Sie zeigt uns den Vogel: Christina Lutz erklärt die Welt der Wintervögel

Obwohl sie jederzeit wegfliegen könnten, verbringen viele Vögel die oft eisigen Winter in ihrer gewohnten Umgebung. Wie sie überleben und welche Arten jetzt zu beobachten sind, weiss Christina Lutz vom Vogelschutz des Naturschutzvereins Flawil und Umgebung.

Joëlle Ehrle
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Um zu brüten, begeben sich die meisten Bergfinke im März auf den Rückflug nach Nordeuropa. (Bild: Nana do Carmo)

Um zu brüten, begeben sich die meisten Bergfinke im März auf den Rückflug nach Nordeuropa. (Bild: Nana do Carmo)

Wärme, Sonne, Strand. Was manchem Schweizer während der Ferien im Süden nicht fehlen darf, ist für einen Vogel nicht zwingend Bedingung. Der Begriff «Süden» bedeutet für viele ihrer Art ein verhältnismässig warmer Ort fernab ihres Sommerquartiers. Dieser kann durchaus in unseren Breitengraden, beispielsweise im Raum Flawil liegen. Manche sind der Region ganzjährig treu, andere verbringen nur die Winter hier. Die Krickente, die Bekassine und der Bergfink gehören zu Letzteren. «Bekassinen sind regelmässig im Girenmoos und im Botsberger Riet anzutreffen», weiss Christina Lutz, im Naturschutzverein Flawil und Umgebung für den Vogelschutz zuständig und wetterunabhängig oft mit dem Feldstecher unterwegs.

Hier wegen Wetter und Nahrung

Viele Vogelarten verlassen den Norden und begeben sich auf die Reise in dieses wärmere Gebiet. Wann die Zeit reif ist für den Aufbruch, wissen die Tiere dank einem gut ausgeprägten inneren Kalender. «Bei vielen Vögeln ist der Zugtrieb genetisch genau festgelegt», sagt Christina Lutz und fügt hinzu: «Vögel verlassen sich jedoch auch auf äussere Faktoren wie die Wetterverhältnisse oder das Nahrungsangebot.» Unterwegs sind die Tiere als Einzelgänger oder im Schwarm. Teilweise setzten sich Schwärme aus verschiedene Arten zusammen. Darunter befinden sich auch solche, die während der Brutzeit alleine oder paarweise leben.

Die Schwarmbildung bringe gemäss der Vogelexpertin mehrere Vorteile mit sich: So seien die Vögel besser vor Fressfeinden geschützt und die Nahrungssuche falle leichter. Durch den Formationsflug könnten die Vögel zusätzlich Energie einsparen. Im März fliegen die Bekassinen dann wieder zurück in den hohen Norden: konkreter nach Russland und Sibirien. Genauso wie die Krickenten und Bergfinke, welche den Sommer in Skandinavien und in Mitteleuropa verbringen.

Blaumeise, Rotkehlchen und Buntspecht hingegen sind hier ganzjährig zu beobachten. Teilzieher wie Eisvogel, Buchfink oder Star, verbringen den Winter gerne in der Schweiz, jedoch in schneefreien Regionen. Diese Lebensweise kann auch variieren, denn oftmals sind es nur die aktiveren Weibchen, die der Kälte trotzen.

Christina Lutz - Feldornithologin NV Flawil

Christina Lutz - Feldornithologin NV Flawil

Den Kuckuck zieht es nach Afrika

So manchen gefiederten Freund, der die Sommermonate in der Schweiz verbringt, verschlägt es bei Wintereinbruch in südlichere Gebiete. Wen man im Winter vergeblich sucht, ist beispielsweise der Kuckuck, die Gebirgsstelze und der Turmfalke. Diese ziehen meist im September oder Oktober ab. Als Kurzstreckenzieher überwintern sie im Mittelland und Bodenseegebiet. Auch der Kuckuck, ein Langstreckenzieher, überwintert im tropischen Afrika: «Da er selber kein Brutgeschäft macht, zieht es ihn nach der Eiablage in den Süden», erklärt Christina Lutz.

Fettpolster für drei Tage

Manche Vogelarten sieht man relativ selten. Der Habicht, ein sonst scheuer Waldbewohner und hervorragender Jäger, sei gemäss Lutz während dieser Jahreszeit leichter zu sehen. Momentan haben die Kauze Brutzeit: «Den Waldkauz höre ich schon seit einiger Zeit rufen», sagt Christina Lutz. Sein Balzverhalten habe im Januar begonnen und er brütet Anfang Februar und im März. «Andere Singvögel fangen zu unterschiedlichen Zeiten an, je nachdem, ob sie Standvogel, Teilzieher oder Langstreckenzieher sind», erklärt sie. Überwinternde Vogelarten haben bestimmte Strategien, die sie vor Kälte und Tod schützen: Damit ein Vogel Energie sparen kann, bewegt er sich möglichst wenig. Aus diesem Grund sei es gemäss dem Vogelschutz wichtig, dass Bergregionen und Skigebiete Ruhezonen für Wildtiere einhalten. Während sehr kalter Tage sei es wichtig, regelmässig die Fettpolster zu erneuern. Der Bergfink kann solche Polster für drei Tage anlegen. Es gibt aber auch andere Strategien: So halten Kleiber einen sogenannten «Kontaktschlaf»: Die Vögel schlafen zu einem Knäuel gekuschelt in einer Gruppe.

Nickerchen in der Eigernordwand

Schnee- und Birkhühner bauen sich Schneehöhlen und Schneefinke schlafen in Felsspalten. So können sie bei einem Nickerchen in der Eiger Nordwand bis zu 80 Prozent ihrer Energie sparen. Der Vogelschutz erklärt, dass die Sterbequote einer Vogelart im Winter besonders hoch sei: «Ein Wintergoldhähnchen muss am Morgen dringend als erstes Futter finden, da ein solches Federgewicht den doppelten Energieverbrauch einer Amsel hat.»

Schweinefett ist für Vögel wie Fast Food

In Sachen Fütterung wird besser nicht Brot und Schweinefett gegriffen. Vögel fressen dies zwar gerne doch: «Es ist eigentlich mit Fast Food zu vergleichen und dementsprechend ungesund.» Wenig Brot sei aber kein Problem. Besser wäre jedoch natürliches Futter, wie es in der Natur vorkommt. Christina Lutz’ Erfahrungen zeigen, dass im Wald und an Fliessgewässern, aber auch in Siedlungsgebieten zahlreiche Vögel vorhanden sind. «Im Kulturland nehmen die Populationen ab, weil dort das Nahrungsangebot als Folge der abnehmenden Artenvielfalt zu klein ist oder durch den Einsatz von Pestiziden vergiftet wird.» Was die Anzahl der Wintergäste betrifft, habe es laut der Vogelschützerin tendenziell immer etwa gleich viele. «Aber wenn es einen extrem starken und schneereichen Winter im Norden gibt, können Invasionsflüge der Bergfinken vorkommen, das sind dann Millionen von Individuen.» Sie fügt allerdings hinzu: «Die Anzahl Vögel und die Arten nehmen dennoch eher ab. Durch den Klimawandel können sich die Brutorte verschieben oder ganz verschwinden.»

Interesse wegen Besorgnis

Dass es der Bevölkerung wichtig ist, dass Kleiber und Co. einen angenehmen Winter haben, zeigt sich auch am Interesse im Vogelschutz. Nicht zuletzt sieht Christina Lutz das Interesse auch darin, dass die Biodiversität politisch in aller Munde ist. Sie spricht damit auch das Insektensterben und den Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft an. «Dem Menschen ist bewusst geworden, wie viele Fehler in der Landwirtschaft, in Feuchtgebieten, Mooren und Wäldern gemacht werden.» Weitere Informationen zur artgerechten Vogelfütterung sowie eine Liste aller Arten in der Region findet man auf der Website www.nvflawil.ch

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