Sie sind ein eingespieltes Team

Margrith und Albert Cadurisch sind 73 Jahre alt und beinahe so aktiv wie während ihrer Berufszeit. Einfach anders. Das Flawiler Ehepaar hält sich mit Nordic Walking und Krafttraining fit und stellt während des Jahres Produkte her, welche es auf Weihnachtsmärkten verkauft.

Cecilia Hess-Lombriser
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Margrith und Albert Cadurisch präsentieren eine Auswahl ihrer selbstgemachten Produkte. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Margrith und Albert Cadurisch präsentieren eine Auswahl ihrer selbstgemachten Produkte. (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

FLAWIL. Die erste Begegnung findet am Rand des Leindotterfeldes in Flawil statt, als dieses in seiner Blüte steht. Der Leindotter ist eine alte Pflanze, die wiederentdeckt wird. Das seltene, wertvolle Öl kommt dieses Jahr zum ersten Mal als elftes St. Galler Öl in den Direktverkauf. Das Neue, der Aufbruch und die Direktvermarktung passen auch zu Margrith und Albert Cadurisch, und dabei greifen auch sie auf Bewährtes zurück.

Schrittweise in Pension

Sie sind mit einer Bekannten des Weges gekommen, alle mit Nordic-Walking-Stöcken in der Hand. Ein Wort ergibt das andere, es wird gelacht und schliesslich das Du angeboten. Die nächste Begegnung ist gewollt. Das Ehepaar Cadurisch empfängt die Besucherin im schmucken Eigenheim an der Kronbergstrasse. Hier wohnt es in gut funktionierender Nachbarschaft. «Wir laden uns seit Jahren gegenseitig zum Geburtstag ein – ohne Geschenke. Ansonsten respektieren wir gegenseitig die Privatsphäre, helfen jedoch, wenn es nötig ist». Die beiden Kinder wohnen mit ihren Familien in der Region. Das jüngste von vier Enkelkindern hat soeben die Lehre als Innenarchitektur-Zeichnerin mit einer Traumnote abgeschlossen. Enkelhüten ist also längst kein Thema mehr.

Margrith Cadurisch ist vor elf Jahren pensioniert worden. Zu ihrem Leidwesen hatte die Bank, bei der sie in Flawil während 27 Jahren halbtags als «Allrounderin» gearbeitet hatte, das Reglement geändert und sie bereits mit 62 Jahren in die Pension verabschiedet. Sie war glücklich mit ihrer Arbeit.

Albert Cadurisch hatte sich mit 60 Jahren nochmals und einmal mehr auf Stellensuche machen müssen und das Glück gehabt, nach 130 Bewerbungen und nur einem Monat Arbeitslosigkeit eine auf ihn zugeschnittene Anstellung im Bereich Verkauf und Werbung zu finden. Auf Abruf durfte er noch bis vor zwei Jahren die eine oder andere Aufgabe für das Gossauer Unternehmen übernehmen.

1971 in Flawil niedergelassen

Albert Cadurisch trägt einen Bündner Namen, er ist jedoch in Bad Ragaz aufgewachsen, seine Frau in Stäfa. Sie hätte sich nie einen Wohnort ohne See vorstellen können. 1971 hatte sich die Familie dennoch in Flawil niedergelassen und sich bald integriert. «Durch die Schule und den Skiclub hatten wir schnell Kontakt», blickt Margrith Cadurisch dankbar zurück. Er war 15 Jahre Präsident des Samaritervereins und Samariterlehrer. Beide nahmen während 20 Jahren an den Schweizerischen Samariter-Wettkämpfen teil. «Die Flawiler waren fast gefürchtet», lacht sie. Dafür hätten sie trainiert, seien joggen gegangen. Bergtouren und Wanderwochen mit anderen Ehepaaren gehörten bis vergangenes Jahr zum regelmässigen Programm. Aus Rücksicht auf andere Beteiligte sind die Touren verkürzt worden.

Margrith und Albert Cadurisch strahlen, sind kommunikativ, setzen sich Ziele und achten auf die Gesundheit. Ein Grundvertrauen und Gelassenheit bei Tiefen im Leben helfen mit, jeden Tag positiv anzugehen und zu gestalten. Zum Gesundheitsprogramm gehört die fast tägliche Nordic-Walking-Tour. Zusätzlich gibt es im Keller Trainingsgeräte für Kraft und Ausdauer. «Die Ernährung ist uns wichtig», sagen sie. Sie sind ein eingespieltes Team, machen fast alles gemeinsam. «Ob das gut ist, frage ich mich manchmal», gesteht Margrith Cadurisch.

Spontane Handwerkerin

Beim Erzählen stellt sich heraus, dass es doch auch je eigene Bereiche gibt. Die Selbständigkeit ist beiden eigen. Albert Cadurisch hatte während 14 Jahren sein eigenes Grafik-Atelier, die Kompetenzen hatte er sich in der Weiterbildung nach der Ausbildung als Maschinenzeichner angeeignet. Und nun ist in der Pensionierungszeit ein neues, gemeinsames Unternehmen entstanden. Begonnen hatte alles mit dem kleinen Weihnachtsmarkt in Wolfertswil. «Mir gefiel er so gut, dass ich sagte, hier würde ich auch gerne etwas verkaufen, ohne zu wissen, was. Im folgenden Jahr wurde ich angefragt, ob ich mitmachen wolle», erinnert sich Margrith Cadurisch. Weil sie ein Weizenkissen erhalten hatte, kam sie auf die Idee, Dinkelkissen zu nähen, die für Warm- oder Kaltanwendungen gebraucht werden. Sie näht sie mit acht Kammern, damit die Körner nicht von der einen Seite auf die andere rutschen und sie näht farbige Anzüge dazu.

Von den Reisen in Südafrika, wo die Tochter lange gelebt hatte, nahm sie allerlei Ideen und Material mit nach Hause und arbeitete die Sachen nach. Reissverschlusstaschen sind dabei oder Armbänder aus Sicherheitsnadeln. Unterdessen sind Produkte aus dem Garten dazu gekommen: getrocknete Kräuter, süss-sauer Eingemachtes, Apfelringe. Ebenfalls aus Südafrika stammt die Idee mit den Kühlkrawatten. Margrith Cadurisch näht dabei ein besonderes Granulat ein, das, in Wasser getaucht, stundenlang durch die Verdunstung kühlt.

«Pasta Alberto»

Weil auch Albert Cadurisch ein Unternehmer ist, gern «händelet» und kommunikativ ist, trägt er zum Sortiment bei und stellt Teigwaren her. Dafür hat er sich eine Maschine gekauft. In seinem Arbeitszimmer hängen die Teigwaren zum Trocknen an der Leine. Die neuesten Sorten bestehen aus Dinkelmehl. «Wegen des Geldes müssten wir diesen Aufwand nicht betreiben, aber wir sind beschäftigt, haben ein gemeinsames Ziel und freuen uns über die Kontakte an den Markttagen», sagt er. Sie sind präsent am Weihnachtsmarkt im Remund-Gartenpark in Niederuzwil und an den Weihnachtsmärkten in Wolfertswil und Flawil. «Wir produzieren mit wenig Druck und dann, wenn es passt oder regnet», erzählt das Ehepaar. Es gibt auch Alternativen. Albert Cadurisch geht ab und zu mit Waren an einen Flohmarkt, er filmt während den Ferienreisen oder Tourenwochen, bearbeitet das Resultat in stundenlanger Arbeit und vertont das Endprodukt. Der Gang durch das Haus verrät auch den Sammler. Alte Fotokameras und Eisenbahnen stehen in Glasvitrinen. Ausserdem: «Wir pflegen einen grossen Bekanntenkreis. Beziehungen sind uns wichtig», sprechen Cadurischs einen weiteren Gesundheitsfaktor an. Sie selber nennen «Vertrauen» als Basis für ihre gute Beziehung.