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Sie singen mit den Händen: Wie Ostschweizer Gehörlose der evangelischen Kirche Ostern feiern

Die evangelische Gehörlosengemeinschaft begeht den Karfreitag in Wil. Still bleibt es dabei nicht. Der Gottesdienst ist lebhaft, herzlich und greifbar – nicht zuletzt wegen des Gebärdengospelchors.
Linda Müntener
Die Gehörlosenpfarrerin Martina Tapernoux hält ihre Predigt, Dolmetscher Tobias Bonderer übersetzt in Gebärden. (Bild: Benjamin Manser)

Die Gehörlosenpfarrerin Martina Tapernoux hält ihre Predigt, Dolmetscher Tobias Bonderer übersetzt in Gebärden. (Bild: Benjamin Manser)

Martina Tapernoux legt ihre linke Faust senkrecht in ihre rechte, flache Hand. «Amen». Die Frauen und Männer im Publikum machen es ihr nach, manche bewegen ihre Lippen, andere schauen nur zu. Es ist Karfreitag in der Kreuzkirche in Wil. Die Gehörlosengemeinschaft der evangelischen Kirche des Kantons St.Gallen feiert hier den Ostergottesdienst.

Seit 1951 treffen sich in der evangelischen Gehörlosengemeinde Menschen mit einer Hörschädigung. Einmal im Monat findet ein Gottesdienst statt, manchmal danach ein Ausflug, regelmässig isst man gemeinsam Zmittag oder Zvieri. Die Mitglieder kommen aus St. Gallen, Appenzell, Thurgau, Graubünden und Glarus.

Martina Tapernoux ist seit September 2018 Gehörlosenpfarrerin. Die Welt der Gehörlosen war der 44-Jährigen zuvor unbekannt, faszinierte sie aber von Anfang an. «Es ist auf vielen Ebenen eine anspruchsvolle Arbeit. Und gleichzeitig eine sehr spannende», sagt sie. «Ich habe die Menschen einfach gern.»

Die Mitglieder kennen sich seit Jahrzehnten

Martina Tapernoux lernt die Gebärdensprache. Sie beschreibt es wie das Lernen einer Fremdsprache – einer äusserst herausfordernden Fremdsprache. Gebärden spricht man mit dem ganzen Körper, mit der Mimik, Gestik, den Lippen. Sitzt sie mit den Mitgliedern der Gehörlosengemeinschaft beim Zmittag, muss sie sich konzentrieren, damit sie den Gesprächen folgen kann. Auch bei den Gottesdiensten schaltet sie einen Gang zurück, beschränkt sich in ihrer Predigt auf ein Thema.

Heute erzählt sie die Geschichte von Judas, von Tätern und Opfern. Das Religiöse steht in dieser Runde aber eher im Hintergrund. Was zählt, ist die Gemeinschaft. Die Frauen und Männer kennen sich, manche schon seit Jahrzehnten, seit der Sprachheilschule oder von Aktivitäten mit anderen gehörlosen Menschen. Und obwohl man sich weniger häufig sieht, als in einer hörenden Gemeinschaft, stehen sich die Mitglieder näher, sagt die Pfarrerin:

«In dieser Gruppe können sie sich für einmal einfach normal fühlen.»

Renate Mielsch-Fehlmann (l.) und Ingrid Scheiber-Sengl treten mit ihrem Gebärdengospelchor beim Gottesdienst auf. (Bild: Benjamin Manser)

Renate Mielsch-Fehlmann (l.) und Ingrid Scheiber-Sengl treten mit ihrem Gebärdengospelchor beim Gottesdienst auf. (Bild: Benjamin Manser)

Freundschaftlich, locker, gelöst. In der Kreuzkirche wird viel gelacht. Etwa dann, wenn Martina Tapernoux die falsche Gebärde für das Wort «falsch» zeigt und sie ihre Zuschauer lächelnd korrigieren. Oder dann, wenn sich alte Freunde per Schultertipp begrüssen. «Für mich ist die Gehörlosengemeinschaft eine Familie», sagt Heidi Scheiben-Bochsler. Sie tritt mit Renate Mielsch-Fehlmann unter der Leitung von Ingrid Scheiber-Sengl im Gebärdengospelchor auf. Während eine Musikerin die Lieder am Klavier spielt, gebärden die drei Frauen synchron. Geübt haben sie vor dem Spiegel. «Grosser Gott wir loben dich» oder «Danke für diesen guten Morgen»: Die Liedtexte werden auch für Hörende begreifbar.

In ihrer Gemeinschaft werden die Gehörlosen gehört

Die Menschen hier verbindet mehr als nur ihr Glaube. «Gehörlosigkeit ist eine einschneidende Beeinträchtigung», sagt Martina Tapernoux. Gehörlose blieben im Alltag aussen vor, fühlten sich oft ausgeschlossen. Dass die Gehörlosen jahrzehntelang ausgestossen wurden, dass die gebärdenorientierte Pädagogik bis in die 1980er Jahre verpönt war, dass die Gebärdensprache als «Affensprache» stigmatisiert wurde – das sei tief in den Leuten drin. Oder wie Felix Urech, Präsident der Gehörlosengemeinde, in seiner Jahresansprache schreibt: «Sie haben Ohren und wollten nicht unsere Stimme hören.» In ihrer Gemeinde werden sie gehört.

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