der gebürtige Uzwiler das Wissen, mit persönlichen Gesprächen viel erreichen zu können. Auch weiss er, dass es wichtig ist, Funktionäre der Gemeinde zu kennen. Und nicht zuletzt die Einsicht, politische Lösungen nicht von heute auf morgen realisieren zu können; dafür müssen sie aber länger Bestand haben.